bedeckt München
vgwortpixel

Hallbergmoos:Saunagang auf der Autobahn

Solange er fit und verletzungsfrei ist, will Ergün Aydin weiter für den SV Siegfried Hallbergmoos zupacken.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bundesliga-Ringer Ergün Aydin, 30, zählt bei seinem Heimatverein SV Siegfried zu den Topleuten. Dafür nimmt er wöchentlich die Strapazen des "Abkochens" auf sich

Sein Weg war schon in jungen Jahren vorgezeichnet. "Ich war früher eh so ein Hyperaktiver, und das Raufen und Hin- und Herschmeißen hat mir einfach Spaß gemacht", sagt Ergün Aydin und schmunzelt dabei. Da war es naheliegend, dass der gebürtige Freisinger ein Ringer wird. Heute geht der 30-jährige Lokalmatador für den SV Siegfried Hallbergmoos in der Bundesliga auf die Matte, ist Co-Trainer des Teams und deutschlandweit einer der besten Ringer. Hauptberuflich ist er Elektriker und lebt mit seiner Frau in Landshut.

Mit zehn Jahren begann Aydin mit dem Ringen. Ursprünglich spielte er in Hallbergmoos Fußball und wurde durch einen in seiner Schule ausgeschriebenen Schnupperkurs auf den Kampfsport aufmerksam. Der Beginn seiner Karriere war jedoch alles andere als einfach: "Ich war damals immer Letzter und habe jedes mal verloren", erzählt er lachend. Die Anderen im Verein hatten schon mit sechs Jahren angefangen und waren ihm zu dieser Zeit weit voraus. Im Alter von 15 Jahren begann dann die Erfolgsgeschichte. Der damals neue Trainer Mahmoud Karimi, der selbst einmal in der Bundesliga als Ringer aktiv war, nahm Aydin 2008 als 18-Jährigen mit zu den deutschen Meisterschaften. Bei den Männern schied er aus, doch bei den Junioren wurde er Fünfter. "Da habe ich dann mit meinem Trainer ausgemacht, dass ich nächstes Jahr Erster werde", erzählt der Hallbergmooser. So sollte es dann auch kommen. Aydin beschreibt diesen Erfolg heute als den größten seiner Karriere. "Ich habe unter der Woche sowie samstags und sonntags extrem hart trainiert - und es hat sich ausgezahlt", erzählt er stolz.

2012 wurde Aydin von der Nationalmanschaft eingeladen, gewann ein Ausscheidungsturnier der fünf besten deutschen Ringer und fuhr in der Gewichtsklasse bis 75 Kilogramm mit zu den Europameisterschaften in Belgrad, wo er den elften Platz belegte. Das Kapitel Nationalmannschaft hat er auch heute noch nicht zu den Akten gelegt. "Wenn man mich noch mal einlädt, würde ich natürlich sofort mitfahren. Dieses Jahr bin ich zwar deutscher Vizemeister geworden, aber habe leider keine Einladung bekommen", erzählt Aydin ein wenig enttäuscht. Sein vorrangiges Ziel sei es aber, einmal deutscher Meister bei den Männern zu werden. Bisher wurde er dreimal Zweiter und einmal Dritter.

Aydin ist übrigens nicht nur auf der Matte ein Ass, sondern auch in einer Spezialdisziplin, die nicht direkt etwas mit dem Kämpfen zu tun hat: im so genannten Abkochen. Dabei geht es nicht um besonderen Fertigkeiten am Herd, sondern darum, bis zum Wettkampftag sein Idealgewicht mithilfe von Diät, Training, Sauna und teilweise auch etwas unkonventionellen Methoden zu erreichen. "Jeden Samstag um 18.45 Uhr ist Waage", erzählt Aydin. Bis dahin muss er 75 Kilogramm wiegen, um in seiner Gewichtsklasse antreten zu dürfen. "Wir fahren immer pünktlich zu den Wettkämpfen los, aber wenn man Pech mit dem Verkehr hat, kann es sein, dass wir grad so zur Waage kommen und keiner weiß, ob er das Gewicht hat", so Aydin weiter.

"Wenn es so knapp ist und man gar keine Zeit mehr hat, sich vor Ort vorzubereiten, muss man eben auf der Autobahn bei einer Vollsperrung die Straße entlanglaufen oder die Heizung im Auto aufdrehen und schwitzen", sagt er schmunzelnd: "Da kann die Fahrt zum Wettkampf auch mal zum Saunagang werden." Nur 100 Gramm zu viel auf der Waage bedeuten, dass der Kampf automatisch als verloren gewertet wird. "Dieses Jahr hatte ich dann auch schon öfter 75,00 oder 74,99 Kilo. Ein bisschen Risiko ist immer dabei", sagt Aydin. Wenn der Wettkampf vorbei ist, darf er wieder normal essen und trinken. "Da ist dann auch mal ein Bier nach dem Training in Ordnung", scherzt er. Am Montag wiegt der Ringer meistens um die 80 Kilogramm. Ab Mittwoch beginne dann das Abkochen und freitags esse er gar nichts mehr.

In der vergangenen Saison trat Aydin noch in der Mittelgewichtsklasse bis 85 Kilogramm an. Dazu sagt er: "Ich habe mich irgendwann einfach nicht mehr wohlgefühlt in meinem Körper. Ich hatte 92 Kilo, ich war richtig dick, das war auch nicht mehr schön und mir haben keine Anziehsachen mehr gepasst." Nach Absprache mit dem Verein wechselte er in die Weltergewichtsklasse bis 75 Kilogramm zurück. "Das Körpergefühl, die allgemeine Fitness und auch die Reaktionszeit haben sich deutlich verbessert", erklärt der Hallbergmooser und wirkt erleichtert.

Für Aydin gibt es im Moment keinen Grund, über ein Karriereende nachzudenken. "Solange ich verletzungsfrei bleibe, der Körper mitmacht und die Fitness passt, gibt es kein Problem", sagt er. In der Bundesliga kämpften auch 45-Jährige noch sehr erfolgreich, sagt er. Beim SV Siegfried ist Aydin inzwischen der Älteste. Noch mal den Verein wechseln will er nicht. Auch wenn er sich an die Zeit beim ASV Nendingen, für den er mal eine Saison kämpfte, sehr gerne erinnert. Besonders an den Finalkampf der deutschen Meisterschaft 2014 im Schwenninger Eisstadion, das Aydin mit Nendingen vor rund 6100 Zuschauern gewann. "Das war ein tolles Erlebnis und es war eine unglaubliche Atmosphäre", erzählt begeistert. Aber das ist vorbei. Für ihn ist klar: "Ich werde meinem Verein immer treu bleiben und zur Stelle sein, wenn sie mich dort brauchen."

Für seine Sportart im Allgemeinen wünscht sich Aydin übrigens mehr Aufmerksamkeit. "Im Fußball wird die Regionalliga im Fernsehen übertragen, und die erste Bundesliga im Ringen bekommt keine Sendezeit", kritisiert er.