Glonn:Fahrverbote, Lockdown und Fleischverzicht?

Bei einer Podiumsdiskussion in Herrmannsdorf stellen sich fünf der zehn Bundestagskandidaten den Fragen zum Thema Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit. Dabei kommen auch durchaus radikale Ideen auf den Tisch

Von Andreas Junkmann, Glonn

Glonn: Die Bundestagskandidaten Marc Salih (FDP, von links), Magdalena Wagner (SPD), Christoph Lochmüller (Grüne), Tobias Boegelein (Linke) und Andreas Lenz (CSU, Zweiter von rechts) stellten sich den Fragen von Wieland Boegel (Dritter von rechts) und Christian Schulz (rechts).

Die Bundestagskandidaten Marc Salih (FDP, von links), Magdalena Wagner (SPD), Christoph Lochmüller (Grüne), Tobias Boegelein (Linke) und Andreas Lenz (CSU, Zweiter von rechts) stellten sich den Fragen von Wieland Boegel (Dritter von rechts) und Christian Schulz (rechts).

(Foto: Christian Endt)

Normalerweise können Hobbyköche in der Handwerkstatt in Herrmannsdorf lernen, wie man Tiere zu Wurst verarbeitet. An diesem Dienstagabend allerdings wurde niemand durch den Fleischwolf gedreht, wenngleich sich die Direktkandidaten für die Bundestagswahl im Wahlkreis Erding-Ebersberg einigen kniffligen Fragen stellen mussten. Die Organisation Health for Future hatte zusammen mit der Süddeutschen Zeitung Ebersberg zu einer Podiumsdiskussion geladen, bei der es um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit gehen sollte - und dem Moderatorenduo gelang es, den Bewerbern den ein oder anderen überraschenden Satz zu entlocken.

Eine Handvoll Besucher hatte sich in dem Seminarraum der Herrmannsdorfer Landwerkstätten eingefunden, die meisten Zuschauer aber verfolgten die Debatte daheim vor den Bildschirmen. Zu Spitzenzeiten waren bis zu 50 interessierte Bürger per Livestream zugeschaltet und sahen die Debatte zwischen Andreas Lenz (CSU), Magdalena Wagner (SPD), Christoph Lochmüller (Grüne), Marc Salih (FDP) und Tobias Boegelein (Linke). Wie Moderator und SZ-Redakteur Wieland Bögel erklärte, seien nur diejenigen Kandidaten eingeladen worden, deren Partei im Herbst eine realistische Chance auf eine Regierungsbeteiligung hat - was für ÖDP, Bayernpartei, Freie Wähler und Basis aufgrund der Fünf-Prozent-Hürde, und für die AfD mangels Koalitionspartner wohl nicht der Fall sein wird.

Und so lag es in der Verantwortung der verbliebenen Fünf, Antworten auf die wohl wichtigste Frage dieser Zeit zu geben: wie umgehen mit dem Klimawandel? In diesem Jahr habe es eine enorme Beschleunigung der Ereignisse gegeben, sagte Co-Moderator Christian Schulz von Health for Future und Geschäftsführer der Deutschen Allianz Klimawandel. "Selbst uns war nicht klar, wie schnell das Tempo zunimmt", so der Münchner Anästhesist, der auf die drastischen Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gesundheit von Mensch und Natur verwies. Diese erkannten auch die Kandidaten: "Ursache Hitze wird nicht oft draufstehen auf den Totenscheinen", sagte etwa Christoph Lochmüller. Dadurch sei die Gefahr bei vielen nicht so präsent. Magdalena Wagner verwies in dem Zusammenhang auf die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft: "Wer Geld hat, kann sich eine Klimaanlage leisten oder wohnt nicht in der warmen Dachgeschosswohnung." Marc Salih forderte eine entsprechende medizinische Beratung, wie sich Menschen vor den sich verändernden Bedingungen schützen können.

