Lebendige Geschichte:Der Vergangenheit eine Zukunft geben

Lebendige Geschichte: Otto Lallinger, ehemaliger Schuster aus Steinkirchen.

Otto Lallinger, ehemaliger Schuster aus Steinkirchen.

(Foto: Renate Schmidt)

Wagner, Schmieder, Schuster oder Schriftsetzer. Die Oldtimerfreunde vom Heimatmuseum Thal lassen altes Handwerk wieder lebendig werden, beim Balken behauen, Kraut einschneiden, Garn spinnen oder Weiden flechten. Zahllose Freiwillige arbeiten am Aufbau des Museums mit.

Von Simon Kienzl, Kirchberg

Gleichmäßig tönt aus der Schmiede der dumpfe Klang eines Hammerschlags, ein Schuster sitzt bei seinen Leisten und fertigt ledernes Schuhwerk, nur wenige Meter weiter gehen ein Steinmetz und ein Seiler ihrem Handwerk nach. Während der Duft frischgebackenen Brotes sich aus dem Backofen über den ganzen Hof verbreitet, könnte man meinen, man sei einige Jahrhunderte zurück in die Zeit gereist. Wären da nicht Hunderte Schaulustige, die den Handwerkern interessiert über die Schulter blicken.

Was nach einer geradezu mittelalterlichen Szene klingt, ist in Wahrheit der Arbeit zahlloser Freiwilliger im Heimatmuseum Thal in Kirchberg zu verdanken. Beim traditionellen Hoffest gab es vor einigen Tagen neben den historischen Gebäuden und Exponaten des Museums zahlreiche handwerkliche Vorführungen zu bestaunen. Es wurde gebastelt, gemalt, getöpfert, Körbe geflochten. 600 bis 700 Menschen kamen zu diesem besonderen Anlass ins Museum im Erdinger Holzland, das ansonsten von April bis Oktober jeden ersten Sonntag des Montags die Tore für Besucherinnen und Besucher öffnet.

"Wir sind zufrieden mit dem Hoffest. Es steckt schon auch immer einiges an Organisation dahinter, letzten Sonntag gab es einen Mittagstisch, Kaffee und Kuchen und wir kochen alles immer selbst! Da waren es dann insgesamt knappe 50 Leute, die mitgeholfen haben", so Karin Rott, Kassiererin der Oldtimerfreunde Kirchberg/Holzland e.V. Ein Oldtimer-Verein und ein Heimatmuseum, mag man sich fragen. Hinter dem Museum stehen aber tatsächlich die Mitglieder der Oldtimerfreunde. Karin Rott erinnert sich: "Der Verein wurde 1997 gegründet, von ein paar Liebhabern, die eine besondere Leidenschaft für Autos und Traktoren hatten, aber auch alte Sachen gesammelt haben. Von da aus hat sich alles entwickelt."

Tatsächlich war der Vater von Karin Rott einer dieser Liebhaber und seit Anfang des Museums im Jahr 2004 als Gründungsmitglied dabei. Damals wurde der Grundstein des Museums gelegt, beziehungsweise wieder gelegt, auch wenn es paradox klingen mag. Tatsächlich wurde das zwölf mal 31 Meter große Hauptgebäude, das ein Nachbau eines für die Region typischen Hofes ist, in Zustorf ab- und in Kirchberg wiederaufgebaut. Heute bietet es mit seinem originalgetreuen Innenräumen wie Küche, Stube und Querflez ein Einblick in vergangene Zeiten.

Lebendige Geschichte: Werner Zollner in der alten Schmiede im Heimatmuseum Thal.

Werner Zollner in der alten Schmiede im Heimatmuseum Thal.

(Foto: Renate Schmidt)

Die sind aber teilweise gar nicht so lange her. Die Schulbank des Schulzimmers, das im Hofgebäude besichtigt werden kann, hat ihr Vater noch selbst gedrückt, wie Karin Rott zu berichten weiß. Für viele jüngere Besucherinnen und Besucher des Museums eröffnet sich in den Ausstellungsräumen aber eine andere und fremde Welt: Kröninger Hafnergeschirr neben Pferdekutschen und -schlitten , Haushaltsgegenstände, eine Sammlung von landwirtschaftlichen Werkzeugen, Geräten und Maschinen. Waren diese noch bis vor wenigen Jahrzehnten fast täglich in den Händen eines Großteils der Bevölkerung, geht es jetzt darum "der Vergangenheit eine Zukunft zu geben."

Lebendige Geschichte: Steinmetz Alexander Knote aus Frauenberg bearbeitet einen Marmorblock.

Steinmetz Alexander Knote aus Frauenberg bearbeitet einen Marmorblock.

(Foto: Renate Schmidt)
Lebendige Geschichte: Wer kann das heute noch? Die Seiler Hans Weber (links) und Franz Jobst zeigen wie es geht. An der Kurbel steht Jakob Huber.

Wer kann das heute noch? Die Seiler Hans Weber (links) und Franz Jobst zeigen wie es geht. An der Kurbel steht Jakob Huber.

(Foto: Renate Schmidt)

So das Credo der Oldtimerfreunde im Heimatmuseum Thal. Aber auch wenn sie mit ihrer Arbeit die Zeit zurückdrehen wollen, bleibt das Museum selbst nicht in der Zeit stehen. So wurde in den vergangenen Jahren ein Museumstadel gebaut oder ein 17 Meter hoher historischer Windbrunnen und 2010 eine gotische Kapelle, über die Karin Rott berichtet: "Die ganze Decke, ein Netzgewölbe ist aus handgemachten Ziegelsteinen gemauert. Das sind also besondere Steine, die unsere Vereinsmitglieder gemacht beziehungsweise behauen haben."

Stein für Stein arbeiten Freiwillige seit Jahren am Museum mit

Stein für Stein arbeiten Freiwillige also seit Jahren am Museum mit, das dabei ganz eigenständig ist und sich durch Einnahmen und Spenden selbst finanziert. Auch deshalb seien Veranstaltungen wie das Hoffest wichtig. Warum sind aber so viele Freiwillige bereit ihre Zeit zu opfern, um mitzubauen und mitzuhelfen am Heimatmuseum Thal? Claudia Obermaier, zweite Schriftführerin des Vereins, hebt hier nicht zuletzt den gesellschaftlichen Aspekt hervor und sagt: "Es ist einfach ein guter Zusammenhalt bei uns Mitgliedern im Verein. Und ich denke, dass wir auch ein starkes Stammpublikum im Museum haben, die das Gesellige hier sehr schätzen. Einige kommen immer wieder zum Essen, oder um Bekannte zu treffen, zu uns."

Und auch im September und Oktober, werden die Oldtimerfreunde Kirchberg am ersten Sonntag des Monats im Heimatmuseum Thal Geschichte wieder lebendig zu machen versuchen - für alte und neue Gesichter unter den Besuchern.

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