Freising:Resteverwertung mit Botschaft

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Im "Café Übrig" kommt auf den Teller, was sonst im Abfall gelandet wäre. Bezahlen muss man für sein Essen dort nichts, spenden darf man aber gerne etwas

Von Gudrun Regelein, Freising

Café Übrig steht mit Kreide auf der großen Schiefertafel neben dem Eingang geschrieben. Und darunter: "Heute übrig: Nudelsalat mit Ofengemüse und Feta, Süßkartoffel-Kuchen, Panna Cotta mit Schoko & Pflaumen". Alle Gerichte und alle Kuchen in dem Foodsharing-Café an der Ziegelgasse werden aus geretteten Lebensmitteln hergestellt, erzählt Carolin Stanzl. Sie ist eine der Mitgründerinnen des Vereins Übrig, dessen großes Thema die Lebensmittelverschwendung ist. "Wir wollen Lebensmittel retten, also vor dem Wegwerfen bewahren. Spenden, was übrig bleibt, verwenden, was sonst weggeworfen wird: Das ist unser Motto", erklärt Carolin Stanzl. Bezahlen muss der Gast im Café Übrig übrigens nichts, gespendet werden darf aber natürlich etwas.

An diesem lauen Mittwochabend sitzt eine kleine Gruppe junger Leute auf dem gemütlichen Sofa vor dem Eingang und unterhält sich. Lorenz ist einer von ihnen, er hat in Freising studiert - und immer, wenn er wieder hier jemanden besucht, kommt er im Café Übrig vorbei, erzählt er. Dass die Idee der Lebensmittelrettung durch das Café verbreitet werde, findet er gut. "Im Café wird das doch viel greifbarer, das schafft definitiv ein Bewusstsein dafür, keine Lebensmittel zu verschwenden", sagt er. Außerdem sei hier inzwischen ein richtig netter Treffpunkt entstanden.

Innen im Café ist es an diesem Abend ruhig. An den Wänden stehen viele Holzregale, in einer Ecke steht der Fairteiler, in diesem befinden sich die geretteten Lebensmittel, die gebracht wurden, und von jedem mitgenommen werden dürfen. Neben einem Pappkarton mit vielen kleinen Mayonnaisepäckchen stehen Marmeladengläser, rechteckige Lebkuchen mit der in Zuckerguss geschriebenen Aufschrift "I mog di" und Tüten voll mit abgepackten Osterhasen-Lollis.

Der Fairteiler sei "von privat für privat", erklärt Carolin Stanzl. Die geretteten Lebensmittel, aus denen dann neue Gerichte entstehen, kommen dagegen von Hotels, Restaurants und Geschäften. Bäckereien bringen nach Ladenschluss beispielsweise übrig gebliebene Croissants und anderes Gebäck vorbei. "Inzwischen sind wir schon bekannt", sagt Carolin Stanzl. Der Verein bekomme auch Anfragen, ob er etwas abnehmen wolle. "Das Krasseste war, als uns 2800 gefärbte Ostereier angeboten wurden, die wären sonst weggeschmissen worden. Das war eine schöne Aktion." Die Eier wurden dann übrigens alle gegessen.

Vor der Theke des Cafés steht der sogenannte Fahrradmixer, über einen Seitenläuferdynamo am Fahrrad wird beim Treten der aufgesetzte Mixer in Gang gesetzt - und Smoothies oder Bananenmilch hergestellt. Bananen nämlich bekomme man oft gespendet, erzählt Lukas Schmitzberger, der den Verein Ende 2020 mitgründete. Er baute auch den Fahrradmixer. Dieser, so sagt Schmitzberger, passe gut zum Thema, das dem Verein am Herzen liege. Nämlich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie unglaublich viele Lebensmittel weggeworfen werden, die eigentlich noch gut essbar wären. Mit dem Café Übrig mitten in der Innenstadt, das in diesem Frühjahr eröffnet hat, sei dieses Thema nun sichtbarer geworden. "Das hat gut geklappt, es kommen nicht nur Gäste aus der Öko-Blase, sondern auch Leute, die gar nicht wussten, dass wir kein normales Café sind", erzählt Schmitzberger. Mit denen käme man ins Gespräch - und das sei ja auch die Intention: "Raus aus der Blase zu kommen und in die Öffentlichkeit zu gelangen", sagt er.

Ein weiteres großes Ziel des Vereins sei, durch Bildungsarbeit Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. "Wir hoffen auf eine breite Öffentlichkeit." Einige Veranstaltungen habe es bereits gegeben, berichtet Franziska Wirth, auch sie ist im Vorstand des Vereins Übrig. Eine Realschullehrerin sei auf sie zugegangen und habe gefragt, ob es möglich wäre, eine gemeinsame Unterrichtsstunde zum Thema Lebensmittelverschwendung zu gestalten. "Wir waren natürlich dabei - und die Kids fanden es total interessant."

Der Verein habe mittlerweile bereits über 50 Mitglieder, erzählt Carolin Stanzl. Das Café sei mittlerweile zu einem Ort des Austausches geworden, das sei sehr schön, alle Bevölkerungsschichten und alle Altersklassen zählten zu den Gästen. "Auch Touristen kommen, die durch die Stadt laufen und hereinschauen", schildert Carolin Stanzl. Von fast allen käme eine positive Resonanz. "Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, umso eher kommt ein Umdenken. Jeder kann etwas beitragen", sagt sie überzeugt. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum beispielsweise: Auch wenn dieses überschritten sei, müsse das Lebensmittel nicht unbedingt weggeworfen werden. Seit Mai hat der Verein die Räume an der Ziegelgasse angemietet, Ende Oktober ist hier dann aber Schluss: Das Café wird in größere Räume an der General-von-Nagel-Straße umziehen. Im April 2022 soll dann Eröffnung gefeiert werden. Anfang Oktober startet der Verein eine Crowdfunding-Aktion.

© SZ vom 13.09.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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