Dass Schutzkonzepte künftig immer wichtiger werden, sagte auch Andreas Lenz, der per Stream aus Berlin zugeschaltet war. "Der Katastrophenschutz muss überarbeitet werden", so der Bundestagsabgeordnete. Das gelte für alle systemischen Krisen, zu denen eben auch Wetterphänomene zählen würden. Tobias Boegelein richtete den Fokus eher auf die Ursachen des Klimawandels. "Wir müssen eine Wirtschaft aufbauen, die ohne Wachstum auskommt", sagte er. Aktuell sei alles auf höher, schneller, weiter ausgelegt.

Beim Thema Luftverschmutzung versuchte Christian Schulz schließlich, die Kandidaten aus der Reserve zu locken. Bis zu 125 000 Todesfälle seien in Deutschland jährlich auf Verunreinigung der Luft zurückzuführen, brauche es da nicht eigentlich auch einen Lockdown für fossile Energieträger? "Diese Idee finde ich sehr sexy", sagte dazu Christoph Lochmüller. Die Zeit des Rantastens sei vorbei, so der Grünen-Bewerber, der aber einräumte, die Gesellschaft würde bei einem Lockdown derzeit wohl nicht mitmachen. Deshalb sei es wichtig, die Leute auf das Worst-Case-Szenario vorzubereiten. "Wir haben einen riesigen Bildungsauftrag", so Lochmüller. Magdalena Wagner brachte den Vorschlag ins Spiel, über einen autofreien Tag in der Woche nachzudenken. Dazu müsse aber der öffentliche Nahverkehr deutlich ausgebaut werden, damit die Menschen trotzdem mobil sind. Etwaige Verbote zum Schutz des Klimas lehnten dagegen Andreas Lenz und Marc Salih ab. "Wir können die Leute nicht über Jahre einsperren, um das Klima zu retten", sagte etwa der FDP-Kandidat, der für den Handel von CO₂-Zertifikaten warb.

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Beim Thema Ernährung waren sich die Kandidaten einig, dass es mehr Aufklärung brauche. Immerhin sei etwa ein Drittel der Weltbevölkerung übergewichtig, während anderswo Hungersnot herrsche, wie Christian Schulz zuvor sagte. Tobias Boegelein plädierte in dem Zusammenhang für die Erarbeitung von Ernährungskonzepten und bessere Standards in der Tierhaltung. Es sei nicht nur eine finanzielle Frage, wie man sich ernähre, sondern auch eine Frage der Bildung, sagte Andreas Lenz. Beim Verbraucher müsse ein neues Bewusstsein dafür entstehen, dass gesunde Lebensmittel eben ihren Preis hätten, ergänzte Marc Salih.

Etwas überrascht und entsprechend ratlos schienen alle Kandidaten zu sein, als sie von Moderator Schulz erfuhren, dass der Gesundheitsbereich selbst mit einem Anteil von rund fünf Prozent der Emissionen in Deutschland einer der größten CO₂-Produzenten ist. Bis auf bessere Wärmedämmung bei den Krankenhäusern und nachhaltigere Lieferketten, fiel zu diesem Thema keinem der Bewerber ein innovativer Vorschlag ein, wie man die Situation verbessern könnte.

Dafür ließ sich Andreas Lenz noch von einem Zuschauer entlocken, dass er eigentlich gar kein Freund der in Bayern geltenden 10 H-Regelung bei Windrädern sei. "Ich kann hier nur für mich sprechen, mein Herz hängt nicht dran", so der CSU-Politiker, der auf die Frage von Wieland Bögel, welches Ministeramt er sich in einer neuen Bundesregierung denn wünschen würde, das Ressort Wirtschaft und Energie wählte. Tobias Boegelein sah sich eher im Digital-, der Polizeibeamte Marc Salih im Innenministerium. Das Bildungsministerium wählte die Lehrerin Magdalena Wagner, während sich Christoph Lochmüller demütig gab und lieber den Posten eines Staatssekretärs im Bereich der mittelständischen Wirtschaft anstrebte.

© SZ vom 09.09.2021
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