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Hilfe trotz Einschränkungen:"Das ist eine sehr spannende Zeit für uns"

Thomas Pölsterl leitet die Suchtberatungsstelle Prop Erding.

(Foto: Renate Schmidt)

Thomas Pölsterl von der Suchtberatung Prop e.V. betreut aufgrund der Kontakteinschränkungen aktuell viele Klienten regelmäßig über Videochat. Er ist überrascht, wie gut die Sitzungen online funktionieren

Die Suchtberatungsstelle Prop in Erding steht Menschen zur Seite, die Probleme mit Alkohol, Drogen, Medikamenten oder dem Glücksspiel haben. Die Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen der vergangenen Wochen haben die Arbeit von Thomas Pölsterl, dem Leiter der Beratungsstelle, nicht gerade erleichtert. Anstelle eines persönlichen Kontakts im Büro läuft die Kommunikation über Telefon, E-Mails und Videochats - doch es funktioniert besser als erwartet. Ein Gespräch mit Thomas Pölsterl über eine Krise und ihre Chancen.

SZ: Herr Pölsterl, wie halten Sie angesichts der bestehenden Einschränkungen Kontakt zu Ihren Klienten?

Thomas Pölsterl: Unser Unterstützungsangebot läuft 1 : 1 weiter. Wir sind zu den gewohnten Öffnungszeiten telefonisch erreichbar - und halten nun zusätzlich auch noch über E-Mails und über Videochats Kontakt.

Aber nicht jeder hat einen Laptop.

Wir haben eine Plattform, die sowohl für Laptop als auch für Handy geeignet ist. Ein Handy hat heute doch fast jeder. Zudem achten wir auf den Datenschutz und auf eine einfache Bedienung.

Und das mit dem Videochat klappt gut?

Ja, sehr. Wir achten darauf, dass wir mindestens einmal wöchentlich die von uns betreuten Klienten erreichen. Einen Tag vor dem Videochat erinnern wir kurz an den vereinbarten Termin. Und was soll ich sagen: Die Termine werden alle eingehalten - während wir vor Corona bei ausgemachten Gesprächen im Büro immer so um die 15 Prozent Terminausfall hatten. Wir lernen auch aus der Krise. Es erhöht offensichtlich die Bindung, wenn wir an den Termin vorab erinnern.

Wie viele Gespräche führen Sie pro Woche?

Im Schnitt liegen wir bei 26 Gesprächen pro Vollzeitmitarbeiter, im Moment geht es eher in Richtung 30.

Das sind die Zahlen für die bereits Betreuten. Wie viele Neuaufnahmen haben Sie jetzt inmitten der Krise?

In der Woche melden sich bei uns normalerweise etwa zehn Menschen erstmalig, im Moment sind es fünf.

Ich dachte, dass es gerade jetzt viel mehr sein müssten.

Das ist nicht ungewöhnlich, darüber klagen auch viele Fachärzte im Moment. Einige wissen zum Beispiel nicht, dass wir unseren Betrieb inmitten der Corona-Krise aufrecht erhalten. Andere leben jetzt von einem Tag in den anderen, wenig ist planbar, sie wissen nicht, ob sie überhaupt in einer Reha-Klinik aufgenommen werden, wie das mit der Quarantäne klappt, kurz: es ist für einige jetzt einfach nicht die rechte Zeit. Nur als Beispiel: Ein Raucher, der jetzt die ganze Woche in der Wohnung verbringen muss, ohne irgendeine Ablenkung, der schafft es jetzt erst recht nicht, aufzuhören. Und ich kann das verstehen.

Aufhören ist die eine Seite. Aber es besteht doch die Gefahr, dass in der Quarantäne nicht wenige zum Trinken anfangen.

Ich kann hier nur von unseren Patienten sprechen, und da gibt es natürlich welche, die gerade jetzt stark rückfallgefährdet sind. Aber insgesamt kann ich bei unseren Betreuten keinen vermehrten Konsum feststellen. Und die Glücksspieler sind wahnsinnig erleichtert, dass die Spielhallen corona-bedingt geschlossen sind. Da darf halt nur die Schranke zum Onlinespiel nicht fallen.

Insgesamt ist die Zeit der Corona-Pandemie mit den Kontaktbeschränkungen sehr belastend. Für Ihre Klienten wohl umso mehr.

Ganz allgemein gesagt, ist die Corona-Zeit eine sehr spannende Zeit für uns. Die Klienten reagieren nämlich ganz unterschiedlich. Für manche ist es einfach wichtig, zumindest spazieren gehen zu können. Anderen, ich sag mal: einfach Strukturierteren, muss man erst einmal die Lage erklären, damit sie nicht in Panik verfallen. Und dann gibt es dann noch Patienten, die paradoxerweise jetzt geradezu aufleben, aktiv werden, ja, fast nicht wiederzuerkennen sind. Und wissen Sie, was diese Menschen, die sonst ein wirklich sehr einsames, isoliertes Leben führen, mir sagen? "Jetzt spüren die anderen, wie es mir das ganze Jahr geht."

Man könnte also sagen: Diese Menschen fühlen sich nicht mehr so allein, jetzt, da viele andere ihre Zeit in Isolation verbringen?

Ein bisschen sind sie dadurch sozusagen wieder in die Mitte der Gesellschaft hineingerückt. Das könnte man so sagen. Mich hat dieses Aussage sehr berührt. Da wird die Tragik deutlich, was so ein Leben in zum Teil lebenslanger Isolation bedeutet.

Ab Montag, 11. Mai, bietet Prop wieder persönliche Gespräche im Büro an der Landshuter Straße 9 in Erding an - allerdings nur nach Terminabsprache. Prop e. V. ist erreichbar von Montag bis Donnerstag 9 bis 16 Uhr und Freitag 9 bis 13 Uhr, unter Telefon 08122/9998130.

© SZ vom 08.05.2020

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