Gütertransport in Erding:Vom König zum Störenfried

Stau in der Hitze auf der Autobahn A9

Volle Straßen, Termindruck und geringe Gehälter. Ein König der Straße ist man als Lkw-Fahrer schon lange nicht mehr.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Leere Supermarktregale gibt es zwar in Deutschland noch nicht, aber auch die Speditionen im Landkreis finden kaum mehr Fahrer - vor allem deutsche. Der Job ist bei jungen Leuten nicht sehr beliebt

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Leere Supermarktregale, kein Benzin an Tankstellen. Zwar hat der Brexit seinen Anteil, dass in Großbritannien Lastwagenfahrer fehlen, aber auch in Deutschland könnte dies drohen, warnen auch Spediteure im Landkreis Erding. Der Job sei bei jungen Leuten nicht sehr beliebt, der Lkw-Führerschein sei teuer und die Zukunftsaussichten nicht rosig, heißt es. Und wenn sich schon mal jemand auf die zahlreichen offenen Stellen bewerbe, seien es Kollegen aus dem Ausland, überwiegend aus Osteuropa.

"So schlimm wie in Großbritannien ist es noch nicht, aber ein Problem haben wir alle", sagt Leonhard Anzenberger vom gleichnamigen familiengeführten mittelständigem Unternehmen aus Isen. "Es hakt eigentlich überall, egal ob Speditionen, Handwerk oder andere Firmen. Wenn wir die osteuropäischen Fahrer nicht hätten, wäre die Situation krass." Momentan sei man mit Fahrern eingedeckt, "aber das kann sich jeden Tag ändern", sagt Anzenberger. Von Vorteil sei bei seiner Spedition, dass man innerdeutsch im Fernverkehr fahre. Man fahre manchmal Sonntagabend los, und Freitagabend seien die meisten wieder zuhause. Das funktioniert, weil die Strecken so um die vier bis viereinhalb Stunden lang sind. Das große Problem sei, dass das Preisgefüge nicht stimme und der Kunde nicht bereit sei, die höheren Kosten zu bezahlen.

"Es wird immer schwieriger, weil wir in unserem Gewerbe auch keine hohen Löhne zahlen können", sagt Max Zehetmair, Chef der Kratzer Logistik GmbH. Ein Führerschein koste heute mit alle Modulen und Anforderungen bis 15 000 Euro für Berufskraftfahrer. "Wenn man anschließend nicht vernünftig verdient, warum sollte man dann den Beruf ergreifen?" Deutsche Fahrer gebe es schon länger nicht mehr, auch wenn man Stückgut unter der Woche fahre und nicht Fernverkehr, bei dem man die ganze Woche auf Achse sei. Er selber fahre deshalb seit Längerem alleine und lasse das Geschäft langsam auslaufen.

Auch bei der Firma Transporte Bauer aus Bockhorn blickt man in eine ungewisse Zukunft. Die Spedition bietet Nah- und Fernverkehr, aber auch unter anderem Sondertransporte. Zum Einsatz kommen derzeit mehr als 20 Fahrzeuge. "Es kommt wenig an jungen Fahrern nach", sagt Rafael Di Florio, Disponent bei Bauer. Der Job sei unattraktiv geworden. Der Führerschein koste eine Menge Geld, aber man könne eben keine Unmenge an Gehalt zahlen. "Wir können nicht mehr zahlen, als wir bei den Fahrten verdienen können", sagt Di Florio. "Es wird schwierig in der Zukunft. Man spricht ja auch mit anderen Firmen, und bei denen geht es ähnlich zu. Keiner weiß genau, wie man mit der Situation umgehen soll."

Ein Problem betrifft die ganze Branche: Der Job ist nicht mehr so attraktiv wie früher. Vom früheren König der Landstraße ist nicht viel übrig geblieben. Immer mehr Stress durch eng getaktete Zeiten, wenig Privatleben, im Lkw schlafen lockt nicht mehr viele, dann lieber einen Job im Büro mit geregelten Arbeitszeiten. Abgesehen davon, dass der König auf den überlasteten Straßen heute von den Autofahrern zunehmend als Störenfried angesehen wird.

Eine der großen Speditionen im Landkreis ist die Fürmetz Logistik GmbH in Taufkirchen. Im Fuhrpark stehen mehr als 200 Lkw. Insgesamt hat die Firma rund 300 Mitarbeiter - Fahrer und Bürokräfte. "Wir haben einen ständigen Wechsel bei den Fahrern", sagt Luna D'Amico von der Personalabteilung. Man suche aber immer wieder Berufskraftfahrer, auch derzeit. Auch sie bestätigt, dass sich deutsche Fahrer kaum bewerben. Viele kämen aus Osteuropa. "Wir bilden deshalb auch aus. Und wir zahlen auch den Lkw-Führerschein", sagt D'Amico.

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