Süddeutsche Zeitung

Erdinger Stadtpfarrer:"Gott macht keinen Unterschied"

Martin Garmaier von der Pfarrei St. Johannes spricht über die Gefahr, die von einer erstarkenden AfD ausgeht, und über die Ursachen von Hass und Hetze. Er plädiert zudem für die Abschaffung des Zölibats und eine Zulassung für Frauen in den Priesterberuf

Martin Garmaier ist seit 2015 Pfarrer in Erding. Seitdem äußert er sich in seinen Predigten immer wieder politisch, besonders seine Kritik an der AfD versteckt er nicht. Auch was Frauen im Priesterberuf, den Umgang mit Homosexuellen und den Zölibat angeht, positioniert sich Garmaier deutlich und kritisiert auch die eigene Kirche.

SZ: Herr Garmaier, Ihre Predigten sind oft politisch. Ist es die Aufgabe der Kirche, politisch zu sein?

Martin Garmaier: Kirche muss in meinen Augen politisch sein, weil sie ein Teil dieser Gesellschaft ist. Sie darf nicht parteipolitisch sein, wobei ich es in puncto AfD bin.

Wie sollte sich die Kirche politisch positionieren?

Es ist die Aufgabe der Kirche, dass sie ihre Grundwerte einbringt und aufrechterhält. Das sind Grundwerte, die sich am Menschen orientieren. Wenn es um Fragen unseres menschlichen Miteinanders geht, um Fragen, die den Wert des Menschen angehen, dann muss die Kirche für den Menschen Partei ergreifen.

In puncto AfD sagen Sie, sind Sie parteipolitisch. Nun hat gerade die AfD in den vergangenen Jahren einen enormen Zuwachs erhalten.

Ja, leider.

Wie gefährlich schätzen Sie das ein?

Ich halte das für sehr gefährlich. Vor allem halte ich es für gefährlich, wenn Menschen sehr einseitig etwas nachfolgen und nicht mehr differenzieren. Verschiedene Meinungen gehören zu einer Demokratie. Aber die AfD ist zumindest momentan noch eine Gruppierung, die eher hetzt und einen Spaltkeil in die Gesellschaft treibt. Das erinnert mich an frühere Zeiten, an die 1930er Jahre, an Hitler. Da müssen wir als Kirche sagen: Schluss, so nicht.

Und das tun Sie jetzt?

Jedenfalls möchte ich gesellschaftlich wachrütteln und sagen: Leute, gebt Acht. Denkt differenziert. Überlegt, was Politiker wollen.

Jetzt sind es aber nicht nur AfD-Anhänger, die beispielsweise Angst vor Migration haben. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ein schwieriges Thema, auch für mich. Wir können in Deutschland oder Europa nicht die halbe Welt aufnehmen. Das geht nicht. Man muss schauen, wo die Probleme vor Ort liegen. Und es gibt auch so genannte Flüchtlinge, die nicht aus einer Gefahr heraus geflohen sind, sondern auf dieser Welle mitschwimmen. Das muss man unterbinden. Aber Menschen, die aus einer Not heraus hierher kommen, denen muss ich mich öffnen und die Möglichkeit zur Integration geben.

Was sich als nicht immer einfach erweist.

Diese Menschen kommen aus völlig anderen Kulturen, haben eine völlig andere Erziehung genossen. Das ist verdammt schwierig. Aber Verallgemeinerungen nützen uns nichts. Ich muss den Einzelfall anschauen. Eine Lösung weiß ich auch nicht. Das ist das Fatale. Ich beneide unsere Politiker nicht. Aber ich versuche, Verständnis zu haben.

Auch für AfD-Anhänger?

Jeder Mensch hat eine Chance. Ich möchte keinen Menschen ein für alle Mal ins Aus stellen. Aber momentan tue ich mich ehrlich gesagt schwer.

Im Internet und auf den Straßen wird man zunehmend mit Hetze und Hass konfrontiert. Was denken Sie, woher dieser Hass kommt?

Ich denke, manchmal ist es für Menschen das Einfachste, in ihrer eigenen Unzufriedenheit drauf los zu schimpfen. Ich habe das Gefühl, dass da ein gewisser Egoismus herrscht, ebenso wie die Angst, etwas zu verlieren, was man schon hat. Aber Hetze schürt Hass und Hass ist nichts, was in irgendeiner Weise mit unserem christlichen Grundverständnis vereinbar ist - auch nicht mit einem humanistischen Weltbild.

Warum ist Hass oder zumindest die Fähigkeit zu hassen überhaupt im Menschen angelegt?

Ich sage: Gefühle sind - Punkt. Es gibt kein Gefühl, das sein darf oder nicht sein darf. Die Frage ist aber, wie ich mit ihnen umgehe. Und ich erwarte, dass jeder sagen kann: "Moment mal, stopp." Hass reißt Brücken ein. Dabei geht es in einem menschlichen Miteinander darum, dass ich Brücken baue. Außerdem bin ich der Meinung, dass in jedem Menschen etwas Gutes liegt. Wir wissen oft nicht, was Menschen zu ihren Taten bringt. Wenn ich dahinter blicken kann, kann ich auch ein Stück weit Verständnis haben. Und das hilft mir, den Hass zumindest abzumildern.

Ist Religion ein Mittel gegen den Hass?

