Folge 10 Landschaft erzählt Geschichte

Das Haspelmoor ist eines der letzten seiner Art im Alpenvorland. Jahrzehntelang wurde hier Torf abgebaut - heute ist es wieder ein sensibles Biotop

Von Peter Bierl, Haspelmoor

Auf einigen befestigten Wegen kann man entlang eines Lehrpfades das Haspelmoor erwandern.

(Foto: Günther Reger)

Toni Drexler ist quasi im Haspelmoor aufgewachsen, heute eines der letzten Hochmoore im Alpenvorland. Er stammt aus dem Dorf Hörbach im Westen. Von dort führten Trampelpfade zum Bahnhof in Haspelmoor. Viele Pendler fuhren in den Fünfzigerjahren von dort nach Augsburg und München zur Arbeit. Es gab zwei Wirtschaften und einen großen Kramerladen. "Es war ein lebendiger Ort, keine Schlafstadt wie heute", sagt Drexler. Auf dem Weg durchs Moor beobachtete er Libellen und Schmetterlinge, sonst war das Gelände ausgeräumt. "Man konnte von einem zum anderen Ende sehen. Da standen ein paar Föhren und Heidekraut wuchs", erinnert er sich.

Das Haspelmoor ist ein Relikt der Riß-Eiszeit, als Wien, Berlin und Hamburg unter Gletschern begraben waren. Als das Eis vor etwa 130 000 Jahren zu schmelzen begann, blieb in einer Mulde aus Ton ein großer See zurück. In der mittleren Steinzeit lebten dort Jäger und Sammler mit internationalen Verbindungen. Etwa 15 000 steinerne Artefakte fanden Drexler und andere, darunter Obsidian von der Insel Milos in der Ägäis. Als der See verlandete, bildete sich erst ein Nieder- dann ein Hochmoor. Wasserstand und Sauerstoffmangel verhinderten, dass die Reste der artenreichen Vegetation kompostierten, stattdessen entstand Torf.

Dieses Abfallprodukt bestimmte die Geschichte des Haspelmoores seit den Anfängen der Industrialisierung. Ein Teil des Moores wurde 1838 entwässert, um Gleise für die erste bayerische Eisenbahnlinie zu verlegen, die Verbindung Augsburg-München. "Erstmals wurde eine Zugstrecke mitten durch ein Moor geführt, das war eine europäische Sensation", sagt Drexler.

Die Bauarbeiter waren in Baracken kaserniert und schufteten bis zu 13 Stunden am Tag. 1846 pachtete die Eisenbahnverwaltung 1139 Tagwerk Moorfläche für den Torfabbau, damals wurden Lokomotiven mit Torf und Holz befeuert. Zeitweise waren 1600 Menschen als Torfstecher beschäftigt, die miserabel bezahlt wurden und erbärmlich hausten. Manchmal aßen sie das Gras vom Bahndamm.

Toni Drexler kennt wie kaum einer das renaturierte Moor. Als er ein Kind war, wurde das Gelände intensiv durch Landwirtschaft und Torfstich genutzt.

(Foto: Günther Reger)

1853 entstanden der Bahnhof Haspelmoor und die erste Wirtschaft. 1889 übernahm die Firma Bayerische Torfstreu- und Mullewerk Haspelmoor den Betrieb. Das Unternehmen baute Fabrikgebäude und Unterstände für die Arbeiter. Die Loks wurden inzwischen mit Kohle beheizt, der Torf diente als Stallstreu und wurde als Isoliermaterial für Eiskeller europaweit vertrieben. Bis 1931 wurde Torf in einer Tiefe von bis zu 1,50 Meter abgebaut.

Russische Kriegsgefangene hoben von 1915 bis 1918 weitere Entwässerungsgräben aus, ihnen folgten Männer des Reichsarbeitsdienstes, im Zweiten Weltkrieg polnische und französische Kriegsgefangene. Die "Königliche Moorkulturanstalt" ließ ab 1910 abgetorfte Flächen in landwirtschaftliche Flächen umwandeln und bewirtschaftete 120 Hektar.

Der Torfabbau endete 1969, die Kulturanstalt wurde 1972 geschlossen. 1985 wurde südlich der Bahnlinie eine Fläche von 157 Hektar unter Naturschutz gestellt, ein Bruchteil des ursprünglichen Moores. 1990 begannen die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Fürstenfeldbruck und das Forstwirtschaftsamt die Wiedervernässung dieser Fläche, die überwiegend dem Freistaat gehört. Anfangs wurden deshalb systematisch Bäume und Büsche gerodet, die nicht in ein Moor gehören. Allerdings reichen im nördlichsten Hochmoor Bayerns Schnee und Regen manchmal nicht aus, um das Gelände immer nass zu halten, deshalb können immer wieder Bäume aufkommen, sagt Petra Heber von der Naturschutzbehörde.

Heute ist im Haspelmoor auch Platz für Totholz.

(Foto: Günther Reger)

"Der Originalzustand ist nach den Eingriffen nicht mehr herzustellen", sagt Drexler. Er hat sich als Kreisheimatpfleger und als zweiter Vorsitzender des Vereins Lebensraum Haspelmoor viele Jahre mit der Geschichte des Gebietes befasst. Für ihn ist es archäologische Schatzkammer und Naturwunder zugleich.

Inzwischen sieht es anders aus als in seiner Kindheit. Damals war das Gelände trockengelegt, die Wiedervernässung hat Flora und Fauna verändert, Trampelpfade sind verschwunden, es gibt einen Rundweg. Von dort sieht man kleine Inseln mit Torfmoos im Sumpf, rote Heidelibellen schwirren über Wiesenbaldrian, in den Kiefern singen Goldhähnchen und über olivgrünen Rauschbeeren flattern Bläulinge.

Das Scheiden-Wollgras färbt das Gelände im April gelb mit seinen Blütenstände und im Juni weiß mit den Fruchtständen. Im September verfärben die Blüten der Besenheide die grünen Wiesen teils purpurfarben. Es gibt 17 Arten von Libellen, Eidechsen, Blindschleichen und Kreuzottern. Die Torfmoos-Schlenke oder die schmale Windelschnecke, beide auf der Roten Liste, haben dort wieder ein sicheres Refugium - viele Tausend Jahre nach der Entstehung des Moores.

Am Freitag geht es um die Bergergrube im Landkreis München.