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Hamsterkäufe:Auf alles vorbereitet

Hamsterkaeufe

Verängstigt sind Klaus-Peter Bodnar, sein Sohn Julian und der Rest der Familie nicht. Im Fall der Fälle haben sie ja alles - auch einen eigenen Brunnen.

(Foto: Stephan Görlich)

Vorsorge für den Katastrophenfall ist für Klaus Bodnar eine Lebenseinstellung. Den Aufruf der Bundesregierung, Vorräte anzulegen, findet er unnötig und belanglos

Von Tahir Chaudhry, Erding

Ein überdimensional breit grinsendes Pferd ziert die Fassade eines zweistöckigen Wohnhauses in der Glockengießerstraße. Hier wohnt Klaus-Peter Bodnar. "Das Erdinger Wappentier war mir zu ernst. Ich habe es digital modifiziert und ein bisschen lustiger gemacht", sagt der 62-Jährige, der als Werbetechniker in Erding und Umgebung arbeitet und sich auch Reklame-Klaus nennt. Bodnar kommt gleich zur Sache: Das alte robuste Wohnhaus sei während des Kalten Krieges von Bundeswehrsoldaten erbaut worden. Beim Bau sei massig Stahl und Beton verwendet worden - aus Sicherheitsgründen.

Bodnar war auch mal bei der Bundeswehr. Seine breite Statur und seine massiven Fäuste sieht er trotz grauer Haare und Wohlstandsbauch noch immer als seine "stärkste Waffe". Schon in seiner Jugend habe er ein spezielles militärisches Kampf- und Überlebenstraining absolviert: "Wenn ich zuschlage, dann sehen Sie gar nicht, was ich genau gemacht habe. Sie werden nur noch den Schmerz spüren." Tochter Michelle bestätigt, dass ihr Vater schlagkräftig ist. Die 17-Jährige steht kurz vor dem schwarzen Gürtel in Mixed Martial Arts, einer Vollkontakt-Kampfsportart, und sie trainiert häufig mit ihrem Vater.

"Wenn es ernst wird, graben wir im Garten ein tiefes Loch aus und legen uns alle rein".

Nach einem Blick in die Wohnung weiß man: Hier wird nichts, was irgendwie von Nutzen sein könnte, weggeschmissen. Überall Wasserbehälter, Aufbewahrungsboxen, Taschentücher, Elektrogeräte und eine große Vielfalt von wertvollem und wertlosem Krimskrams. Die Familie Bodnar - die ältesten zwei der fünf Kinder sind schon ausgezogen - fühlt sich hier wohl. Politik, Krieg und Selbstversorgung sind für die Bodnars ganz normale Gesprächsthemen beim Essen. Alle sind mental vorbereitet auf den "großen Knall". Klaus-Peter Bodnar hält einen gewaltigen Militärschlag jederzeit für denkbar. Und er glaubt, dass er die möglichen Angriffsziele präzise einschätzen könne. Auch wenn es einen Atombombenabwurf geben sollte - Bodnar geht davon aus, dass er sich über dessen Ausmaß und Wirkung genauestens informiert habe.

Lebt er in ständiger Angst? Nein, sagt er, Angst bringe gar nichts. Nur: "Wenn es dazu kommt, muss man das Beste daraus machen. Wir sind auf alles vorbereitet. Wenn es ernst wird, graben wir im Garten ein tiefes Loch aus und legen uns alle rein." Nach etwa einer Woche würden sie alle wieder rauskommen, sobald die tödlichen nuklearen Strahlen verschwunden seien. Und dann spricht er zu seiner Teenager-Tochter Michelle und seinem sechsjährigen Sohn Julian: "In einer Truppe muss man manchmal auf einen Kameraden verzichten, das sind nüchterne Kompromisse auf dem Weg zum Ziel." Sie nicken sich gegenseitig zu.

Die Familie macht sich im Alltag aber gar nicht so viele Gedanken um Vorsorge für den Katastrophenfall. Den Aufruf der Bundesregierung empfinden die Bodnars als unnötig und belanglos. Unabhängig zu sein und sich selbst zu versorgen, gehört zu ihrer Lebenseinstellung. Im kleinen Hinterhofgarten befindet sich sogar ein Brunnen. "Sogar nach einem Atombombenabwurf, sollten wir uns in den äußeren Zerstörungszonen befinden, könnte man aus der Tiefe frisches Trinkwasser schöpfen", sagt Klaus-Peter Bodnar. Als Großfamilie habe man auch immer genügend Lebensmittel für den täglichen Verbrauch vorhanden, der Kühlschrank immer voll, wenn nicht sogar überfüllt. Im Keller lagern Vollkonserven und getrocknetes Brot. Zudem gibt es dort unten für einen Stromausfall wahlweise einen Notstromaggregat oder einen Diesel-Stromerzeuger.

Wenn die Vorräte ausgehen, will Bodnar von dem überleben, was er in der Natur findet

Dass seine Nachbarn genauso vorgesorgt haben wie er, glaubt Bodnar nicht. Aber er ist überzeugt: "Man muss zusammenhalten. Wir haben genügend Vorrat um viele Nachbarn durchzukriegen."

Bodnar nutzt außerhalb seines Wohnhauses noch das Grundstück eines Freundes, auf dem er sich eine kleine Farm geschaffen hat: mit Gänsen, Hühnern und Kaninchen. Er hat seinen Tieren die Namen von Schauspielern gegeben. Im Falle eines Krieges würde er "John Wayne" und "Demi Moore" zu sich ins Haus holen. Das habe er aus der Erfahrung seiner Eltern während des Zweiten Weltkrieges gelernt, sagt Bodnar: Man müsse dann gut aufpassen auf das, was man habe.

Bodnar hat sich aber - wie könnte es anders sein - mental auch darauf vorbereitet, dass die komplette Versorgung einmal zu Ende gehen oder wegfallen könnte. Er ist überzeugt, dass er sich dann auf sein Überlebens-Fachwissen stützen könne. Und nicht nur er: "Wir können im Wald überleben, von dem, was uns die Natur hergibt. Meine Kinder wissen auch, wie man Feuer macht, wenn es kein Feuerzeug gibt." Das will der sechsjährige Julian sofort beweisen: "Zwei Steine. Bam! Bam! Funken, Feuer!" So einfach.

© SZ vom 06.09.2016

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