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Fliegerhorst Erding:Abzug läuft auf Hochtouren

Die Auflösung des Militärstandorts war jahrelang ein schleichender Prozess, doch nun geht die Ära tatsächlich zu Ende: Mit dem Instandsetzungsregiment zieht auch die Ausbildungswerkstatt nach Manching um

Von Philipp Schmitt, Erding

Mit der Auflösung des Fliegerhorsts Erding neigt sich nach acht Jahrzehnten eine bewegte und eng mit der Stadt verbundene Ära des Militär-Flughafens dem Ende entgegen: Der Abzug der Bundeswehr und ihr Umzug nach Manching läuft seit Monaten auf Hochtouren. Damit wird nicht nur ein eng mit Erding verbundener Arbeitgeber, sondern auch ein bedeutender Ausbildungsbetrieb bald Geschichte sein. "Im Fliegerhorst Erding wurde sehr gute Arbeit von einem hochprofessionellen und motivierten Team geleistet", sagte Oberst Stefan Schmid-Schickhardt der SZ Erding, Kommandeur des Waffensystemunterstützungszentrums 1 der Luftwaffe. Der Fliegerhorst sei wegen der Instandsetzung von Flugzeugen "ein wichtiger Standort mit großer Bedeutung für die Einsatzbereitschaft" gewesen. Auch die renommierte Ausbildungswerkstatt in Erding, die nun nach Manching umzieht, sei für die Bundeswehr "enorm wichtig" gewesen. In Erding sei beste Qualität auf hohem Niveau geliefert worden.

Der Umzug schreitet demnach trotz der Corona-Pandemie gut voran. Der Stab des Verbandes ist bereits in den Stützpunkt nach Manching umgezogen. 2021 folgen weitere Schritte zur Auflösung des Erdinger Fliegerhorst: Die 1960 gegründete Ausbildungswerkstatt und das Instandsetzungsregiment 11 für die Wartung von Flugzeugen sollen im Laufe des nächsten Jahres nach Manching umziehen.

Im Erdinger Fliegerhorst wurden seit 1960 mehr als 1600 junge Leute in der Werkstatt ausgebildet. Der Fliegerhorst war jahrelang eine der wichtigsten Ausbildungsbetriebe im Landkreis. Ende März 2021 soll die Ausbildungswerkstatt nach der letzten Freisprechungsfeier eingestellt werden. Danach werden die Erdinger Hallen geräumt und Ausbildungsgeräte an andere Standorte verteilt oder verschrottet. Einige Utensilien haben den Fliegerhorst bereits verlassen. "Die Auflösung wird im nächsten Jahr noch einige Zeit in Anspruch nehmen", sagte der Kommandeur des Waffensystemunterstützungszentrums 1.

Offiziell hat der Fliegerhorst bereits vor drei Jahren Abschied gefeiert, wie das Archivbild aus dem Jahr 2017 zeigt. Nun wird es allmählich ernst, wenn das Instandhaltungsregiment und die Ausbildungswerkstatt nach Manching verlegt werden.

(Foto: Renate Schmidt)

Für die Bundeswehr war die Ausbildungswerkstatt in Erding "wichtig, weil junge Menschen im Fliegerhorst für verlässliche Arbeit ausgebildet und qualifiziert wurden", sagte Schmid-Schickhardt. Mehr als 60 Jahre lang gehörte die Ausbildungswerkstatt im Fliegerhorst zu den anerkanntesten ihrer Art. Viele Soldaten und Zivilbeschäftigten haben dort ihre Ausbildung genossen und ihre Laufbahn begonnen. Die Werkstatt gehörte im Landkreis zu den größten Ausbildungsbetrieben.

Dem stellvertretenden Ausbildungsleiter Leopold Bauschmid zufolge werden derzeit dort noch 16 Auszubildende bis zu den Abschlussprüfungen im Februar 2021 betreut. Nach der letzten Freisprechungsfeier für die Fluggeräte- und Triebwerkmechaniker, Elektroniker für Geräte und Systeme sollen die Hallen aufgeräumt und Ausbildungsutensilien an andere Standorte der Luftwaffe oder zur Militärgeschichtlichen Sammlung nach Manching gebracht werden, um an die Erdinger Kaderschmiede für Berufe der Luftfahrttechnik zu erinnern.

Reif fürs Museum

An die lange Historie des Fliegerhorst Erding soll künftig eine militärhistorische Sammlung des Waffensystemunterstützungszentrums 1 im Manchinger Luftwaffen-Stützpunkt erinnern. Die dafür vorgesehene Halle füllt sich wegen der Auflösung des Fliegerhorst bereits mit Exponaten aus Erding: "Die Ausstellung wird derzeit aufgebaut", sagte Oberst Stefan Schmidt-Schickhardt der SZ Erding. Die Militärgeschichtliche Sammlung soll Besuchern die Entwicklung der Luftwaffenlogistik seit Aufstellung des damaligen Luftwaffenversorgungsregiments 1 im Jahr 1956 in Erding zeigen.

