bedeckt München 27°

Georg Escherich:Wegbereiter des Faschismus

Schorsch Wiesmaier hat das Leben und Wirken des Isener Forstrats erforscht

"Wehren Bayerns! Ihr seid nicht mehr vereinzelt und in schwachen Gruppen zerstreut, dem Sturmwind preisgegeben. Ihr seid verstärkt zu einem mächtigen Block, an dem verbrecherischer Wahnsinn zerschellen wird." Dieses Zitat stammt aus einem Aufruf von Georg Escherich aus dem Jahr 1919. Escherich ist ein Mann, dessen Bedeutung in Isen und Umgebung bislang nicht in der Weise erfasst worden ist, wie es angebracht wäre. Da im Ort ein kurzes Stück Straße nach ihm benannt ist, weiß man nur, dass man ihn für bedeutend hielt. Dass er als Gründer und Chef der Organisation Escherich, kurz Orgesch, in der etwa eine Million Deutsche in nationalistischen, gewaltbereiten und bewaffneten Einwohnerwehren versammelt waren, ein Wegbereiter des Faschismus war, ist bislang nur Experten bekannt.

Reichswehrminister Gustav Noske kam 1919 auf Escherichs Einladung nach Wasserburg (3.v.l.).

(Foto: oh)

Schorsch Wiesmaier von der Geschichtswerkstatt Dorfen hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit Georg Escherich befasst, seine Schriften und Aufzeichnungen gelesen und im bayerischen Hauptstaatsarchiv in seinem dort aufbewahrten Nachlass geforscht. Am kommenden Donnerstag wird Wiesmaier die Ergebnisse seiner Recherchen bei einem Vortrag in Isen vorstellen. Die Zuhörer erwartet ein Einblick nicht nur in das Leben eines interessanten Mannes, sondern ein echter historischer Erkenntnisgewinn, den man nicht alle Tag bekommen kann: Escherich und seine paramilitärische Organisation Orgesch sind wichtige Mitspieler in der komplexen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Escherich ist zwar selbst wohl kein Faschist und sicher nicht Antisemit gewesen, war aber als gewaltbereiter Nationalist mittelbarer Wegbereiter des mörderischen Aufstiegs der Nationalsozialisten.

1 Million Mitglieder

hatte nach Schätzung von Historikern die Organisation Escherich, kurz Orgesch, zu ihrer Hochzeit in Deutschland. Allein in Bayern gehörten 360 000 Menschen der 1920 gegründeten nationalistischen und paramilitärischen Einwohnerwehr an.

Zu den Eckdaten seines Lebens gehört, dass er 1870 als Sohn eines Fabrikanten in Schwandorf auf die Welt kam. Sein Großvater und ein Onkel waren in der königlich-bayerischen Forstverwaltung tätig. Auch Escherich studierte Forstwissenschaften. Als Förster und Jäger unternahm er zahlreiche Reisen, die ihn unter anderem zweimal nach Äthiopien führten. Im Auftrag der Kolonialverwaltung erforschte Escherich Waldgebiete in Zentralafrika. Nachdem er im Ersten Weltkrieg verwundet worden war, wurde er Leiter der Militärforstverwaltung des berühmten und riesigen Białowieża-Urwalds in Polen und Weißrussland. Die Wisente dort machten schon damals einen besonderen Reiz des Waldgebietes aus. Nur allerhöchste Potentaten durften mit Escherich auf Wisentjagd gehen: Kaiser Wilhelm II., Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der sächsische König Friedrich August III., Prinz Friedrich Leopold von Preußen, Erzherzog Karl Franz von Österreich und der bayerische König Ludwig III.

Paul Hindenburg war 1926 bei Escherich in Isen zu Besuch.

(Foto: oh)

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Escherich Forstrat und Leiter des Forstamts Isen. Zurück in Bayern reifte in ihm die Idee, sogenannte Einwohnerwehren aufzustellen. "In Isen habe ich Mitte April bereits eine Volkswehr gegründet und es ist diesem Umstand wohl zu danken gewesen, dass Isen als einziger Ort in der Nähe von München von Spartakisten verschont blieb, während die ganze Umgebung ringsherum bereits in ihren Händen war", schrieb er später in einem Aufsatz zur Niederschlagung der bayerischen Räterepublik im Jahr 1919.

Georg Escherich war gut vernetzt.

(Foto: oh)

Von nun an war er ein politisch viel beschäftigter Mann. Escherich hat Tagebücher geführt, die Wiesmaier bei seiner Forschungsarbeit im Hauptstaatsarchiv zum Teil eingesehen hat. "Er hat Tag für Tag akribisch ausgefüllt und er war ständig unterwegs, in ganz Deutschland." Er nutzte seine Kontakte in Adels- und Unternehmerkreise - "er war enorm vernetzt" -, um sein Projekt der Einwohnerwehren voranzutreiben, worin er von den Regierungen in Berlin und München unterstützt wurde. Im August 1919 kam Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) auf seine Empfehlung aus Berlin, um die Einwohnerwehr in Wasserburg zu besuchen.

1920 gründete er mit Unterstützung der späteren Nazi-Größen Franz Ritter von Epp und Ernst Röhm die extrem rechtsorientierte Organisation Escherich. Die Orgesch bestand zwar nicht lange. Schon im Juni 1921 wurde sie auf Druck der Siegermächte aufgelöst. Ein düsteres Kapitel der Orgesch-Einwohnerwehren sind aber die sogenannten Fememorde, bei denen in den folgenden Jahren sechs Menschen umgebracht wurden. Ein Beispiel ist der Mord an der 19-jährigen Marie Sandmayer aus Odelzhausen. Sie folgte dem plakatierten Aufruf, Orgesch-Waffenlager zu melden. Naiver Weise meldete sie sich bei der Adresse, die auf dem Plakat aufgedruckt war. Es war die Adresse der Druckerei, die von einem Orgesch-Mitglied geführt wurde. Dieser informierte den aus Isen stammenden Joesph Kern, der in der Orgesch-Zentrale in München arbeitet. Wenige Tage später wurde Marie Sandmayer im Forstenrieder Park erdrosselt gefunden. Auf einem ihr angehefteten Zettel stand: "Du Schandweib hast verraten das Vaterland, dich hat gemordet die Schwarze Hand."

Escherich sagte zu diesem und anderen Fememorden, sie seien bedauerlich, es wäre jedoch von größerem Übel, wenn die nur noch im Untergrund agierenden Einwohnerwehren nachhaltig geschwächt würden. 1928 gründet Escherich eine neue Organisation, den Bayerischen Heimatschutz. Fünf Jahre später wird die Mehrheit seiner bis zu 50 000 Mitglieder der SA und der SS beitreten.

Georg Escherich , Vortrag von Schorsch Wiesmaier, Donnerstag, 25. Juli, 19.30 Uhr, Bruckwirt, Dorfner Str. 8, Isen, Musik von Leonhard M. Seidl.

  • Themen in diesem Artikel: