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Herzensangelegenheit:Gesprächspartner in höchster Not

Am Klinikum Erding ist eine Psychoonkologische Ambulanz eröffnet worden. Sie steht Krebspatienten und ihren Angehörigen offen und ist zunächst auf drei Jahre angelegt

Die Diagnose Krebs bedeutet erst mal einen riesigen Schock. Wut, Verzweiflung, Panik, Todesangst ballen sich zu "einem Riesenknäuel" zusammen, so beschreibt es der Erdinger Onkologe und Palliativmediziner Peter Schmidkonz. Am Klinikum Erding gibt es jetzt eine Stelle, die helfen kann, Fäden des Knäuels etwas zu entwirren. Von sofort an steht Krebserkrankten die psychoonkologische Ambulanz am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) zur Verfügung. Initiiert wurde das auf drei Jahre angesetzte Pilotprojekt vom Palliativ Team Erding.

Die psychoonkologische Ambulanz sei schon lange eine Herzensangelegenheit des Erding Palliativteams gewesen, betont Rita Gabler vom Palliativ Care Team. "Und eigentlich war es ein Unding, dass wir so etwas noch nicht hatten." Es sei wichtig, Patienten und Patientinnen nach der Diagnose und dem ersten Schock aufzufangen und ihnen dann während der Behandlungen, stationär oder ambulant, zur Seite zu stehen. Mit von Psychoonkologen lernten Krebserkrankte zum Beispiel Methoden, um mit Wut, Angst oder Depression umzugehen, so Rita Gabler. In der Sprechstunde erhalten sie zudem Informationen über die Erkrankungen, auch darüber, wie es beruflich weitergehen kann, welche finanzielle Unterstützung es geben kann "oder welche psychologische Unterstützung es zum Beispiel auch für die Kinder gibt", so Gabler. Die Ambulanz arbeite außerdem eng mit der Sozialarbeit am Klinikum und der Breast Care Nurse vom Brustzentrum zusammen.

Barbara Scholtissek

Ärztin Barbara Scholtissek steht ab sofort Krebspatienten in der Psychoonkologischen Ambulanz zur Seite.

(Foto: privat)

Ganz wichtig seien die Gespräche, sowohl mit den Erkrankten als auch mit den Angehörigen. Paare verfallen in Schweigen, weil der Krebspatient den Partner oder die Partnerin nicht belasten möchte und lieber sagt: "Es geht schon" anstatt "Ich habe Angst". In der Ambulanz, die auch Angehörigen offen steht, könnten sie offen reden und über all das sprechen, was sie sich vielleicht niemals vor der Familie getraut hätten, so Gabler. In der psychoonkologischen Ambulanz gebe es dafür ausreichend Raum, "Zeit spielt keine Rolle". Mit dem neuen Angebot am Klinikum wurde eine "absolute Lücke" gefüllt, erklärt Peter Schmidkonz. Aufgrund von Spenden war das Projekt auch finanzierbar, die Räume am MVZ stellt der Landkreis zur Verfügung. Nach Ablauf der drei Jahre werde man sehen, wie es angenommen wurde und wie die Weiterführung finanziell sichergestellt werden kann. "Uns war einfach wichtig, jetzt das Projekt anzuschieben und möglichst früh ein Hilfsangebot zu haben."

Den Patientinnen und Patienten stehen von sofort an Barbara Scholtissek, Ärztin und Psychoonkologin, und Ninja Flux, Sozialpädagogin und Psychoonkologin, zur Verfügung. Sie werden zunächst mit Sprechstunden zweimal in der Woche beginnen. Schmidkonz, Arzt im Ruhestand und Mitglied im Palliativ Team Erding, sieht sich als Vermittler zwischen Palliativ Team und Krankenhaus. Den Plänen für eine psychoonkologische Ambulanz sei das Klinikum immer sehr offen gegenüber gestanden.

ninja flux

Sozialpädagogin Ninja Flux unterstützt die Krebspatienten ebenfalls. Für die Gespräche steht zudem ein Raum im Medizinischen Versorgungszentrum zur Verfügung.

(Foto: privat)

"Ich freue mich, dass wir dieses Projekt zugunsten Krebskranker nun starten können, und bedanke mich herzlich beim Palliativ Team Erding für ihren langjährigen Einsatz bei uns im Landkreis", wird Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) in einer Pressemitteilung zitiert. Belastende Untersuchungen und Behandlungen veränderten das gewohnte Leben, und oft brauche auch die Psyche Unterstützung, heißt es weiter. "Der seelische Schock sitzt tief und die Verarbeitung bedeutet eine große Herausforderung für die Menschen." Hier setze sehr früh im Krankheitsverlauf die Unterstützung durch die Psychoonkologie an: Sich in Ruhe in einem vertrauensvollen Gespräch noch einmal mit der Situation auseinanderzusetzen, über seine Sorgen, Ängste und Hoffnungen offen sprechen zu können, das könne vielen Betroffenen bei der Verarbeitung und Heilung der seelischen Wunden helfen.

Das Beratungsangebot von Barbara Scholtissek und Ninja Flux steht den Patienten und Patientinnen des Klinikums bereits während des stationären Aufenthaltes zur Verfügung. Um einen ambulanten Termin nach der Entlassung zu vereinbaren, können sich Interessierte unter der Telefon 0172/4685973 an die Psychoonkologische Ambulanz am Klinikum wenden.

© SZ vom 03.03.2020
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