Süddeutsche Zeitung

Halbzeitbilanz zum Herbstfest:Weniger Menschen als früher besuchen das Erdinger Herbstfest

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Eigentlich würde alles stimmen: Das Angebot, die Preise, die Atmosphäre, die Polizei meldet zur Halbzeit eine bisher sehr friedliche Wiesn. Aber dennoch bleiben vor allem ältere Leute zuhause.

Von Gerhard Wilhelm, Erding

"Zwei Jahre war jetzt Pause. Und geändert hat sich in der Zeit sehr viel. Bei den Menschen und den Strukturen. Mehr als man glaubt." Damit hatte Erdings Oberbürgermeister Max Gotz schon am Anfang seiner Halbzeitbilanz für das am vergangenen Freitag begonnenen Herbstfestes einen Eckpunkt gesetzt, denn auch in Erding muss man nach vier Tage Festbetrieb feststellen, dass weniger Menschen als früher das Fest besuchen. Das habe nichts mit der Qualität des Festes, der Auswahl der Fahrgeschäfte oder mit dem Service zu tun, sondern sei eine "gesamtgesellschaftliche wahrnehmbare Entwicklung", sagte OB Gotz. Viele älteren Besucher würden wegen Corona zögern und insgesamt müssten viele Menschen angesichts der Energiekosten und Inflation sparen.

Am Wochenende wurde ein spürbarer Besucherrückgang festgestellt

"Wir müssen uns klar machen, dass auch eine Stadt Erding nicht rausgelöst ist aus dieser Entwicklung in unserem Land", sagte Max Gotz. Wenn man sich andere Volksfeste in der Region ansehe, dann haben diese teilweise einen Besucherrückgang von bis zu 30 Prozent. "Das ist schon eine Hausnummer und da spüren wir, wie die Menschen einfach sorgsamer sind." Auf dem Herbstfest habe man am Samstag und am Sonntag schon festgestellt, dass es einen spürbaren Rückgang gebe. Und dies werde sich auch am Schluss zeigen. Viele ältere Erdinger hätten sich bei ihm entschuldigt, dass sie heuer nicht aufs Herbstfest kommen. "Ich verstehe, dass sich viele der älteren Bürgerinnen und Bürger um ihre eigene Gesundheit sorgen." Es sei eben auf dem Herbstfest nicht nur alles "Halligalli".

Und zum anderen drücke viele Menschen die Sorge, wie sie durch die Energiekrise kommen, sie müssen sparen. Bei der Stadt habe man die Auswirkungen der Corona-Pandemie schon bei der Organisation des Festes gespürt. Der Aufwand sei größer geworden und einige Schaustellerbetriebe, die man früher am Platz begrüßen habe können, hätten aufgeben müssen. Auch bei der Stadt habe man sich aus wirtschaftlichen Gründen entschlossen, zum 80. Herbstfest keinen großen Jubiläumsumzug zu veranstalten, der etwa 180.000 Euro gekostet hätte. Der Ausfall bei der Gewerbesteuer reiße derzeit bei der Stadt ein Loch zwischen 45 und 48 Prozent. Man müsse deshalb die städtischen Investitionen gegenüber den Bürgern und Bürgerinnen rechtfertigen. Gerade in Zeiten, in denen viele um ihre Existenz kämpfen, und viele ihre Existenz verloren haben. Trotz allem, so Gotz, blicke er optimistisch nach vorne. Auch, wenn er sich sicher zeigte, dass sich das Herbstfest "in den nächsten Jahren weiter nachhaltig verändern wird".

OB Gotz fordert, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen

Einen großen Dank sprach OB Gotz, neben allen anderen am Gelingen des Fest beteiligten Personen, unter anderem dem Ortsverband des Sozialverbands Deutschland aus, der mit einem jungen Team sowohl das Parken am Herbstfest, als auch die sanitären Anlagen organisiert. Bei beiden habe es einen "Qualitätssprung" gegeben, auch wenn es viele Bürger wohl gar nicht wahrnehmen würden, da generell hohe Ansprüche gestellt würden. Gotz klagte in dem Zusammenhang, dass in Deutschland "nur noch Ansprüche bei uns formuliert werden". Jede solle dieses Verhalten einmal für sich selbst reflektieren, denn die Stadt sei "kein Vollsortimenter". Man müsse mehr Eigenverantwortung übernehmen, auch, wenn das in der jetzigen Zeit für viele ganz unbequem sei.

Kurz machte es Gabi Rilke, die neue Schaustellersprecherin, da ihr OB Gotz schon vieles abgenommen habe. Die Corona-Pandemie habe so manche Probleme hervor gebracht für die Schausteller, zum Beispiel Personalsorgen. Und deshalb könnten einige Kollegen zum traditionellen Schaustellerfrühstück nicht kommen. Sie müssen arbeiten. "Es ist für uns alle derzeit schwer", sagte Gabi Rilke.

In den ersten vier Tagen gab es laut Polizei nur drei Körperverletzungen

Harald Pataschitsch, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Erding, zog für seinen Bereich ein "sehr, sehr positives Zwischenergebnis". Die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten seien auf einem "absoluten unteren Niveau". In den ersten vier Tagen seien zum Beispiel nur drei Körperverletzungen im Zusammenhang mit dem Herbstfest erfasst worden. Zwei ereigneten sich auf dem Volksfestplatz, eine in der Innenstadt. Auch die Alkoholfahrten seien auf einem ebenfalls "absolut niedrigen Niveau". Insgesamt gebe es aus Polizeisicht eine "sehr freundliche Stimmung auf der Wiesn".

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