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Hilferuf der Helferkreise:Die Wohnungsnot trifft alle

Anerkannte Asylbewerber müssen eigentlich aus den Flüchtlingsunterkünften ausziehen, aber auf dem freien Markt gibt es so gut wie keine Mietobjekte. Damit sie nicht obdachlos werden, werden sie weiter dort "geduldet"

Im Landkreis sind derzeit 1151 Flüchtlinge in 93 dezentralen und zwei Gemeinschaftunterkünften untergebracht. 446 von ihnen haben einen positiven Asylbescheid und müssten eigentlich raus aus den staatlichen Unterkünften. Doch gerade im angespannten Wohnungsmarkt im Landkreis ist es alles andere als einfach, ein Wohnung zu finden, zumal eine bezahlbare - nicht nur für Flüchtlinge. Die Situation auf dem Wohnungsmietmarkt ist nach Meinung von Eva Kolenda, der Erdinger Mietervereinsvorsitzenden, einfach nur "schrecklich" und "dramatisch", wie sie jüngst erklärte. Auch die Makler bestätigen die äußerst problematische Situation. "Das Problem, dass es für anerkannte Asylbewerber sehr schwierig ist, eine geeignete Wohnung zu finden, ist auch im Fachbereich Asyl bekannt", teilt Claudia Fiebrandt-Kirmeyer, die Pressesprecherin des Landratsamtes mit. Damit die Flüchtlinge nicht obdachlos werden, werde es geduldet, dass sie in den Unterkünften bleiben.

Erst diese Woche hat die Flüchtlingshilfe Dorfen passend zur Weihnachtszeit einen Hilfeaufruf unter dem Motto "Herbergssuche in Dorfen 2017" gestartet. Die Suche nach einer geeigneten Wohnung sei eine der größten Herausforderungen für die Flüchtlingshilfe, schreibt der Vorstand der ehrenamtlichen Helfer. Auch in anderen Gemeinden im Landkreis gibt es ähnliche Hilferufe aus Helferkreisen..

"Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen vor Ort dürfte sich zu einem der größten Integrationshindernisse entwickeln, da der geduldete weitere Aufenthalt in den Unterkünften den Zustand einer außergewöhnlichen und behelfsmäßigen Unterbringung fortschreibt. Vor allem Familien mit Kindern benötigen dringend normale Wohnverhältnisse statt Ausgrenzung und prekäre Lebensbedingungen", schreibt die Flüchtlingshilfe Dorfen.

Wer als anerkannter Flüchtling weiterhin in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt, weil er keine Wohnung auf dem freien Markt findet, gilt als "Fehlbeleger", kann aber häufig bleiben, wenn Platz ist. Doch dann ist eine "Unterkunftsgebühr" fällig. Für diese ist nicht das Landratsamt zuständig, sondern die Zentrale Gebührenabrechnungsstelle für Asylbewerber und Aussiedler in Unterfranken (ZGASt). Seit 1. Januar 2017 sind 311 Euro für Singles beziehungsweise den Haushaltsvorstand fällig, sowie 97 Euro für Kinder und weitere Haushaltsangehörige. Bei einer fünfköpfigen Familie ergibt das mehr als 700 Euro im Monat für einen gemeinsam genutzten Raum, der oftmals nicht größer als 20 Quadratmeter ist, was nach Meinung der Helfer zu viel ist.

Falls die Betroffenen bisher nicht gearbeitet haben, übernimmt das Jobcenter diese Kosten. Wer jedoch schon einen Job gefunden hat, wird zur Kasse gebeten. Aber auch das Jobecenter zahlt nicht alles, was auf dem freien Markt für Mietwohnungen verlangt wird. Das Sozialgesetzbuch (SGB) II sieht nur die Erstattung von "angemessenen" Mietkosten vor. Zu denen gehören die Kaltmiete und die "kalten Nebenkosten", zum Beispiel für Wasser, Abwasser, Müll oder Hausmeisterkosten. Bei einem Vierpersonenhaushalt liegt die Mietobergrenze in Erding bei 855 Euro (bei einer maximalen Wohnungsgröße von 90 Quadratmeter) und in Dorfen 765 Euro.

Die Flüchtlingshilfen sehen in dem Mangel an Wohnungen ein großes Hindernis für die Integrationsbemühungen der ehrenamtlichen Helfer, deren Grenzen der Belastbarkeit inzwischen auch so erreicht sei. Denn "soziale Arbeit im Sinne der Einzelfallhilfe und gesellschaftlicher Problemprophylaxe findet seitens der Unterbringungsbehörden in den Unterkünften nicht statt. Individuelle Unterstützung gerade psychisch schwer belasteter Personen, aber auch die Alltagsorganisation in allen Unterkünften und Konfliktinterventionen, leisten ausschließlich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer", wie die Dorfener Hilfe schreibt.

Jetzt hoffen die Helfer auf Unterstützung von Maklern und Bürgern in und um Dorfen. Alleine dort werden bis zu zehn Wohnungen gesucht. "Der Einsatz lohnt sich: Eine erfolgreiche Integration verhindert Parallelgesellschaften und reduziert soziale Konflikte." Fiebrandt-Kirmeyer erklärt, dass das Landratsamt bei auslaufenden Mietverträgen bei den Unterkünften die Vermieter darauf anspreche, ob Bereitschaft bestehen würde, das Objekt direkt an anerkannte Asylbewerber zu vermieten. Dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt eher verschärfe als verbessere, befürchten alle.

© SZ vom 14.12.2017
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