Seit Aschermittwoch ist der Jäger und Falkner, der sich „Mickart“ nennt, mit einem besonders durchschlagskräftigen Luftgewehr inklusive Zielfernrohr und Schalldämpfer im Erdinger Stadtpark unterwegs. Er patrouilliert nur entlang der Schulen, am Grainerweg und hinter dem Seniorenzentrum. Meist in den frühen Morgenstunden, damit keine Kinder auf dem Schulweg bei seiner Jagd zusehen. Wenn er in diesem genehmigten Vergrämungsbereich eine Saatkrähe in den hohen Bäumen sitzen sieht, schießt er und erregt damit die Aufmerksamkeit ihrer Artgenossen. Ihr Panikschrei ruft den Schwarm zusammen. Vor den Augen der empathischen Tiere hebt er den toten Vogel auf, wirft ihn zu seinen Füßen und lässt dann sein Wüstenbussard-Weibchen Claudia auf den Kadaver los. Sie rupft die Krähe, dass die Federn fliegen. Wie eine schwarze Wolke fliegt der Schwarm bei diesem Anblick laut krächzend davon.
Die Saatkrähenkolonie in Erding gehört zu den größten in Bayern. 1800 Brutpaare sind es im gesamten Stadtgebiet, allein 1400 im Stadtpark. Das führt zu Konflikten: Ihr Kot ist ätzend, Anwohner berichten von Lackschäden auf ihren Autos. Lehrkräfte an zwei unmittelbar an den Stadtpark angrenzenden Schulen können nur bei geschlossenen Fenstern unterrichten, weil der Lärm der Krähen ohrenbetäubend ist. Ähnliches gilt beim benachbarten Seniorenzentrum. Und die Saatkrähen können durch ihren Kot in seltenen Fällen bei einem geschwächtem Immunsystem Krankheiten übertragen.
Seit zehn Jahren drängt die Stadt Erding das Landesamt für Umwelt (LfU) auf ein Eingreifen. Vergeblich, denn die Kolonie wuchs immer weiter. Die Saatkrähe steht unter Schutz. Nicht so streng wie der Uhu oder Steinadler, aber besonders geschützt wie die meisten europäischen Vogelarten.
Dem LfU ist die Erdinger Problemlage seit Jahren bewusst. Daher hat es ein Pilotprojekt zugelassen, das untersuchen soll, wie sich die Saatkrähen aus den besonders sensiblen Bereichen rund um die Schulen und das Seniorenheim vertreiben lassen. Das Vorgehen ist waffen‑ und tierschutzrechtlich umfassend abgesichert und auf diese konfliktträchtigen Standorte begrenzt. Ziel ist, die Vögel nicht nur für die Zeit des Projekts zu vertreiben, sondern dauerhaft.
Mit der Umsetzung des Projekts hat das LfU einen erfahrenen Falkner beauftragt, der unter seinem Spitznamen Mickart arbeitet. Sein Name soll nicht in der Zeitung stehen. Militante Tierschützer haben in der Vergangenheit bereits Greifvögel von Falknern getötet und ihnen selbst mit Mord gedroht. Mickart war Kampfschwimmer in der Marine und ist Falkner in zweiter Generation. „Ich fürchte niemanden, aber ich will nicht, dass jemand meine Adresse herausfindet und meine Vögel vergiftet.“ Der Falkner ist Profi und lebt von seinem Job. Er vergrämt meist Tauben oder Wildgänse, wenn diese Freibäder oder die Liegeflächen von Badeseen verkoten. „Für die Gänse nehme ich den Steinadler.“

Saatkrähen vergrämt er zum ersten Mal, aber er weiß viel über ihre Eigenschaften. „Sie verfügen über 250 Kommunikationslaute, können das ganze Farbspektrum sehen, sind intelligent und können sich Gesichter merken – und das bis zu sechs Jahre lang.“ Genau diese Fähigkeit macht die Vergrämung komplex: Würde er nach Abschluss des Projekts aus dem Stadtpark verschwinden, könnten die Tiere zurückkehren.
