LandwirtschaftGefräßige Insekten gefährden die Ernte

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Kartoffelernte am Stadtrand von Erding: Eine Zikadenart überträgt aktuell ein Bakterium, das die Knollen schrumpeln und gummiartig werden lässt.
Kartoffelernte am Stadtrand von Erding: Eine Zikadenart überträgt aktuell ein Bakterium, das die Knollen schrumpeln und gummiartig werden lässt. Renate Schmidt

Raupen fallen neuerdings über den Mais her, Zikaden bedrohen den Kartoffel- und Gemüseanbau und ein hochgiftiger Pilz lässt den Roggen schimmeln.

Von Thomas Daller, Erding

Kartoffelkäfer und Maiszünsler hat die Landwirtschaft in den Griff bekommen, aber die Natur ist einfallsreich, wenn Monokulturen einen reich gedeckten Tisch versprechen. So haben die Raupen des Eulenfalters, die bisher die Wurzeln von Wildpflanzen gefressen haben, nun die Wurzeln des Mais als Nahrung entdeckt. Sie verursachen aktuell ungewöhnliche Fraßschäden an Maispflanzen in Bayern und Baden-Württemberg. An einer Umfrage des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) dazu nahmen 115 Betriebe teil. Zunächst kamen die Meldungen aus den Landkreisen Bad Tölz, Miesbach, Mühldorf, Aichach und Ebersberg. Dann kam Rosenheim hinzu und jetzt weiter nördlich auch Augsburg, Straubing und Erding.

Die Stärke des Befalls ist höher als zunächst angenommen: Mehr als 40 Teilnehmer rechnen mit hohen Ertragseinbußen. Mehr als zehn Landwirte gaben an, dass der Fraßschaden zum Totalausfall geführt hat und sie die Fläche umbrechen mussten. Die Raupen des Eulenfalters zerstören ganze Pflanzen, selbst optisch gesunde Halme kippen bei leichtem Wind um, weil die Basis der Stängel gekappt ist. Mit Insektiziden ist den unterirdisch lebenden Raupen kaum beizukommen. Zudem stimmt bedenklich, dass es sich um Pionier-Insekten handelt, bereits die erste Generation in der Region verursacht große Schäden und vermehrt sich entsprechend.

Ein weiteres Insekt ist das Schreckgespenst der Zuckerrüben-, Kartoffel- und Gemüsebauern: Es handelt sich um die Schilf-Glasflügelzikade. Sie ernährt sich von Pflanzensäften, ursprünglich im Schilf. Sie stand noch vor wenigen Jahren auf der Roten Liste, bis sie sich entschied, auch von Zuckerrüben zu naschen. Das hätten die Rüben noch überstanden, aber dann infizierten sich die Zikaden mit zwei Erregern, dem Protobakterium Candidatus Arsenophobus und dem Candadatur Phytoplasma solani. Beide verursachen schwere Schäden bei den befallenen Pflanzen. Sie schrumpeln noch auf dem Feld, werden gummiartig und lassen sich kaum noch verarbeiten.

Im Anbaujahr 2024 bezifferten die Bauernverbände den Befall bei Zuckerrüben auf mehr als 75 000 Hektar. In manchen Gebieten lassen sich demnach bereits Populationen von mehreren Hunderttausend Exemplaren je Hektar Anbaufläche nachweisen. Und die Zuckerrüben waren erst der Anfang: Die Zikaden befallen neuerdings auch Kartoffeln, Karotten, Rote Bete, Sellerie, Zwiebeln, Freilandpaprika, Chinakohl, Rhabarber und Rotkohl.

„Stark verbreitet sind die Zikaden in Bayern bereits im Raum Ingolstadt, südöstlich von Regensburg, im Würzburger Gäu und im Einzugsgebiet des Zuckerwerks in Rain am Lech“, sagt Landwirt Georg Huber aus Oppolding in der Gemeinde Bockhorn im Landkreis Erding. Er ist Mitglied im Ausschuss des Verbandes bayerischer Zuckerrübenanbauer und Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Maschinengemeinschaft Moosburg-Erding, die für die Bauern der Region Erntemaschinen und Transportfahrzeuge zur Verfügung stellt.

Landwirte stellen Klebefallen auf und fangen damit Glasflügelzikaden

Huber hat schlechte Nachrichten: Die ersten Schilf-Glasflügelzikaden sind im vergangenen Jahr bereits in der Nähe von Eitting gesichtet worden. Heuer hätten mehrere Landwirte Klebefallen auf ihrem Acker aufgestellt. Jeder habe damit Schilf-Glasflügelzikaden gefangen, auch er selbst. „Ich habe sie an die Landesanstalt für Landwirtschaft eingeschickt und untersuchen lassen. Zwei von sechs waren positiv auf diese Bakterien.“

Georg Zollner ist Landesvorsitzender der Kartoffelanbauer in Bayern und hat einen Betrieb in Eitting. Dort befindet sich der Schwerpunkt des Kartoffelanbaus im Landkreis Erding. In Eitting, Moosinning und Oberding sind die Zikaden ebenfalls schon in Klebefallen getappt. Die Ernte hat gerade begonnen, heuer rechnet Zollner nicht mit gravierenden Schäden, aber perspektivisch müsse man etwas unternehmen. Am einfachsten wäre eine Schwarzbrache, also kein Anbau von Zwischenfrüchten über den Winter, sondern erst im Frühjahr. Damit würde man die Raupen der Zikade aushungern. Dieses Vorhaben würde auch das bayerische Landwirtschaftsministerium unterstützen, aber dazu bedarf es einer Ausnahmegenehmigung, die die EU erteilen muss. Sie ist bereits seit dem Frühjahr beantragt, ein Bescheid steht bislang aus.

Auch beim Roggen gab es ein problematisches Jahr: Die sechs Wochen Regen im Juni und Juli haben die Verbreitung von Mutterkorn forciert. Der Pilz auf den Ähren einhält einen Cocktail aus Dutzenden giftiger Alkaloiden. Im Mittelalter war eine Mutterkornvergiftung eine der häufigsten Todesursachen. Antoniusfeuer wurde sie genannt, geringere Dosen führten zu Halluzinationen, Darmkrämpfen und dem Absterben von Gliedmaßen.

Heutzutage hat man diese Verunreinigung des Getreides mit technischen Mitteln in den Griff bekommen: In den Mühlen arbeiten Farbsortierer. Sensoren erkennen zwischen den hellbeigen Roggenkörnern das dunkelgefärbte Mutterkorn und sortieren sie mit einem gezielten Luftdruckstoß aus. Roggenmehl bleibt daher unbedenklich, es darf in der EU lediglich 500 Mikrogramm dieser Alkaloide pro Kilogramm enthalten.

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