Michael Sobolewski beobachtet kurz vor zehn Uhr vormittags die lange Schlange vor der Erdinger Hütt’n. Männer und Frauen jeden Alters in Tracht oder Poloshirt mit „Erdinger Weißbräu“-Logo warten geduldig auf den Einlass. Sobolewski hat alle Hände voll zu tun. Er ist nicht nur Leiter des Besucherzentrums der Privatbrauerei. Er ist auch Fanbeauftragter vom Erdinger Weißbräu. Das schließt die Betreuung des 57 102 Mitglieder zählenden Fanclubs mit ein. Eine Stelle, die wohl nur wenige Brauereien zu vergeben haben.
Eine solche Anzahl täte sich im Fußball „so mancher Bundesligist wünschen“, erklärt Sobolewski bei der offiziellen Begrüßung am Sonntag. Der Fanclub, der heuer auf dem Herbstfest 30-jähriges Bestehen feiert, erstreckt sich über 60 Länder. Dieses Jahr wird zum Jubiläum das jährliche Treffen nicht im Festzelt, sondern in der Doppelstockhütte gefeiert, mit Anmeldung. Innerhalb von fünf Tagen seien über 2000 Zusagen aus aller Welt eingegangen, sagt Sobolewski. Die Brauerei habe letztendlich die 300 verfügbaren Plätze auslosen müssen.
Der Fanclub vereinigt unter seinem Dach verschiedene Ortsvereine und Stammtische. Zum Beispiel den Stammtisch von Katharina und Manuel Waldkirch aus dem Kreis Lörrach in Baden-Württemberg, den es jetzt auch schon 26 Jahre gibt. Einmal im Monat treffen sich dort 15 Leute, sitzen gemütlich zusammen und ratschen. Bei Fantreffen war das Ehepaar schon mehrfach in Erding, im Anschluss geht es noch übers Herbstfest und dann in die Therme.
Ein paar Stunden Fahrt haben zwei Fans aus der Pfalz hinter sich. Nikolaj Lubanov ist mit Schwager Erik Isselhard aufs Fanfest gekommen. Der erfolgreiche „Bierfluencer“ spricht unter Nikolaj.lu97 (Tiktok; 1,1 Millionen Follower, Instagram über 280 000) über diverse Brauerzeugnisse und auch über den Erdinger Weißbräu. Die beiden Pfälzer in Lederhose und Trachtenhemd sind begeistert, klar vom Bier, aber auch von der Stimmung. Ihm gefalle die bayerische Kultur so gut, sagt Lubanov. Was er damit meint? „Dass hier so viele Tracht tragen, dazu das Bier in der Hand, jeder sieht glücklich aus und ist zufrieden.“


Die Stimmung ist prächtig beim Fanfest. Lachend und ratschend sitzen die Gäste bei Live-Musik zusammen, trinken – natürlich – Bier und greifen beherzt beim Weißwurstfrühstück zu. Eine nicht repräsentative Umfrage an mehreren Tischen ergibt, dass sich die bayerische Wurstspezialität höchster Beliebtheit erfreut. Auch die Brezn: „Die kriegen sie bei uns einfach nicht so hin“, erklärt Waldkirch.
Die Gäste aus ganz Deutschland und darüber hinaus können sich in der Hütt'n an mehreren Stationen auch in typisch bayerischen „Sportarten“ üben. Unter Aufsicht von Profis aus dem Werdenfelser Gau versuchen sich manche zum Beispiel im Fingerhakeln. Wie ein Werdenfelser anerkennen muss, „stellen sich die Amateure wirklich recht gut an“. Besonders beliebt ist das Bierhumpenstemmen, bei dem ein überdimensional großes und circa fünf Kilo schweres Bierglas möglichst lange in der Luft gehalten werden muss.
Für einen kurzen Schreckmoment sorgt zu Beginn des Fests ein ohrenbetäubender Knall: Mitglieder des Schützenvereins Almarausch Langengeisling führen vor der Hütt'n die Tradition des Böllerschießens vor. Nach dem ersten Schreck breitet sich Begeisterung aus und die Handys werden gezückt.


Zum 30-jährigen Bestehen des Fanclubs hat die Brauerei einen Anstecker mit Erdinger Stadtsilhouette und Brauerei-Logo gestaltet. Der Erlös vom Verkauf dieser „Gaudiknöpfe“ wird für einen guten Zweck gespendet. Am Nachmittag überreichte die Brauerei einen Scheck in Höhe von 3000 Euro an die Nachbarschaftshilfe Erding zugunsten der Tafel Erding.
Ein kleiner Wermutstropfen ist dieses Jahr der Tod von Brauereiinhaber Werner Brombach, der erst vergangene Woche beerdigt wurde. Brombach hatte 1965 von seinem Vater die Brauerei übernommen und das 1886 gegründete Familienunternehmen durch geschicktes Marketing zu einer Weltmarke gemacht. Heute ist Erdinger die größte private Weißbierbrauerei weltweit und exportiert in über einhundert Länder.


Zu einer Mitgliedschaft im Fanclub gehört eine kostenlose Führung durch die Brauerei. Dort gibt es eine „Wall of Fans“ mit Fotos aus der ganzen Welt, wie PR-Manager Konstantin Daum erzählt. Sie zeigten strahlende Urlauber am Meer oder in den Bergen – mit einem Erdinger Weißbier in der Hand.
Sogar in einem Bierbrauerland wie den Niederlanden gibt es echte Erdinger Weißbierfans. Patrick Grotenhuis sitzt im orangefarbenen Polohemd gemütlich am Biertisch. Seit acht Jahren sei er ein Fan von Erdinger Weißbräu, inzwischen sei seine ganze Familie ein einziger Fanclub, wie er erzählt.
Den weitesten Weg zum Fanfest haben Julie Parker und Bill Somerville hinter sich. Sie sind extra fürs Fantreffen aus London angereist. In England sind beide Mitglied im Fanclub. Sie habe ihm die Mitgliedschaft vor Jahren zum Geburtstag geschenkt, erzählt Julie Parker. Die beiden kommen regelmäßig nach Erding, sie haben Freunde hier.
Auf ihren ausgedehnten Reisen haben die beiden festgestellt, dass es nahezu überall auf der Welt Erdinger Weißbier gibt. Sogar in Peru am Machu Picchu und in China, wie sie erzählen. Sie schwören zudem auf ein Hotel auf Teneriffa, in dem es das Erdinger Bier gibt. Was ihnen so gut gefällt am Erdinger Weißbier? „It's so refreshing“, sagt Bill Somerville. „It's just lovely“, sagt Julie Parker.

