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Geschichte:Erinnerung an Zwangsarbeiter

Gedenkgang zum Lager in der Nähe von Eichenkofen

Von Florian Tempel, Erding

Gesicht fuer Gesicht

Das Projekt "Gesicht für Gesicht" erinnert an NS-Zwangsarbeitern im Landkreis Erding.

(Foto: Stephan Görlich)

Eine Woche ist es her, dass auf dem Schrannenplatz an die mehr als 8000 im Landkreis Erding ausgebeuteten NS-Zwangsarbeiter erinnert wurde. Es war die erste öffentliche Gedenkveranstaltung für Opfer des Nationalsozialismus in Erding überhaupt - 76 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. An diesem Samstag, 15. Mai, geht es weiter - um 10 Uhr mit einem Erinnerungsgang von der Eichenkofener Kirche zum ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlager Eichenkofen. Zu dem circa 1,5 Kilometer langen, öffentlichen und gemeinsamen Weg laden Pax Christi und das Projekt "Gesicht für Gesicht" des Erdinger Historikers Giulio Salvati ein.

Das Eichenkofener Zwangsarbeiterlager war Mitte der 1930er-Jahre zunächst für den Reichsarbeitsdienst eingerichtet worden. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs waren dort Hunderte ausländischer Männer, Frauen und auch Kinder unter erbärmlichen Umständen untergebracht. Sie waren aus ihren Heimatorten verschleppt worden, um im Fliegerhorst Erding oder in anderen Arbeitsstellen in der Stadt oder dem Landkreis zu schuften. Es gibt noch Zeitzeugen, die damals Kinder waren und die sich heute noch mit Unbehagen an den langen Zug der Menschen erinnern, die morgens vom Lager aus zu ihren Einsatzorten los marschierten und abends den Weg zurückgingen.

"Je mehr ich forsche, desto düsterer erscheint das Leben im Barackenlager", schreibt Salvati in der Ankündigung des Gedenkganges. Er betont zudem, von welch zentraler Bedeutung das Lager war: "Der Fliegerhorst war Drehscheibe und Angelpunkt des Menschenhandels im gesamten Landkreis." Ein großer Teil der Zwangsarbeiter musste im sogenannten Luftzeugamt arbeiten, das dort stand, wo sich heute das Wehrwissenschaftliche Institut Wiweb befindet. "Umso schlimmer, dass bislang nur in einer Publikation der Bundeswehr das Thema Zwangsarbeit kurz angerissen wurde", sagt Salvati, "aber nur mit Zahlen und gänzlich ohne Gesichter oder Biografien". Auf seiner Internetseite www.erding-geschichte.de findet sich eine exemplarische Kurzbiografie. Unter dem Titel "Von der Ukraine zur Hölle am Fliegerhorst" wird über die Verschleppung und Ausbeutung von Josef Mazuk berichtet.

Um Zwangsarbeit, aber auch um die Bombardierung Erdings, Konflikte um Wohnraum, sexuelle Gewalt vor und nach 1945 sowie die Beziehung von Einheimischen zur US-Militärregierung geht es in Salvatis Ausstellung "Erding 1945 - wessen Heimat?" im Museum Erding, die an diesem Sonntag beim Tag der offenen Tür zu sehen ist. Eine Anmeldung unter Angabe der Kontaktdaten, per E-Mail an museum@erding.de oder telefonisch unter 08122/408 150, ist notwendig. Einlass ist am Sonntag jeweils zur vollen Stunde.

© SZ vom 15.05.2021
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