Korbinian Aigner pflanzte Apfelbäume im Konzentrationslager Dachau und malte Obstbilder, die heute auf großen Kunstschauen zu sehen sind. Am heutigen Mittwoch jährt sich der Todestag des gebürtigen Bauernsohns aus Hohenpolding zum 50. Mal. Eine soeben erschienene Biografie malt ein facettenreiches Bild des Priesters, der öffentlich so gern über Obstbau sprach, aber nie ein Wort über seine Gefangenschaft im KZ verlor.
Das Etikett "Apfelpfarrer" hat Korbinian Aigner nie gemocht. Davon ist Peter J. Brenner überzeugt. Der Leiter des Archivs der Technischen Universität München (TUM) hat fast ein Jahr recherchiert, Akten gewälzt, Dokumente gelesen und Zeitzeugen besucht, darunter die in Erding lebende Großnichte von Korbinian Aigner.
Im ersten Anlauf an Latein gescheitert
Der Großbauernsohn aus Hohenpolding hätte als Ältester von zehn Geschwistern den Hof übernehmen sollen. Doch Aigner wollte Priester werden - und scheiterte zunächst am Freisinger Domgymnasium an Latein und Griechisch. Das Abitur legte er am Münchner Luitpoldgymnasium ab. Von einem guten Schüler konnte aber keine Rede sein, "er fühlte sich nicht so sehr für Latein zuständig, sondern für die Menschen, für die Seelsorge", so Brenner. Als Priester war er in verschiedenen Stellen in den Landkreisen Freising und Erding eingesetzt. Noch als Student gründete er 1908 in seinem Geburtsort Hohenpolding den ersten Obstbauverein im Landkreis Erding. "Recht energisch", so Brenner, hat er die Bauern davon zu überzeugen versucht, dass sich mit Obstbau auch ein Geschäft machen lässt. Er hielt unzählige Vorträge. Sein Vorgesetzter in Dorfen beklagte sich einmal, dass Aigner "mehr Baumpflege als Seelsorge betreibt".
Nach dem missglückten Bombenanschlag auf Adolf Hitler in München 1939 hatte er als Pfarrer von Hohenbercha (Landkreis Freising) im Religionsunterricht laut darüber nachgedacht, ob durch ein erfolgreiches Attentat "vielleicht eine Million Menschen gerettet worden" wäre. Er wurde denunziert und landete im KZ. Kein einziger der alteingesessen Gemeindemitglieder habe ihn verraten, "es gab Beschwerden der NS-Behörden, dass aus Hohenbercha nichts zu erfahren war", weiß Brenner. Verraten habe ihn "eine vor zehn Wochen zugezogene Lehrerin".
"Ein Rest von Normalität im KZ"
Treue Seelen aus seiner Pfarrgemeinde brachten dem Pfarrer Äpfel ins Lager. Die Kerne setzte Aigner heimlich zwischen den Baracken in die Erde. Für Brenner steht fest, dass Aigner nie daran dachte, eine Zucht anzulegen, "es war für ihn vielmehr ein letzter existenzieller Halt im KZ, ein Rest von Normalität", erklärt Brenner. 130 Kerne setzte er während der Gefangenschaft ein, vier davon gingen auf. "Dass sich aus Apfelkernen etwas Essbares entwickelt, ist wie ein Sechser im Lotto", so Brenner. Nach seiner Rückkehr in die alte Pfarrstelle Hohenbercha pflanzte Korbinian Aigner die vier Sämlinge aus dem KZ ein. Eine Sorte wurde später Korbiniansapfel benannt.
Über seine Zeit im KZ hat Aigner öffentlich nie ein Wort verloren. "Er kam an seine alte Pfarrstelle zurück, und es war, als ob er nie weggewesen wäre", weiß Brenner von Zeitzeugen. Es muss aber in ihm gearbeitet haben, denn Aigner strengte ein Wiedergutmachungsverfahren an und benannte auch seine Denunzianten. Brenner: "Nach neun Jahren erhielt er für die Jahre im KZ 9000 Mark."
Weltberühmte Bilder
Neben dem Korbiniansapfel hat Aigner ein weiteres Erbe hinterlassen. Fast 60 Jahre lang malte er mit Wasserfarben natur- und maßstabsgetreu Äpfel und Birnen auf Karton im Postkartenformat. Mehrere 100 Sorten hat er festgehalten. Vor seinem Tod vermachte er die Sammlung dem Lehrstuhl für Obstbau der TUM in Weihenstephan. Dort wanderte sie ins Archiv. 2012 wurden die Bilder auf der documenta in Kassel gezeigt und auf einen Schlag berühmt. Seither werden Aigners Äpfel und Birnen in alle Welt verliehen, von Warschau bis New York. Kuratoren rücken das Werk "in die Nähe avantgardistischer Konzeptkunst", berichtet Brenner. Darüber hätte sich der Dorfgeistliche gewundert, ist er überzeugt. Am 5. Oktober 1966 ist Korbinian Aigner mit 81 Jahren in Freising gestorben.
Peter J. Brenner, "Korbinian Aigner. Ein bayerischer Pfarrer zwischen Kirche, Obstgarten und Konzentrationslager", Thalhofen: Bauer 2016, 200 Seiten, 20 Euro. Noch bis 16. Oktober geöffnet ist die Ausstellung "Äpfel und Birnen. Die Obstbildersammlung des Pfarrers Korbinian Aigner", Alte Akademie in Freising/Weihenstephan, täglich von 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.
