Süddeutsche Zeitung

Erding:Verwaltung in Frauenhand

Am Landratsamt gibt es auch weibliche Führungskräfte, aber nicht ihrem Anteil an den Beschäftigten entsprechend

Von Antonia Steiger, Erding

Ob das Landratsamt Erding in Folge eines stetigen Überschusses an weiblichen Auszubildenden eines Tages ein Vorzeigebeispiel für angewandte Gleichberechtigung sein wird, bleibt abzuwarten. Im Moment ist Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) als Chef der Behörde recht zufrieden mit der Arbeit der Gleichstellungsstelle am Landratsamt, die folgende Situation vorfindet: Knapp 65 Prozent aller Mitarbeiter sind Frauen. Es gibt stets mehrere Möglichkeiten, Statistiken zu lesen. Bayerstorfer bevorzugt jene, die besagt, dass auf der obersten Führungsebene sechs von zehn Positionen von Frauen bekleidet sind, wie er am Montag im Kreisausschuss ausführte. Eine andere Lesart besagt laut Bericht, dass 42 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Leitungs- oder stellvertretende Leitungsfunktion inne haben, davon sind 25 Männer und nur 17 Frauen.

Die Frauen in der Verwaltung sind in der Überzahl, und so wird es wohl auch noch eine Zeitlang bleiben. Das geht bei den Bewerbungen los, wie Harald Wirth, Chef der Personalabteilung, ausführte. Es bewerben sich demnach viel mehr junge Frauen als Männer, und dann auch noch mit den besseren Noten. Daher entscheide sich das Landratsamt häufiger für eine junge Frau. Es sei ein Trend, heißt es in dem Gleichstellungsbericht, "dass der öffentliche Dienst insbesondere für Frauen interessant ist". Das zeigt sich auch in Erding: 620 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es am Landratsamt, davon sind 222 Männer - das entspricht einem Anteil von 35,81 Prozent - und 398 Frauen, das sind 64,19 Prozent. Eigentlich soll das anders laufen, in dem Bericht ist von "gegenläufige Bemühungen" die Rede, sie fruchten aber offenbar nicht: Der Frauenanteil beträgt auch bei den 14 Auszubildenden und 15 Beamtenanwärtern derzeit demnach knapp 76 Prozent.

Dass die Gleichstellungsstelle am Landratsamt neben der Sorge um einen gleichberechtigten Umgang mit dem Personal sich auch zum Ziel setzen soll, einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben, darauf wiesen in der Sitzung Helga Stieglmaier (Grüne) und Ulla Dieckmann (SPD) hin. Auch in der Behörde erkennt man diesen Bedarf und stellt gleichzeitig fest, dass die Bemühungen nicht erfolgreich sind: "Gerade Frauen neigen also offensichtlich immer noch zu sogenannten Büroberufen", heißt es in dem Bericht, "obwohl der Frauenanteil in den technischen und handwerklichen Berufen gesamtgesellschaftlich betrachtet gefördert werden soll". Ein Grund für den hohen Frauenanteil ist der hohe Grad an Flexibilität bei den Arbeitszeiten in einer Behörde, wie er in der freien Wirtschaft nicht praktiziert wird: Bitten nach Teilzeit würden erfüllt, Bitten nach einem Ausstieg aus der Teilzeit ebenso, darauf wies auch Landrat Bayerstorfer hin. Er fügte an, dass es am Landratsamt 158 Teilzeitmodelle gebe.

Erwartungsgemäß arbeiten mehr Frauen in Teilzeit als Männern: Von den 222 männlichen Beschäftigen am Landratamt sind 190 in Vollzeit, das sind knapp 86 Prozent, und 32 in Teilzeit, das sind knapp 14 Prozent. Von den 398 Frauen sind 198 in Vollzeit (49,75 Prozent) und 200 in Teilzeit (50,25). Dass flexible Arbeitszeiten gut sind, um Familie und Beruf in Einklang zu bringen, stellte keiner und keine im Ausschuss in Frage. Allerdings heißt es in dem Bericht auch, dass die "Kontinuität der beruflichen Entwicklung unterbrochen" werde, wenn junge Menschen eine Familie gründeten und vor allem die Frauen die Kindererziehungszeiten in Anspruch nähmen. Durch gesetzliche Veränderungen könnten Kindererziehungszeiten nun aber zum Teil angerechnet werden, so dass sich die Wartezeiten auf Beförderungen verkürzt hätten. Allerdings heißt es auf Seite 17 in dem Bericht, der auf der Homepage des Landratsamtes für jedermann einsehbar ist, zur Situation der Beamten: "Teilzeitstellen in Führungspositionen sind aber immer noch kaum vorhanden."

Dass Elternzeit die berufliche Karriere bremst, ist ebenfalls mehr ein Problem der Frauen, denn auch am Landratsamt nehmen junge Väter Erziehungszeiten oft nur in dem Umfang in Anspruch, der nötig ist, um die volle finanzielle Förderung zu bekommen, wie es heißt. Auch wenn laut Bericht für nur 20 Männer und insgesamt 181 Frauen Elternzeit bewilligt wurde, kommt die Gleichstellungsstelle möglicherweise etwas vorschnell zu dem Schluss: "Das traditionelle Gesellschaftsmuster vom Mann in der Rolle des Ernährers ist zwar immer noch relevant, weicht jedoch zusehends auf."

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SZ vom 13.04.2021
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