Süddeutsche Zeitung

Erziehungshilfe:Jugendhilfe braucht mehr Geld

Seit 2015 sind einige Mehrkosten bei der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern aufgelaufen. Aber auch ein höherer Bedarf für Heimerziehung ist im Landkreis feststellbar

Von Antonia Steiger, Erding

Die stationäre Erziehungshilfe, also die vorübergehende Unterbringung von Jugendlichen in einem Heim, gewinnt an Bedeutung. Die Fallzahlen sind gestiegen, Ende 2019 waren 73 Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis in einem Heim untergebracht. Das sind deutlich mehr als zwei Jahre zuvor, als nur für 49 Mädchen und Buben ein solcher Platz gesucht und finanziert werden musste. Auch diese Entwicklung ist mitverantwortlich dafür, dass die Ausgaben in der Jugendhilfe im Jahr 2019 um knapp 1,2 Millionen Euro höher lagen als erwartet. Der Kreisausschuss genehmigte diese Mehrausgaben.

Etwa die Hälfte dieser Mehrausgaben stehen aber in Zusammenhang mit Hilfen für unbegleitete minderjährige Ausländer, wie der Jugendamtsleiter Peter Stadick kürzlich im Kreisausschuss erklärte. Das heißt aber nicht, dass die Ausgaben im Jahr 2019 besonders gestiegen seien. "Im Gegenteil, die Fallzahlen sind rückläufig." Die Summe von rund 587 000 Euro kam im Laufe von fünf Jahren zusammen, von 2015 bis 2019. In dieser Zeit haben sich mehrere nicht erstattungsfähige Kosten angesammelt, für die sich das Landratsamt nun in Summe die Genehmigung der Kreispolitik geholt hatte. Zum Teil habe der Kreis seine Ausgaben für die Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge "wegen entsprechender Fallkonstellationen" nicht erstattet bekommen. Zum Teil seien Kosten entstanden, weil jugendliche Asylsuchende im Zuge einer bundesweiter Verteilung umgezogen seien, die Kosten für eine bestimmte Dauer aber von externen Trägern dem Landkreis weiter in Rechnung gestellt worden seien. Weil es anderen Landkreisen ähnlich gegangen ist, wollen sich diese Landkreise nun gemeinsam darum bemühen, dass der Freistaat die Kosten wenigstens zum Teil ersetzt.

Ein Teil der Kosten ist aber auch entstanden, weil Fristen nicht eingehalten wurden; Anträge für die Kostenübernahme für die Betreuung unbegleiteter Flüchtlinge müssten quartalsweise gestellt werden, sagte Stadick. Und das sei sehr arbeitsintensiv. 145 000 Euro seien dem Landkreis so entgangen; eine Meldung an die Versicherung sei bereits erfolgt.

Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) fügte an, dass auch wegen der nicht erfolgten Registrierung Kosten entstanden seien, die dem Landkreis nicht ersetzt werden. Es sei aber unwahrscheinlich, dass "es diesen Fall noch einmal gibt".

Die andere Hälfte der knapp 1,2 Millionen Euro Mehrausgaben haben sich nur 2019 angesammelt, ein Großteil ging dabei auf Kosten der ambulanten sozialpädagogischen Familienhilfe und der stationären Heimerziehung. In beiden Bereichen sind die Fallzahlen gestiegen, wie das Landratsamt auf Nachfrage mitteilte. Die Fälle, in denen ambulante Hilfen notwendig waren, stiegen von Ende 2017 bis Ende 2019 von 110 auf 143, die Fälle von Heimerziehung von 49 auf 73. In der ambulanten Form werden Familien intensiv betreut und begleitet, in Erziehungsaufgaben, im Alltag und bei Konflikten und Krisen unterstützt. Die Hilfen dauern meist länger, und die Familien müssen mithelfen.

Dass die Ausgaben für die Heimerziehung steigen, liegt nicht nur an dem Anstieg der Fallzahlen, wie Landratsamtssprecherin Claudia Fiebrandt-Kirmeyer mitteilte, sondern auch daran, dass es "einen klaren Trend" der Einrichtungen zu kleineren Gruppen gehe. Statt zwölf Jugendliche werden neun oder nur sechs in einer Gruppe betreut. Dadurch steigen die Entgelte für die Heime. Das betreuungsintensivere und differenzierte stationäre Angebot resultiere auch aus den immer komplexeren Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen. Ganz grundsätzlich fehlen aber auch Familien, die diese Jugendlichen in Vollzeit in Pflege nehmen würden. Auch so ließen sich die Kosten für die Heimerziehung senken.

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SZ vom 26.06.2020
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