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Erdinger Natur erholt sich:Greifvögel im Aufwind

Habicht, Bussard und Falke sind möglicherweise Indikatoren, dass sich die Natur im Landkreis erholt. Insbesondere die Rückkehr des Rotmilans nach Ostbayern ist eine Sensation

Von Thomas Daller, Erding

Man muss kein Ornithologe sein, ein gelegentlicher Blick zum Himmel genügt, um anhand der Silhouetten die Tiere auszumachen: Es gibt im Landkreis Erding wieder viele Greifvögel, fast schon so viele wie vor der Erfindung des Gewehrs. Vor allem Mäusebussarde, Turmfalken, Sperber und Habichte kreisen in den Lüften, aber auch seltene Exemplare des Rotmilans waren heuer im Landkreis zu sehen, obwohl Ober- und Niederbayern jahrzehntelang fast milanfrei waren. Zwei Aspekte spielen dabei offenbar eine Rolle: Die Greifvögel unterliegen zwar dem Jagdrecht, sind aber seit den 1970er Jahren in Bayern ganzjährig geschont. Zu diesem langjährigen Aufwärtstrend gesellt sich aktuell eine starke Vermehrung, weil die Vögel derzeit eine nahezu unerschöpfliche Futterquelle haben: Feldmäuse haben sich 2019 und 2020 ebenfalls stark vermehrt, auf den Äckern und Wiesen ist der Tisch für Bussard und Falke gut gedeckt.

Der Trend beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Greifvögel im Landkreis Erding, sondern ist überwiegend in Ostbayern zu beobachten. Am Chiemsee sieht man sogar Seeadler, im Vorjahr haben 16 der 23 bayerischen Seeadlerpaare Junge groß gezogen. Ostbayern ist das Kerngebiet der Art im Freistaat. Andreas Hartl, der bekannte Naturfotograf aus Dorfen und Mitglied des Landesbundes für Vogelschutz, beobachtet die Tiere mit der Kamera. Auch im Landkreis fallen ihm mehr Greifvögel auf. Vor allem, dass der Rotmilan in die Region zurückgekehrt sei, habe ihn überrascht. Deutschland sei eigentlich das Hauptvorkommen weltweit dieser Vögel. Aber Ober- und Niederbayern galten als milanfrei. "Sie haben wohl eine spezielle Lebensraumanpassung, niemand wusste, woran das liegt." Und plötzlich seien die Milane da, ohne dass man erklären könne, was sich aus Sicht dieser Vögel hier verändert habe.

baumfalke

Ein Baumfalke auf der Suche nach Beute. Falken finden auf den Äckern und Wiesen einen gedeckten Tisch vor, weil die milde und warme Witterung dazu geführt hat, dass sich Feldmäuse stark vermehrt haben.

(Foto: Andreas Hartl/oh)

Der renommierte Naturfotograf bringt es auf den Punkt: Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war der Rotmilan regional der zweithäufigste Greifvogel nach dem Mäusebussard. Wenige Jahrzehnte später war der Bestand in Deutschland aufgrund intensiver Verfolgung fast erloschen. Eine Wiederausbreitung setzte in den 1920er und 1930er Jahren ein und erreichte in den 1950er Jahren ihr Maximum. Bei dieser Wiederansiedlung verschmähte der Rotmilan jedoch zwei Regionen: einen Streifen entlang der niederländischen Grenze bis hin zur Nordseeküste sowie fast die gesamte östliche Hälfte Bayerns. Der Atlas deutscher Brutvogelarten, ein Standardwerk der Ornithologie, zeigt auf Seite 203 eine Karte dieser Ausbreitung: Obwohl der Rotmilan eigentlich offene Kulturlandschaften von den Tieflagen bis in die Mittelgebirge besiedelt, klafft auf der Landkarte im Osten Bayerns ein riesiger weißer Fleck. Die Fachwelt stand bisher schon vor dem Rätsel, warum es so eine Art Weißwurstäquator für den Rotmilan gibt, den er nicht überquert. Und nun ist das Rätsel für die Ornithologen noch vertrackter geworden, indem er es urplötzlich, 100 Jahre nach seiner Wiederansiedlung in Deutschland, nun doch tut.