Unbedingt. Übrigens auch der Islam. Auch im Koran gibt es den Aufruf zu einem friedlichen Miteinander und gegenseitiger Achtung. Und dem Christentum ist das immanent. Seine Feinde zu lieben, heißt auch, diese als Mensch zu respektieren. Nächstenliebe gründet auf unserem christlichen Grundverständnis: In Liebe hat Gott jeden Menschen geschaffen. Selbst Adolf Hitler, dem ich nichts Gutes gewünscht hätte. So wie auch manchen Diktatoren auf dieser Welt nicht.

Wünschen Sie denen dann was Schlechtes? Und wäre das dann nicht auch wieder eine Form von Hass?

Ich wünsche denen, dass sie erkennen. Und für ihre Völker Freiheit zulassen. Aber Gott hat Ja gesagt zu uns allen. Ich kann mich nicht zum Richter aufschwingen und sagen: "Das ist ein guter, das ein schlechter Mensch." Das muss ein Anderer entscheiden.

Haben Sie Angst davor, dass der Hass irgendwann auch in Gewalt umschlägt oder die Gewalt, die ja in Teilen schon da ist, zunimmt?

Ganz klar, ja. Je mehr man Hass anfeuert und schürt, desto geringer wird die Hemmschwelle zur Gewalt. Die Gesellschaft ist nicht hasserfüllt und auch nicht gewaltbereit. Aber die Gefahr sehe ich dennoch immer größer werden.

Sie waren Militärpfarrer. Wie gehen Krieg und Gewalt denn mit Nächstenliebe zusammen?

Es ist im Leben so, dass ich nicht immer zwischen gut und schlecht teilen kann, sondern abwägen muss. Nehmen wir Jugoslawien...

. . . dort waren Sie im Einsatz.

Am Anfang in Kambodscha und dann in Jugoslawien. In Bosnien habe ich mitbekommen, wie mit den Einheimischen umgegangen wird. Deswegen sage ich, dass man manchmal Gewalt mit Gewalt ein Ende bereiten muss. Dann muss man einschreiten, um Menschenleben zu retten. Auch, wenn ich mir für mich nicht vorstellen kann, einen anderen Menschen zu töten.

Aber Sie sagen, dass man Gewalt manchmal nur mit Gewalt begegnen kann.

Ja, manchmal muss man das. Mein inneres Gewissen darf hier nicht zu einer Ideologie werden.

Manche vertreten die Auffassung, dass Kirche als Gewissen ohnehin nicht mehr funktioniert. Der Missbrauchsskandal, die Einstellung der katholischen Kirche zu Frauen, Homosexuellen oder geschiedenen Paaren, ist für manche nicht mehr die Auffassung von einer moralischen Instanz.

Unsere ganze Moral kommt zu einem großen Teil aus dem christlichen Grundverständnis. Deswegen ist die Kirche für mich eine ganz wichtige moralische Instanz. Aber aus der Moral darf kein Moralismus werden. Das kritisiere ich - auch an der eigenen Kirche. Wir dürfen nicht behaupten: Nur so geht's. Dann werden wir ganz schnell unglaubwürdig. Auch Kirche besteht aus Menschen und die sind nicht vollkommen, auch wir Priester nicht. Nicht die Kirche hat Missbrauch begangen, sondern die Einzelnen. Das System aber begünstigt vieles.

Das würden Sie tatsächlich sagen?

Die ganze Zölibatspflicht führt auch dazu, dass sich viele dort hinein fliehen, weil sie etwa in einer Partnerschaft für sich keine Chance sehen, sich generell mit einer Partnerschaft schwertun oder sich selbst etwas vormachen. Nicht nur, was Pädophilie anbelangt. Ein im Vergleich zur Gesellschaft sicherlich überdurchschnittlicher Teil der Priester ist homosexuell. Die Kirche sagt, das dürfe nicht sein. Und diese Menschen verstecken das, gestehen es sich auch selbst nicht ein. Und das ist der Punkt, wo man nicht mehr ehrlich ist.

Sollte der Zölibat dann abgeschafft werden?

Absolut, das fand ich schon immer.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich nun aber gerade zu Wort gemeldet und sich deutlich für den Zölibat ausgesprochen. Auch, wenn er jetzt doch nicht Co-Autor dieser Streitschrift gewesen sein will.

Um ehrlich zu sein, ich habe mir bloß gedacht: typisch Ratzinger. Ich denke noch an die Zeit als er hier Bischof war. Da habe ich ihn einmal dazu befragt und er gab mir zur Antwort: "Wer nicht zum Zölibat berufen ist, ist nicht zum Priester berufen." Wer so denkt, der hat etwas nicht begriffen.

Könnten dann Ihrer Meinung nach alle in die katholische Kirche kommen und Priester werden: Frauen, Homosexuelle, Geschiedene, wieder Verheiratete?

Ja. Wenn jemand als Priester in der Kirche arbeitet, muss er in meinen Augen ein Ideal und eine Liebe zu diesem Glauben mitbringen. Sonst kannst du es vergessen. Nur als Job brauchst du es nicht machen. Gleichzeitig muss er ehrlich sein und seine Grenzen und Schwierigkeiten anerkennen. Aber Gott macht doch keinen Unterschied zwischen heterosexuell und homosexuell, zwischen Mann und Frau, zwischen Ehelosigkeit und Familie. Gott ist der Mensch wichtig. Deswegen gibt es auch keinen plausiblen Grund, der gegen Frauen als Priester spricht.

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Quelle:
SZ vom 18.01.2020
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