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Erdinger Apotheken und Corona:Hustensaft wird zum Ladenhüter

Sempt-Apotheke

Apotheker Benedikt Friedl hält in der Erdinger Sempt Apotheke Präparate zur Behandlung von Erkältungskrankheiten in Händen.

(Foto: Stephan Görlich)

Die Abstands- und Maskenpflicht sorgt dafür, dass die Apotheken im Landkreis wesentlich weniger Erkältungsmittel verkaufen. Magen- und Darminfekte sowie Läuseplage sind ebenfalls auf dem Rückzug. Dafür haben die Kunden nun verstärkt Redebedarf

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Eigentlich sind die Wintermonate gute Monate für Apotheker. Es ist die klassische Erkältungszeit. Überall wird gehustet, die Nase läuft. Viele suchen dann in der Apotheke ein Mittel zur Linderung. Doch in diesem Winter liegen die Mittel gegen Erkältungen "wie Blei in den Regalen", wie Franz Stadler von der Campus Apotheke in Erding stellvertretend für alle Apotheken im Landkreis sagt. Masken- und Abstandspflicht sowie Hygienemaßnahmen haben zum Rückgang aller Infektionskrankheiten geführt - Grippe und Magen-Darm-Infekte mit dem Norovirus traten kaum auf. Mangelnde Laufkundschaft, der Online-Handel und weniger Rezepte durch Hausärzte haben bei vielen Apotheken zu einem Umsatzrückgang geführt.

"Dass die normalen Erkältungserkrankungen weniger werden, war verständlich, wenn alle Masken tragen und Abstand halten. Die Leute haben deshalb kaum Hustensaft oder ähnliches gebraucht. Das steht alles bei uns wie bei Blei in den Regalen, was sonst um diese Zeit gut verkauft worden wäre", sagt Franz Stadler. Alle Kontakterkrankungen wie eben Erkältungen oder Durchfall durch Noroviren hätten abgenommen, aber auch Kopfläuse, was nicht erstaunlich sei, wenn Kindergärten und Schulen zu seien, wie der Apotheker sagt. Im Gegensatz zu anderen Kollegen habe er beim Punkt Laufkundschaft, der vielleicht beim Vorbeigehen einfällt, dass sie irgendetwas aus der Apotheke brauche, kein Problem. Die Campus-Apotheke ist neben dem Klinikum Erding angesiedelt. In der Umgebung gibt es zudem einige Ärzte. "Aber wir sollten nicht jammern, das steht uns überhaupt nicht an. Wir gehören zu den wenigen, die fast immer geöffnet hatten."

Das Fehlen der Laufkundschaft abseits der Patienten mit Rezepten wirkt sich aber bei der Apotheke im Westpark in Erding aus. "Was uns weh tut, ist die Schließung des Fitness-Studios über uns", sagt Apotheker Markus Ziegelmeier. Das merke man schon. Generell sei zudem auch der Umsatz von Erkältungsmitteln zurück gegangen. Wenn Markus Ziegelmeier höre, dass sich die Apotheken am Verkauf der FFP2-Masken bereichert haben sollen, dann stimme das einfach nicht und gehe an der Realität vorbei, denn es würden mehr Apotheken schließen als eröffnen, sagt Ziegelmeier. "Die schließen nicht wegen Reichtum." Dazu habe aber nicht nur die Corona-Pandemie beigetragen, sondern auch der Online-Handel.

Benedikt Friedl von der Sempt Apotheke in Erding kann den Umsatzrückgang auch in Zahlen fassen: "Wir haben im Geschäft wohl einen Kundenrückgang um ein Viertel. Dabei sind wir eine relativ große Apotheke." Neben dem Rückgang durch die Corona-Auswirkungen habe sich der Auszug einer Allgemeinarztpraxis im Haus bemerkbar gemacht. Erst jetzt ziehe wieder eine Kinderärztin ein. "Wir haben zur Hälfte Stammkunden. Aber von den Ärzten im Umfeld weiß ich, dass deutlich weniger zum Arzt gehen. Dabei haben wir aber noch Glück mit der Ärzteumgebung", sagt Benedikt Friedl.

Stephanie Weltrich-Streit, Apothekenleiterin in Wartenberg, stellt außerdem fest, dass die Kunden mehr Redebedarf haben, man müsse mehr erklären. "Vom Impfstoff über Masken bis zum Schnelltest. Manchmal mus man auch den Frust auffangen oder fachlich was gerade rücken. Viele werden halt langsam sehr dünnhäutig." Auch bei der Weltrich-Apotheke merkt man deutlich, dass die Übertragungskrankheiten weniger werden. "Welcher Teil der Kundschaft zu Online abwandert, kann ich nicht sagen, das wird wahrscheinlich so sein, wie in anderen Branchen auch", sagt die Apothekerin. Sie hat zudem den Eindruck, dass viele auch weniger brauchen momentan. Man merke den Rückgang. Aufgefangen werde der aber bei der Weltrich-Apotheke teilweise durch andere Tätigkeiten, zum Beispiel das Testzentrum, das man in Wartenberg habe. Aber auch sie sagt: "Jammern steht uns nicht zu."

Stefanie Gottschalk, Leiterin der St. Zeno-Apotheke in Isen, vermutet, dass die Leute "alles auf die lange Bank schieben", solange es gehe, um nicht zum Arzt gehen zu müssen. Und auch bei ihr sei der Redebedarf von manchen Kunden gestiegen. "Jeder steckt es anders weg. Vor allem bei älteren Personen gibt es mit den Masken manchmal Verständnisprobleme."

Dieter Sauer von der Marienapotheke in Dorfen beziffert den Umsatzrückgang auf einen "niedrigen zweistelligen Bereich". Alles, was mit Körperkontakt zu tun habe, sei rückläufig. Er habe zum Glück einen Arzt im Haus. Die normalen Krankheiten bei den älteren Kunden seien kaum betroffen.

© SZ vom 22.04.2021
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