Auch Thomas Schreder, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Erding, hat heuer im Jagdrevier schon einen Rotmilan gesehen. Er beobachtet zudem in seinem Garten nun häufiger, dass Habicht und Sperber dort Singvögel schlagen: "Es gibt deutlich mehr Greifvögel."

Früher galten die Greifvögel als Raubvögel, die den Jägern junge Hasen, Fasane und Rebhühner "raubten" und den Bauern die Hennen. "Der frühere Dorfener Bürgermeister Wolf war ein begeisterter Jäger", entsinnt sich Hartl. Wolf habe die Auffassung vertreten, "alles, was einen krummen Schnabel hat, gehört weg". Und damit habe er keine Papageien gemeint. Man habe die Tiere auch in Fallen gelockt und dann darin erschlagen. Dabei würden beispielsweise Bussarde die Brut von Saatkrähen ausräumen, die vor allem im Erdinger Stadtpark schon als "Plage" empfunden würden. Außerdem würden etliche Greifvögel auch Feldmäuse dezimieren.

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Ein Turmfalke beim Verzehr einer Maus. Die Vögel sind sehr nützlich, dennoch werden sie gewildert.

(Foto: Andreas Hartl/oh)

Das ist heuer und auch schon im vergangenen Jahr eine wichtige Aufgabe. Schon 2019 waren Wissenschaftler überrascht vom Ausmaß der Mäuseplage vor allem in Norddeutschland, wo die Nager die Deiche perforierten. Dort verzeichneten Experten das höchste je dokumentierte Mäuseaufkommen. Rein rechnerisch kommt auf manchen Grünlandflächen auf jeden Quadratmeter eine Maus. Es gibt Zyklen von Mäusejahren, aber vom warmen Klima profitieren sie aktuell besonders. In Ostbayern ist das Szenario noch nicht so deutlich ausgeprägt, aber Bussarde und Falken sehen sehr gut genährt aus.

Dennoch reicht das als Erklärung noch nicht aus, denn Habicht und Sperber rühren keine Mäuse an, sie fangen kleine Vögel im Flug. Dabei geht es auch diesen Populationen offensichtlich gut. Eine monokausale Erklärung gebe es wohl nicht, vermutet Thomas Schreder. Es liege vielleicht an mehreren Faktoren, dass die milde und warme Witterung das Überleben der Brut fördere und zudem auch für mehr Mäuse sorge. Die Förderprogramm für Feldflur und Wildäcker nach dem Volksbegehren würden bereits greifen und sich positiv auf die Artenvielfalt auswirken. "Wir haben mehr Leben am Boden und mehr Nahrungsgrundlage für Kleinvögel", konstatiert er. Und dieser Effekt komme dann schließlich auch bei den großen Prädatoren wie den Greifvögeln an.

Allerdings droht den Greifvögeln Gefahr aus einer anderen Richtung: Wilderer in Deutschland erschießen, vergiften und fangen vor allem Greifvögel. Zwischen 2005 bis 2017 wurden hierzulande mehr als 1000 Fälle illegaler Greifvogeltötungen registriert. Laut dem vom Bund geförderten Projekt Edgar ("Erfassungs- und Dokumentationsstelle für Greifvogelverfolgung und Artenschutzkriminalität") wurden im Beobachtungszeitraum 890 Mäusebussarde, 200 Rotmilane, 157 Habichte, 78 Turmfalken, 65 Seeadler, 51 Wanderfalken, 41 Sperber, 23 Rohrweihen, 22 Schwarzmilane und 11 Fischadler Opfer von gezielter Verfolgung. Hinzu kamen noch 30 Uhus, die größte heimische Eule, außerdem 11 Waldohreulen. Vor allem in NRW, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern häuften sich die Vorfälle. Seit 2017 wurden allein in Bayern mehr als 60 Greifvögel illegal getötet. Die Täter stellen den Tieren mit Gewehren, Gift und Fallen nach. In den vergangenen Jahren gab es mindestens zwei Fälle vergifteter Greife im Landkreis Freising und einen im Landkreis Erding. Die Dunkelziffer dürfte allerdings höher sein. Das war bei Wilderei schon immer der Fall. Bleibt zu hoffen, dass die Vermehrungsrate dieser schönen Vögel mehr als Schritt hält, als dass kriminelle Wilderer ihnen schaden können. Es sieht zumindest danach aus.

© SZ vom 17.10.2020

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