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Erding:Wahrheiten auf Leinwand

Friedhelm Buchenhorst aus Grafing möchte mit seiner "Kognitiven Kunst" zum Nachdenken anregen

Von Anja Blum

Schon sehr lange ist Friedhelm Buchenhorst auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nach fundamentalen Erkenntnissen. "Früher war ich deswegen Einstein-Fan, habe mich sehr für Evolution interessiert, für Astronomie und Technik, hatte generell ein naturwissenschaftliches Weltbild", erzählt der Grafinger. Doch mittlerweile lassen schwarze Löcher ihn ziemlich kalt, denn Buchenhorst hat die Physik eingetauscht gegen die Philosophie. An ihr komme niemand vorbei, sagt er - nur sei dies den meisten Menschen leider nicht bewusst. Deswegen möchte der 61-Jährige Anstoß geben, sich philosophische, sprich, fundamentale Gedanken zu machen, und zwar mit malerischen Mitteln. "Kognitive Kunst" nennt Buchenhorst seine Werke, und das trifft es ziemlich gut. Denn es geht ihm nicht um die Gestaltung, sondern um Botschaften. "Meine Bilder sollen ein Gesprächsangebot sein", sagt er und lächelt. Gerade jetzt, wo die Pandemie allerhand existenzielle Fragen aufwirft, vielleicht nicht die schlechteste Idee.

Den Lesern der Ebersberger SZ dürfte der Name Friedhelm Buchenhorst bestens bekannt sein: Der Grafinger ist als streitbarer Geist ein höchst fleißiger Verfasser von Leserbriefen. Bereits am Frühstückstisch packt ihn oft die Empörung, die in den "inneren Zwang" mündet, seine kritische Gedanken sogleich aufs Papier zu bringen. Buchenhorst äußerst sich zu praktisch allen Themen, zu Wirtschaft, Politik, Religion, Recht. Dabei geht es ihm jedoch nie ums politische "Tagesgezänk", sondern stets um "gewisse Grundorientierungen". Um Kritik an maßlosem Wachstum etwa, an den Zwängen des modernen Arbeitslebens, an Kapitalismus und Konsum. Der ehemalige Hauptschul- und Montessorilehrer selbst ist bereits vor vielen Jahren aus dem Berufsleben ausgestiegen und begann stattdessen ein viertes Studium. Nach Lehramt, Philosophie und Agrarwissenschaften war nun die Archäologie dran. Sein Geld verdient Buchenhorst im Behindertenfahrdienst der Malteser.

Grafing Friedhelm Buchenhorst Kognitive Kunst

In seinem Schammacher Haus samt Garten organisiert Buchenhorst immer wieder Ausstellungen.

(Foto: Privat)

Seit 2017 aber äußert sich Friedhelm Buchenhorst nicht mehr nur in Form von Leserbriefen, sondern hat überdies eine kreative, sehr verkürzte Form des Ausdrucks für sich entdeckt, eben seine Kognitive Kunst: Sie bannt "Sprachformeln" mit Acryl auf Leinwand. In großen Lettern stehen hier auf buntem Hintergrund Worte geschrieben, die nachdenklichen machen, aufrütteln, manchmal sogar provozieren sollen. Buchenhorst möchte philosophische Erkenntnisse auf neue Weise präsentieren, mit modernen, teils vulgären Begriffen am Alltag festmachen. "Wir sind alle arme Schweine" kann man da zum Beispiel lesen, "50 PS sind völlig ausreichend für ein Auto", "Intelligenz wählt links" oder "Bildung statt Ausbildung". Vier Serien mit jeweils anderen inhaltlichen Schwerpunkten hat der 61-Jährige bereits geschaffen, immer wieder lädt er zu Ausstellungen in sein "Atelier Imagine", einen großen Wintergarten in Schammach.

