Wenn die Stadt Erding dieser Tage an die Gründung des ältesten ihrer 400 Vereine erinnert, dann geht es dabei auch um blutige Schlachten, Massengräber, den Dreißigjährigen Krieg und den bayerischen Ochsenkrieg. Denn dass Erding vor 600 Jahren vor Massakern bewahrt blieb, verdankten die Menschen damals der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft Erding.
Mit einem Festakt im Weißbräu hat die Königlich privilegierte Feuerschützengesellschaft ihr 600-jähriges Bestehen gefeiert. Sie wurde 1426 erstmals urkundlich erwähnt und ist damit der älteste Verein Erdings. Alois Gabauer, der Zweite Schützenmeister, hat zu dem Anlass eine Chronik verfasst, die nicht allein die Geschichte der Feuerschützen wiedergibt, die eng verwoben ist mit der bayerischen Geschichte, sondern die Historie aller Erdinger Schützenvereine.
Die urkundliche Erwähnung geht auf ein Wettschießen in Landshut zurück, aber bereits davor waren die Feuerschützen eine wichtige Bürgerwehr, die Erding insbesondere im bayerischen Ochsenkrieg vor feindlichen Truppen beschützte. Dabei ging es nur vordergründig um Rinder, wichtiger waren Macht und territoriale Interessen. Von 1420 bis 1422 tobte ein blutiger Konflikt zwischen Heinrich XVI. von Landshut und Ludwig VII. von Ingolstadt. Der Haager Geschichtsforscher Rudolf Münch hat die damaligen Geschehnisse in seinem Buch „Der Ochsenkrieg im Erdinger Raum“ beschrieben.
Der „bayerische Krieg“ zwischen Ludwig und Heinrich wütete insbesondere im Erdinger Land, weil der Haager Graf Georg zum Verbündeten Ludwigs wurde. 1422 griffen sie in die Kämpfe im Raum Erding ein, eroberten Dorfen und weitere an die hundert Dörfer und Weiler im Bezirk Erding. In einem Massengrab in Dorfen fand man Hunderte Skelette mit eingeschlagenem Schädel aus diesem Kampf, gebrandschatzt wurden zudem Niederding, Oberding, Aufkirchen, Notzing, Moosinning und Schwaig. Nur Erding griffen die Haager Truppen nicht an, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die wehrhaften Feuerschützen zurückzuführen ist. Erst mit dem „Vertrag von Erding“ 1450, der die Aufteilung des Teilherzogtums Ingolstadt nach dem Tod Ludwigs regelte, kam es vorerst zu einem Ende der Wittelsbacher Erbfolgekriege.
Während des Dreißigjährigen Kriegs dienten die Schützen als Bürgerwehr
Neben Erfolgen bei Schießwettbewerben weist Gabauer zudem in der Chronik auf geschichtliche Eckdaten hin. So dienten die Erdinger Schützen während des Dreißigjährigen Kriegs bei der Bürgerwehr, dennoch wurde die Stadt im September 1648 von schwedischen Truppen eingenommen. Während der napoleonischen Besatzungszeit kam das bayerische Schützenwesen vollständig zum Erliegen. Die Besatzungstruppen kassierten alle Waffen ein, viele tausend bayerische Schützen wurden zum Dienst in der Armee Napoleons gezwungen.
Während des Nationalsozialismus sowie in den Nachkriegsjahren sind nur wenige Aktivitäten der Feuerschützen dokumentiert. Erst 1963 wurde der Verein wiedergegründet. 1964 kam es dann zur Fusion mit der Schützensektion Erding. Ihr gehören Eichenlaub Eichenkofen, Almenrausch Langengeisling, die Wildschützen Kehr und die Feuerschützengesellschaft an. Auch die Geschichte dieser Vereine stellt Gabauer in dem 240 Seiten starken Werk vor.

Den Festakt feierten die Feuerschützen traditionell in Frack und Zylinder, gut erkennbar unter den Gästen anderer Schützenvereine, die in Tracht erschienen waren. Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) sprach als Schirmherr ein Grußwort, in dem er die enorme Historie der Feuerschützen betonte. Nachdem die Jugendarbeit wiederbelebt worden sei, sei auch die nächste Generation gesichert. Gotz hatte auch ein besonderes Geschenk mitgebracht: zwei Exemplare des neuen Herbstfestkruges, den heuer ein Motiv der Feuerschützen ziert.
In seinem Festvortrag ging Georg Bauernfeind auf die Anfänge der Feuerschützen ein: „Vor 600 Jahren war das keine Freizeitgestaltung, sondern Verteidigung.“ Die Vereinsgeschichte sei auch eine Geschichte von Brüchen: durch den Dreißigjährigen Krieg, die napoleonische Besatzung sowie im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege. „Da fehlten plötzlich Schützenmitglieder.“ Bauernfeind erinnerte auch an Persönlichkeiten wie den ehemaligen Schützenmeister und Bürgermeister Max Lehmer, unter dem die Schießstätte „Schiaßn“ errichtet wurde.
Ein eigener Schießstand ist wieder zentrales Thema. Seit 2017 verfügt die Gesellschaft nicht mehr über eine eigene Anlage und trainiert derzeit bei den Wildschützen in Erding. Es gibt jedoch eine Zusage, dass bei einer Bebauung des Mayr-Wirt-Areals Räumlichkeiten für einen Schießstand vorgesehen werden sollen. Lehmer habe seinerzeit einen Teil der Schießanlage sogar aus eigener Tasche bezahlt, sagte Bauernfeind und wandte sich schmunzelnd an Oberbürgermeister Gotz: „Nur so als Anregung.“

