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Flughafen München:Plötzlich Platz

Am Flughafen München herrscht Flaute nicht nur bei Fluglinien, sondern auch bei Läden und Lokalen. Für die bislang raren Stellplätze wurden mittlerweile die Gebühren gesenkt. Einige Bauprojekte, darunter mehrere Parkhäuser, hat die FMG bis auf Weiteres aufgeschoben

Von Regina Bluhme, Flughafen

Josef Schwendner, Prokurist der Flughafen München GmbH (FMG), schaut gerne in Oberding vorbei. Auf Gemeindegrund liegt ein großer Teil des Airports, und so informiert er meist persönlich den Gemeinderat über Bauvorhaben. Im vergangenen Jahr erst referierte er eine knappe Stunde über kommende Projekte: Es ging um zusätzliche Parkhäuser mit Tausenden von Stellplätzen, um ein neues FMG-Bürogebäude, um ein Mietwagenzentrum für 4000 Autos, um eine neues Hotel. Das alles wird nun erst mal nicht gebaut: coronabedingt verschoben, wie Schwendner in der jüngsten Sitzung informierte. Die Pandemie trifft den Flughafen mit voller Wucht. Die aktuelle Lage aus Sicht der FMG: absolut niederschmetternd.

Um 99 Prozent seien die Passagierzahlen am Flughafen München von April bis Mai zurückgegangen, begann Josef Schwendner. Vor Corona waren es über 100 000 täglich. "Wo wollen Sie denn jetzt noch hinfliegen?", diese Frage stellt sich inzwischen auch der FMG-Vertreter angesichts der wachsenden Zahl von Corona-Risiko-Gebieten und immer neuen Quarantäneverordnungen. Aufwärts werde es erst wieder gehen, wenn ein Impfstoff bereit stehe, "wenn die Welt wieder ein Stück in Ordnung kommt", so Schwendner.

Jetzt ist sie aber erst mal ziemlich in Unordnung geraten. Nicht wenige der angekündigten Projekte werden bis auf Weiteres verschoben. Zum Beispiel das geplante Mietwagenzentrum mit 4000 Stellplätzen. 3000 Mietwagenfahrten gab es laut Schwendner an einem Tag in "Vor-Corona-Zeiten". Jetzt herrscht Flaute. Nicht weiterverfolgt werden auch die Pläne für eine neue FMG-Zentrale, verschoben auch der Bau des Ibis Budgethotels mit 358 Zimmern. "Hotels haben wir alle genügend", sagte Schwendner. Wenig Kundschaft gibt es auch für die Restaurants und den Läden. "Ich lade Sie herzlich ein: Kommen Sie an den Flughafen, zum Essen, zum Trinken und zum Einkaufen", warb Josef Schwendner in der Oberdinger Dreifachturnhalle.

Corona-Stillstand des Flughafens München, 2020

Corona-Stillstand des Flughafens München. So sah es im Mai am Terminal 2 aus. Check-in und Schalter für die Gepäckausgabe sind verwaist.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ebenfalls verschoben wird der Bau von zwei weiteren Parkhäusern, eins mit 2000 und eins mit 5500 Stellplätzen, fuhr Schwendner fort. Im Moment habe der Flughafen "auch ausreichend Parkplätze" Es gibt mittlerweile offensichtlich eine so geringe Nachfrage, dass die FMG die Stellplatzgebühren gesenkt hat und nun sogar zum Teil die Preise der Anbieter Park-and-Fly unterschreitet. Was den Anbietern im Umland sicher nicht gefalle, "aber das ist Wettbewerb".

Auf absehbare Zeit nicht realisiert wird auch der sogenannte Mietwagenspeicher mit 2700 Abstellflächen. Für das jetzt freie Areal gibt es aber einen Interessenten: Ein Anbieter von autonomfahrenden E-Autos will hier ein Trainingsgelände einrichten. Noch laufen die Gespräche. Zudem will DHL Express sein Frachtzentrum vergrößern. Ein weiteres neues Projekt, das bereits im Rohbau steht, ist die kombinierte Abschiebe- und Transitunterkunft. Die beiden Bereiche sind laut Schwendner derzeit noch in Containern untergebracht. Es gebe eine Kaufoption für den Freistaat Bayern ab 2021. Apropos Immobilien: Es gibt am Airport laut Schwendner auch "viele Objekte zu vermieten. Zu einem guten Preis".

Projekte wie die Transitunterkunft oder der DHL Anbau seien eher "atypisch", räumte Schwendner ein. Sprich: Mit Urlaubs- oder Geschäftsreisen haben sie nichts zu tun. Dabei - und so weit ist es schon gekommen - hat Schwendner tatsächlich kurz überlegt, mit dem Zug zu einer Konferenz nach Frankfurt zu fahren. Aber vier Stunden mit Maske in der Bahn gegenüber 35 Minuten im Flugzeug mit Luftfiltern - da werde er auf jeden Fall den Flieger nehmen, sagte der FMG-Prokurist.

Boarding-Personal am Flughafen in München, 2020

Ein Bild vom Boarding für den Erstflug nach der Corona-Pause nach Los Angeles im Juni.

(Foto: Marco Einfeldt)

Es gibt auch einige Projekte, die kurz vor der Fertigstellung stehen. Zum Beispiel ein Parkhaus für 2300 Stellplätze auf fünf Ebenen gedacht für Mitarbeiter. Weiter fleißig gebaut wird auch an einem neuen Flugsteig, an dem einmal sechs Großflugzeuge oder zwölf kleinere andocken sollen. Man hätte vielleicht noch auf mehr Bauten verzichtet angesichts der Krise, aber oft waren die Bauarbeiten schon vergeben und dann sei es günstiger fertig zu bauen, statt eine massive Vertragsstrafe zu kassieren.

Der S-Bahn-Tunnel, der vom Flughafen zum künftigen Wendebahnhof Schwaigerloh im Oberdinger Gewerbegebiet führt und den die FMG aus eigener Tasche zahlt, liegt im Zeitplan und wird der Bahn fristgerecht übergeben. Im Zeitplan liegt auch der Ausbau der Zubringerstraßen Südring und der Erdinger Allee, die komplett demnächst freigegeben werden soll.

"Wir werden heuer ein sehr schlechtes, ein negatives Ergebnis schreiben", schloss Schwendner. Frühestens in drei, vier oder sogar erst in fünf Jahren werde wieder "ein Vor-Corona-Niveau" erreicht werden. Begleitet wurde Josef Schwendner von einem geballten FMG-Team, dem Umweltbeauftragten Jochen Flinner, dem Leiter Bereich Real Estate Jens Arndt und Flughafensprecher Ingo Anspach. Nach der Sitzung standen die vier noch mit ernsten Gesichtern beisammen. Wer hätte sich diese Situation vor einem Jahr ausdenken können? Josef Schwendner schüttelt den Kopf. Die Leute wollten ja gerne fliegen, aber nicht bei diesen Rahmenbedingungen. Für den Winterflugplan sei er nicht zuversichtlich. "Aber da müssen wir jetzt durch."

© SZ vom 08.10.2020

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