"Erfrischende Eminenz" Ein immer schärferer Blick fürs Wesentliche

Jürgen Bickhardt, Gründer des Hospizverein Erding, feierte jüngst seinen 80. Geburtstag.

(Foto: Renate Schmidt)

Der frühere Arzt Jürgen Bickhardt gründete den Hospizverein Erding. Jetzt feierte er seinen 80. Geburtstag

Von Stephanie Schmidbauer, Erding

Im Umgang mit Tod und Sterben ist Jürgen Bickhardt ein Vorbild. Dieses Kompliment machte Johannes Schollen dem Gründer des Hospizvereins, Schollen steht heute an dessen Spitze. Jetzt feierte man gemeinsam den 80. Geburtstag Bickhardts und würdigte sein Engagement - nicht nur für den Christophorus Hospizverein. Er erlebte Bickhardt als "erfrischende Eminenz" im Hintergrund, sagte Schollen und lobte dessen tolle Ideen. Gerade in der schwierigen Anfangszeit des Hospizvereins habe es Bickhardt durch seinen unermüdlichen Einsatz geschafft, viele Menschen zu motivieren. Die Hospiz- und Palliativarbeit könne emotional sehr belastend sein, sagte Schollen. Bickhardt engagiert sich aber auch in vielen anderen Gebieten. "Dies ist auch eine Anregung für mich", sagte Schollen.

Bickhardts Engagement spiegelt sich in den vielfältigen Tätigkeiten wider, denen er in seiner Freizeit nachgeht. "Unruhestand" ist ein Wort, das auf Bickhardt sehr gut zutrifft, er ist seit 2001 offiziell im Ruhestand. Jetzt ist er aber Vorsitzender des Erdinger Weltladenvereins, Orchestermitglied in Fraunberg, Autor und Vorsitzender des Evangelischen Orgelvereins sowie in der Flüchtlingshilfe engagiert. Er fühle sich "vom Schicksal glückhaft begünstigt", sagt Bickhardt. Er genieße es, mit seiner Frau das Alter bei guter Gesundheit bewusst wahrnehmen zu können.

Bickhardt blickt auf ein erfülltes Leben zurück, in dem jedes Jahr eine "dankbar empfundene Zugabe" sei. Auch die Tatsache, dass er sich von einigen Plänen verabschieden musste, wie etwa der Besteigung des Kilimandscharos, sieht er als notwendigen Bestandteil des Lebens. Im Nachhinein würde er sich lediglich wünschen, mehr Zeit für seine Kinder gehabt zu haben, dies war ihm aufgrund des stressigen Arbeitsalltages als Arzt oft nicht möglich.

Jürgen Bickhardt wurde 1936 als vierter und jüngster Sohn von Margarete und Kurt Bickhardt geboren. Da ihm nach dem Abitur in der DDR ein Studienplatz in Medizin verweigert wurde, siedelte er 1955 nach Stuttgart über, um dort ein ergänzendes "West-Abitur" abzulegen. Ein Jahr später begann er mit dem Medizinstudium in München. 1965 wurde Bickhardt Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus in Ingolstadt und heiratete im gleichen Jahr Irmingard Meier. Nach Stationen an der Universität Erlangen und im Städtischen Krankenhaus in Nürnberg übernahm er 1973 als Leitender Arzt die Innere Abteilung am Klinikum Erding.

In seiner Zeit als Arzt machte Bickhardt zahlreiche Erfahrungen mit schwerkranken und sterbenden Patienten. Von diesen habe er gelernt, mit unangenehmen Ereignissen umzugehen und das eigene Schicksal zu akzeptieren. Bickhardt kritisiert vor allem die Einstellung vieler früherer Kollegen, die bei schwerkranken Patienten die Meinung vertreten hätten, dass da "ja eh nichts mehr zu machen" wäre, oder um jeden Preis medizinische Maßnahmen ergriffen hätten, nur damit während ihrer Schicht kein Patient starb. Für Bickhardt standen dagegen die ärztliche Begleitung und der "Mut, Sterben zuzulassen" im Mittelpunkt. Bickhardt, der sich selbst ein gewisses "Helfersyndrom" bescheinigt, beschäftigte sich als Arzt intensiv mit der Palliativmedizin und der Hospizarbeit. So wurde die Intensivstation des Klinikums nach palliativen Gesichtspunkten umgebaut und die Räume ansprechender gestaltet. Bickhardt organisierte und leitete zahlreiche Sterbebegleitungsseminare und Palliativschulungen für Seelsorger, Ärzte und Laien. Er veröffentlichte zwei Broschüren zum Umgang mit dem Patientenwillen und zur Vorsorge bei Unfällen, Krankheit und im Alter. 1994 gründete er mit anderen den Christophorus Hospizverein Erding und leitete ihn dann neun Jahre lang. Der Verein begleitet seitdem Schwerkranke zu Hause, im Krankenhaus oder im Altenheim und berät über palliativmedizinische Maßnahmen.

Für die Zukunft der Palliativmedizin wünscht sich Bickhardt, dass der mutmaßliche Patientenwille stärkere Berücksichtigung findet und dass mehr Ärzte in der Palliativberatung ausgebildet werden und diese Tätigkeit auch entlohnt wird. Für die Zukunft plant Bickhardt, sich "auf das Wesentliche" zu konzentrieren und sich von Überflüssigem zu trennen. Mehr Zeit mit der Familie steht ganz oben, das bedeutet auch, dass er sich aus seinen Funktionen zurückziehen will. Als "begeisterter Dilettant" wird er weiter musizieren und fotografieren.