Auch die Übungsflugzeuge in den riesigen Hallen der Erdinger Ausbildungswerkstatt werden verlegt. An die Geschichte des Fliegerhorstes erinnert künftig aber nicht die neue Militärhistorischen Sammlung in Manching, sondern auch einige Exponate im Museum Erding.

1935 wurde im Nordosten Erdings der ursprüngliche Militär-Flugplatz mit Hallen und Rollfeld gebaut und 1936 in Betrieb genommen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Flugplatz von in England gestarteten alliierten Flugzeugen 1944 mehrmals bombardiert. 20 Tage vor Kriegsende sollen am 18. April 1945 bei einem Bombenangriff auf Erding 145 Menschen ums Leben gekommen sein. Nach dem Krieg entstand am Fliegerhorst die "Erding Air Base" der US Army, die von 1945 bis 1957 US-Stützpunkt war.

1948 flogen Flugzeuge der US Air Force bei der Luftbrücke zur Versorgung des damals im kalten Krieg abgeschotteten Berlins mit auch in Erding beladenen "Rosinenbombern" Lebensmittel nach Berlin. Dabei verunglückte der Pilot Lelan Williams, nach dem die US-Kasernensiedlung am Fliegerhorst Erding "Williamsville" genannt wurde. Für Tausende US-Soldaten gab es am Fliegerhorst in der "Erding Air Base" eine eigene Welt mit Kino für Hollywood-Filme und Läden für US-Produkte vom Kaugummi bis zu Zigaretten. Nachdem vor 65 Jahren am 12. November 1955 die Bundeswehr entstanden war, übergaben die US-Amerikaner 1956 den Fliegerhorst als Luftwaffenstützpunkt für das neu aufgestellte "Luftwaffenversorgungsregiment 1" der Bundeswehr.

Zunächst gab es damals in Erding noch ein Übergangsjahr 1957 der Bundeswehr gemeinsam mit den US-Amerikanern. Zwischen dem Fliegerhorst als Luftwaffen-Stützpunkt und der Stadt gab es wechselseitige Impulse. Für die Bundeswehr war Erding bei Versorgung, Instandsetzung und Ausbildung von Bedeutung. Nach der Fliegerhorst-Auflösung soll auf dem weitläufigen Areal mit dem geplanten Bahnhof und neuen Wohngebieten bei der Konversion eine neue Ära der Stadtentwicklung beginnen. Philipp Schmitt

Damit endet 2021 in Erding eine Ära "hochwertigster Fachausbildung", sagte der Oberst, der in Neubiberg an der Bundeswehruniversität Luftfahrt- und Raumfahrttechnik studiert hat. Der Abschied der Ausbildungswerkstatt soll im nächsten Jahr auch noch gefeiert werden, sofern es die Pandemie zulasse.

Schmid-Schickhardt teilte mit, dass auch der bereits begonnene Umzug des Instandsetzungsregiments 11 bis Mitte 2021 abgeschlossen werden soll. Dann werden die Soldaten dauerhaft in die "topmodernen Werkstätten mit besten Arbeitsbedingungen" in Manching umgezogen sein. Mit der Instandsetzung von Flugzeugen endet damit eine weitere lange Tradition in Erding. Doch bis dahin fordere die Corona-Pandemie von Soldaten und zivilen Mitarbeitern bei der Auflösung des Fliegerhorst jedoch "viel Disziplin und Durchhaltevermögen", sagte Schmid-Schickhardt.

Der Fliegerhorst hatte für die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr große Bedeutung. Bis zur Einstellung des Flugbetriebs 2014 sind in Erding mehr als tausend Flugzeuge, darunter Starfighter-, Tornado-, Eurofighter-Kampflugzeuge, flott gemacht worden. Die über die Stadt donnernden Jets gehörten damals zum Alltag. Sogar die damalige Bundesligamannschaft im Profi-Eishockey nannte sich Erding Jets.

Schmid-Schickhardt wird als letzter Erdinger Standortkommandeur nach vier Jahren - zuvor war er seit 2014 stellvertretender Kommandeur - im März 2021 das Kommando für das schon nach Manching umgezogene Waffensystemunterstützungszentrum 1 an Oberst Christian Lörch übergeben und sich bei der Bundeswehr neuen Aufgaben widmen. Diese Übergabe des Kommandos über den Fliegerhorst wird nicht mehr in Erding, sondern in Manching gefeiert. Als Schmidt-Schickhardt 2017 das Kommando übernommen hatte, war das die letzte von zahlreichen Übergaben seit der Übernahme des Stützpunkts 1956 von den US-Amerikanern durch die Bundeswehr. Dann sind die acht Jahrzehnte Fliegerhorst nur noch Geschichte: vom Bau des Rollfeldes 1935, der Erding Air Base der US Army von 1945 bis 1957, dem Luftwaffenstützpunkt der Bundeswehr von 1956 an bis zur Auflösung und der nun in den nächsten Jahren folgenden Konversion und städtischen Neugestaltung des Areals.

© SZ vom 29.12.2020
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