Erding "Wir wollen regieren"

Helga Stieglmeier will für die Grünen in den Bayerischen Landtag ziehen. Ein Gespräch über Karriere, Ideologie und Kompromisse mit der CSU

Von Florian Tempel

Helga Stieglmeier ist geborene Münchnerin, Gymnastiklehrerin und Tanztherapeutin. Mit 15 wurde sie Juso-Mitglied und trat nach dem Nato-Doppelbeschluss wieder aus. Als sie 1998 aus der Großstadt in den Landkreis Erding, nach Hofsingelding, zog, trat sie den Grünen bei. Seit 2002 ist sie Sprecherin des Kreisverbandes und Fraktionssprecherin im Kreistag, seit 2007 Aufgemuckt-Sprecherin und seit zwei Jahren Mitglied im Landesparteirat der Grünen. Von 2006 bis 2011 war sie Gemeinderätin in Wörth, bevor sie mit ihrer Familie nach Erding umzog. Nun will die 56-Jährige als Landkreis-Direktkandidatin und über einem guten Listenplatz Landtagsabgeordnete werden.

SZ: Sie wollen ins Maximilianeum, das ist Ihnen ein ernsthaftes Ziel?

Helga Stieglmeier: Für mich ist der Landtag definitiv ein Ziel. Ich bin seit zehn Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. Da habe ich ganz viele Überschneidungen gesehen beziehungsweise, wo man als Kommunalpolitikerin an die Grenzen stößt. Ich will bei meiner Erfahrung als Kommunalpolitikerin ansetzen und darüber hinausgehen.

Nach ihrem Parteieintritt 1998 haben Sie sich sehr schnell aktiv eingebracht.

Wenn ich etwas mache, dann mache ich es gescheit. Ich wollte nicht nur eine Karteileiche sein und nur meinen Mitgliedsbeitrag zahlen.

Man kennt Sie im Landkreis und darüber hinaus vor allem auch als Sprecherin des Bündnisses Aufgemuckt, im Widerstand gegen die dritte Startbahn.

Ich war zunächst immer bei den Aufgemuckt-Treffen als Mitglied der Bürgerinitiative Erding dabei. Dann wurde ein neuer Sprecherat gewählt und ich bin ich angesprochen worden, ob ich nicht kandidieren möchte. Auch das war eine Entwicklung. Ich hatte mir nie das Ziel gesetzt, ich möchte Aufgemuckt-Sprecherin werden. Aber nun bin ich es seit fünf Jahren.

Seit zwei Jahren sitzen Sie im Parteirat. Wie sind Sie zu diesem Amt gekommen?

Das bin ich beim ersten Mal auch gefragt worden. Ich habe mich jetzt aber zum zweiten Mal beworben und bin mit einem sehr guten Ergebnis wiedergewählt worden. Ich bin im Parteirat unter anderem zuständig für die Vernetzung der Kreisverbände in der Planungsregion 14 - genau mein Thema.

Wer hat Sie jetzt gefragt, ob Sie Landtagsabgeordnete werden wollen?

Zum einen hat mich der Kreisverband gefragt. Und es war eine Entwicklung von mir selbst. Der Landkreis Erding braucht eine grüne Vertretung im bayerischen Landtag. Mir geht es dabei allerdings nicht um meine eigene politische Karriere. Ich sage nicht, ich möchte da rein, weil ich da schon immer rein wollte. Sondern weil ich Ideen habe, von denen ich glaube, dass sie gut für den Landkreis sind.

Sie sind seit einem Jahr Erdingerin. Wollen Sie auch in den Stadtrat?

Dazu kann ich mich noch gar nicht äußern. Was ich aber auf keinen Fall machen werde, ist, als OB-Kandidatin hier antreten.

Wo würden Sie landespolitisch ihre Themenschwerpunkte setzen?

Momentan haben wir haben eine Entwicklung, dass sehr viel auseinander driftet. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Und wir haben Boom-Regionen und Regionen, in denen die Leute eher abgehängt werden. Das kann ich im Landkreis beobachten und bayernweit. Auf beide Entwicklungen wird aber stets nur stur die Losung ausgegeben, Wachstum, Wachstum, Wachstum bringt uns weiter, Wachstum löst alle Probleme.

Landesentwicklung ist also ein Thema, dem Sie sich widmen wollten. Ist es für den Wahlkampf nicht ein etwas sprödes Thema?

Im Gegenteil. Ich finde, das ist eine Zukunftsgeschichte: Wie gestalten wir die Zukunft, und zwar ganz genau und konkret bei uns hier vor Ort. Darüber hinaus sind natürlich auch alle landespolitischen Themen wie Bildung, Finanzen, erneuerbare Energien und Landwirtschaft ein Wahlkampfthema für mich.

Es ist nicht so leicht in den Landtag zu kommen. Das kann nur über die Liste klappen. Welchen Listenplatz streben Sie an?