Daher hat sich Mickart gemeinsam mit dem LfU eine List ausgedacht: Er trägt bei seinen Einsätzen eine auffällige Jacke und dazu eine Mütze – beides mit einem giftgrünen Signalfarbmuster. Auf der Vorder- und Rückseite der Jacke prangt ein grüner Kreis in einem gleichfarbigen Quadrat, dazu der Aufdruck „Vergrämung im Einsatz“; die Mütze trägt einen ebenso leuchtenden Bommel. Die Bekleidung bleibt in Erding, damit ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung weiterhin in dieser Ausstattung patrouillieren kann. Dieser Mitarbeiter begleitet ihn bereits bei den Einsätzen und scherzt: „Ich bin dann die Starvogelscheuche der Stadt.“
Schon die Uniform des Krähen-Vergrämers hat abschreckende Wirkung auf die Tiere
Die Konditionierung scheint Wirkung zu zeigen. Mickart kann ohne Mütze und Jacke durch den Stadtpark spazieren, die Krähen reagieren kaum darauf. Trägt er aber seine Uniform, „ist die Reaktion brutal“, sagt er und demonstriert den Effekt. Sofort gehen die Vögel auf Fluchtdistanz und warnen dabei Artgenossen. Er vermutet, dass vor allem die Farbe der Kleidung der Auslöser ist, weniger die geometrischen Symbole. „Kürzlich ist ein Bub mit einem neongrünen Fahrradhelm durch den Park geradelt. Da waren sie auch in heller Aufregung.“ Ob diese Farb-Hypothese wirklich stimmt, muss Mickart erst noch überprüfen. Dafür hat er noch eine zweite Jacke mit der gleichen Symbolik, allerdings in weißer Farbe.
Weil es sich um ein Pilotprojekt handelt, gibt es strenge Auflagen, sämtliche Handlungen werden dokumentiert. Mickart darf nur 58 Saatkrähen schießen, fünf Prozent des Bestandes. „Es geht um Vergrämung, nicht um eine Dezimierung. Das wäre auch unmöglich, angesichts dieser großen Anzahl von Krähen.“ Zum Abschuss wählt er gezielt ältere Vögel aus, sie erkennt er am grauen Schnabel, während nicht geschlechtsreife Jungvögel einen schwarzen haben. Nach seinen Beobachtungen reagieren die Schwärme auf den Verlust älterer Tiere deutlich heftiger: Jungtiere seien im Schwarm weniger bekannt, schlussfolgert Mickart.

Auch die Reaktion der Krähen auf eine weitere Abschreckungsmaßnahme wird dokumentiert. Mickart hat dazu von toten Tieren die Schwingen abgetrennt, gefriergetrocknet und zu fünf Bündeln zusammengebunden. Diese Schwingen hat der Bauhof am Grainerweg mit einem Kran in den Wipfeln der Bäume befestigt. „Alter Bauerntrick“, sagt Mickart, Landwirte hätten früher tote Krähen an ihrem Mais-Silo befestigt, um die Vögel abzuschrecken. Auch im Stadtpark funktioniert das.
Wenn der Falkner mit Claudia auf dem Lederhandschuh durch die Vergrämungszonen streift, fällt er auf und wird von Passanten auf den Greifvogel angesprochen. Bereitwillig gibt er Auskunft und erläutert das Vorhaben. „Bis jetzt hat noch jeder gesagt, endlich unternimmt man etwas gegen die Krähen. Ärger mit Tierschützern hatte ich kein einziges Mal.“
Die Vergrämung durch Abschüsse ist seit 15. März beendet. Dann beginnt die Brut- und Setzzeit, in der Elterntiere geschont werden müssen. Mit zuvor erlegten Krähen, die Mickart in der Tiefkühltruhe lagert, darf er noch bis zum 15. April arbeiten „Ich schieße dann nur noch in die Luft.“ Trotz des frühen Projektendes haben sich bereits Mitte März beachtliche Erfolge gezeigt.
Die Vögel ziehen sich aus den Vergrämungsbereichen in die Randgebiete der Stadt oder in die Mitte des Parks zurück, wo sie geduldet werden. Diese Absiedelung ist gut zu erkennen: Die Vögel siedeln förmlich mit Sack und Pack um, recyceln ihr Nistmaterial und nehmen jeden Zweig mit, um ihr Nest an anderer Stelle wieder aufzubauen. „Im Umkreis von 50 Metern sind fast alle weg“, sagt Mickart. „Ich habe keine einzige Krähe mehr an der Realschule Heilig Blut gesehen, keine mehr am Anne-Frank-Gymnasium, und nur noch drei an Fischer's Seniorenzentrum. Stattdessen sind die Singvögel wieder in diesen Bereich zurückgekehrt, die vorher dort verschwunden waren.“