Wichtig sei, erklärt Buchenhorst, dass es ihm weder um eine parteipolitische Richtung gehe - links bedeutet für ihn vielmehr eine humanistische Grundhaltung - und auch nicht um seine persönliche Meinung. Sondern um allgemeingültige Wahrheiten über die Welt, deren Sinn sich jedem irgendwann erschlösse. "Man muss nur lange genug darüber nachdenken und reden", sagt er und grinst. Überhaupt sei das dialektische Gespräch aus Rede und Gegenrede das beste Mittel, um den eigenen Horizont sukzessive zu erweitern, um gemeinsam in immer höhere Sphären der Erkenntnis vorzudringen.

Grafing Friedhelm Buchenhorst Kognitive Kunst

Der Wintergarten fungiert zudem als Atelier.

(Foto: Privat)

Philosophie ist für Buchenhorst "der Versuch, einen eigenen Glauben zu entwickeln", wobei die Interpretation der Welt und des Lebens bei ihm freilich nichts mit dem Göttlichen zu tun hat. Davon habe sich die abendländische Philosophie ja bereits mit Thales verabschiedet, sagt er, und überhaupt sei das Christentum genau besehen nur "Platonismus für's Volk": Gleiche Inhalte, andere Begrifflichkeiten. Zentral ist für den Grafinger vielmehr die "Emanzipation" im eigentlichen Wortsinn, also als die Befreiung aus falschen Abhängigkeiten. "Ziel ist es, dass der Mensch sich entfalten kann", erklärt er, "vor allem, dass er anfängt, autonom zu denken." Insofern sieht Buchenhorst vieles sehr kritisch: Er geißelt die Digitalisierung, die Bildungslandschaft, die er als "reine Kapitalverwertung" ansieht, oder die Oberflächlichkeit des Arbeitslebens. "Karriere oder Emanzipation" steht auf einem seiner Bilder. "Was bedeutet denn Erfolg für uns überhaupt? Und wo bleibt da die Moral? War die SS nicht auch sehr erfolgreich?", fragt Buchenhorst. Das "Dritte Reich" verwendet er gerne zur Veranschaulichung seiner Thesen - "das ist ein tolles Kontrastmittel", sagt er.

Jede Handlung, so sieht es der 61-Jährige, ist nach außen gekehrtes Denken. "Man bezieht also immer Position, selbst wenn man sich der Philosophie verweigert." Auch die Kunst sei eine Handlung, die auf einen - mehr oder weniger bewussten - gedanklichen Prozess folge. Als fundamental erachtet Buchenhorst daher nicht Neuronen oder irgendwelche anderen physikalischen Entitäten, sondern das "Denken über das Denken", die Philosophie. Er selbst hat jedenfalls die größte Freude daran, die Welt und den Menschen im Geiste auseinanderzunehmen und die vielfältigsten Bezüge herzustellen. Überdies ist Buchenhorst zutiefst davon überzeugt, dass solcherlei Anstrengungen positive Folgen zeitigen: "Moral ist höheres Wissen", sagt er, "wenn ich wirklich verstanden habe, was gut ist, dann tue ich es auch." Zum Beispiel beim Thema Umweltschutz.

Grafing Friedhelm Buchenhorst Kognitive Kunst

Friedhelm Buchenhorst.

(Foto: Privat)

Trotzdem: Selbst angesichts der Pandemie und der mit ihr einhergehenden Verunsicherung, Entschleunigung und Nachdenklichkeit hegt Friedhelm Buchenhorst wenig Hoffnung auf dauerhafte Besserung. Es gebe wenig Grund, optimistisch zu sein, erklärt er, denn die Menschen hielten die Reduktion einfach nicht aus. Allzu schnell habe es wieder Flugreisen nach Mallorca gegeben, Amazon sei der große Corona-Gewinner, und die vielen neu installierten Onlinekonferenzen ersetzten doch kein echtes Gespräch. "Alles immer höher, weiter, schneller und mehr - das halte ich für Quatsch", sagt der Grafinger. "Aber es wird leider nicht aufhören."

© SZ vom 16.10.2020

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