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Freising:Freundschaft, Schule und Inklusion

Franziska Sgoffs Wunsch ist es, ihr Buch auch noch mal auf der Blindenschreibmaschine zu schreiben.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wie nehmen Blinde die Welt wahr? Franziska Sgoff aus Attaching hat versucht, es in einem Jugendbuch zu beschreiben

Wie nehmen Blinde die Welt wahr? Franziska Sgoff hat versucht, es zu beschreiben. Die 23-Jährige aus Attaching hat ein Jugendbuch geschrieben, das Anfang August erschienen ist. Es geht um Freundschaft, Liebe und Schule. Aber auch um Inklusion. Denn Susanne, eines der drei Mädchen, die in Sgoffs Buch die Hauptrollen einnehmen, ist blind. Genau wie Sgoff selbst. Und: Der Roman spielt, wie der Klappentext verrät, "in der kleinen bayerischen Stadt Freising".

Protagonistin von "Wozu braucht man Jungs?" ist allerdings nicht die blinde Susanne, sondern Sabrina. Eines Tages lernen Sabrina und ihre beste Freundin Mona die 16-jährige Susanne kennen, die drei freunden sich an. Auf ihrer Schule, einer Schule für Blinde und Sehbehinderte, hat das junge Mädchen mit Mobbing zu kämpfen. Sabrina und Mona wollen sie an ihre Schule holen und kämpfen dabei gegen Schulleitung, Lehrer und Vorurteile.

"Eine Erfahrung, die ich früher auch gemacht habe. Und sicherlich in dem Buch verarbeitet habe", erzählt Autorin Sgoff, heute 23 Jahre alt. "Ich war beim Blinden- und Sehbehindertenzentrum in Unterschleißheim. Und ich hatte lange mit Mobbing zu kämpfen. Da habe ich mir eine Sabrina und eine Mona gewünscht. Jemanden, der mich rettet."

Jetzt erfüllt sie Susanne diesen Wunsch. Leicht wollte Sgoff es sich beim Schreiben nicht machen: Sie erzählt die Geschichte nicht nur aus Sicht der blinden Susanne, sondern vor allem aus der der sehenden Sabrina. "Als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben - damals war ich zwölf - gab es noch gar keine blinde Person", erzählt die Autorin. "Ich wollte das Thema lange von mir wegschieben, wollte nicht die blinde Autorin sein. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie viel Aufklärungsbedarf es noch gibt." Sgoff hofft, dass vor allem sehende Menschen ihr Buch lesen.

Denn die Vorurteile, mit denen die fiktive Susanne kämpft, sind real. "Behindert sein, heißt für viele oft gleich krank sein", sagt sie. Das wolle sie ändern. Auch deshalb soll aus "Wozu braucht man Jungs?" eine Reihe werden. "Wie die ,Frechen Mädchen'-Bücher." Früher waren das ihre Lieblingsbücher. Sgoff will weitere Themen ansprechen, die in Verbindung mit Blinden oft Fragen aufwerfen. "Das Thema Schönheit zum Beispiel."

Um trotz ihrer Blindheit Orte, Personen und Situationen gut beschreiben zu können, hat Franziska Sgoff viel in Büchern gelesen und sich Mimik und Gestik von anderen erklären lassen. Da die Geschichte in Freising spielt, kommen einige Orte in der Stadt vor: Bücher Pustet, die Pallottinerkirche und die Karl-Meichelbeck-Realschule. "Die Mädchen müssen übrigens auch immer nach Neufahrn ins Kino fahren." Damit alles passt, ist Sgoff mit einer Freundin die Orte abgelaufen und hat sich alles genauestens beschreiben lassen. So glücklich sie jetzt ist, nach all den Jahren endlich das fertige Buch in Händen zu halten, eines fehlt ihr doch noch: Sgoff würde sich wünschen, dass ihr Buch auch in Blindenschrift erscheint. Dem Verlag war das zu teuer, um die 6000 Euro, so erzählt die Autorin, würde der Druck eines Braillebuches kosten. Aber wie überhaupt entsteht ein Buch in Blindenschrift?

Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt, als Franziska Sgoff den klobigen Apparat aus dem viereckigen, braunen Koffer packt. Sie positioniert die Schreibmaschine vor sich, spannt ein dickes Blatt Papier ein und fängt an, zu tippen. Jedes Mal, wenn sie eine der Tasten drückt, scheppert es im Inneren des Geräts. Heraus kommt: Ein ausgestanzter Punkt.

Die Freisingerin führt vor, wie die Blindenschreibmaschine funktioniert, mit nur sechs Tasten kann sie jeden Buchstaben des Alphabets schreiben. Schnell und gekonnt gleiten Sgoffs Finger über die kleine Tastatur, in wenigen Sekunden hat sie einen ganzen Satz geschrieben: "Heute ist ein schöner Tag."