Auf alle Fälle unter die ersten Zehn. Ich überlegen, mich für Listenplatz Nummer drei bewerben.

Sind die ersten beiden Listenplätze schon klar vergeben?

Ja, Platz eins geht an die grüne Spitzenkandidatin Margarethe Bause und Platz zwei, würde ich sagen, ist auch klar mit Martin Runge dem Fraktionsvorsitzenden. Ob ich auf Platz drei gewählt werde, ist eine andere Frage, da treten mehrere an. Es gibt viele starke Kandidatinnen und Kandidaten.

Bei den Grünen wird doch immer abgewechselt, Frau, Mann, Frau, Mann. Sie müssen sich also kaum mit männlichen Kandidaten auseinander setzen. Wer sind ihre Mitbewerberinnen um einen der vorderen Plätze? Nennen Sie Namen.

Namen kann ich nicht nennen, das zeigt sich bei der Listenaufstellung Ende Januar in Rosenheim. Es treten aber sicher Kandidatinnen an, die bereits im Landtag sind.

Wenn man aus dem Landkreis Erding kommt, muss man sehr viele Zweitstimmen außerhalb des Landkreises holen, sonst klappt das nicht mit einem Landtagsmandat.

Ich gehe davon aus, dass ich durch das Thema dritte Startbahn in Dachau, Freising und München nicht unbekannt bin. Außerdem bin ich in Ebersberg schon mal als Bundestagskandidatin des Wahlkreises Erding-Ebersberg angetreten. Ich besuche die Nachbarlandkreise immer wieder. Vor Kurzem war ich im Landkreis Dachau zum Thema Wachstum eingeladen . Es ist auch wichtig, einen Wahlkampf zu machen, der auf die Nachbarregionen ausstrahlt.

Wann geht Ihr Wahlkampf los?

Wir machen am 11. November um 11 Uhr Wahlkampfauftakt in Erding in der Schiaßn. Ich will auch über die Art des Wahlkampfs zu zeigen, dass es eine andere Art der Politik gibt. Wir fordern ja auch immer, dass die Bürger wesentlich stärker miteinbezogen werden. Das wird sich auch in meinem Wahlkampf niederschlagen. Ich plane einen Wahlkampf, bei dem ich sehr stark vor Ort bin. Und werde versuchen, intensiv mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Zu ganz vielen Fragen gibt es heute keine einfachen Antworten mehr. Die Zusammenhänge werden immer komplexer. Ich habe nicht für jedes Thema schon eine Lösung parat. Ich glaube, dass wir bei ganz vielen Themen neue Wege einschlagen müssen.

Wie sehen Sie die Chancen der Grünen bei der Landtagswahl 2013?

Ich sehe die Grünen bayernweit bei 13, 14 Prozent, im Landkreis auf alle Fälle zweistellig. Wenn es um unser Potenzial geht, haben wir aber laut Untersuchungen ein Wählerpotenzial, das annähernd so groß ist wie das der CSU und SPD.

Ist es nicht nur eine sehr vage Hoffnung, dass die Grünen mit der SPD und den Freien Wählern im kommenden Jahr die schwarz-gelbe Staatsregierung ablösen können?

Es ist schwer, weil Dreierkoalitionen immer schwierig sind. Bei den Freien Wählern ist für mich das Problem, dass sie schwer fassbar sind. Man lästert immer darüber, dass die anderen Parteien eine Ideologie haben. Aber da weiß ich wenigstens woran ich bin. Bei der CSU weiß ich es, bei der SPD manchmal nicht, aber bei den Freien Wähler weiß ich oft gar nichts.

Könnten die Grünen auch mit der CSU?

Das Interessante ist, dass es ganz viele CSU-Wähler gibt, die sich eine Koalition mit der CSU mit den Grünen vorstellen können. Das sagt, dass grüne Themen auch Themen in konservativen Kreisen sind. Auf der anderen Seite wollen grüne Wähler nur sehr, sehr ungern eine Koalition mit der CSU. Das hängt ganz stark mit der Gesellschaftspolitik der CSU zusammen. Da liegen Welten zwischen CSU und Grünen. Sei es Betreuungsgeld, Flüchtlings- oder die Gender-Politik. Das alles sind für viele unserer Wähler ganz zentrale Punkte.

Wären die Grünen bereit, für das Ziel einer Ablösung der CSU-Staatsregierung einige grüne Punkte aufzugeben?

Ich denke, das ist das Wesen der Demokratie. Da kommt man nicht drum herum. Es sei denn, man hätte eine Alleinregierung. Natürlich muss man pragmatisch sein. Und wir Grüne habe den Willen zum Regieren und Gestalten. Wir können unsere Ideen nur aus einer Regierung heraus umsetzen. Aus der Opposition heraus kann ich nur Kritik üben und eben nicht aktiv handeln.