80 Jahre KriegsendeAls die Blackhawks nach Erding kamen

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Es gibt in den örtlichen Archiven keine Fotos vom Anrücken der US Armee am 1. Mai in Erding. Hier eine Nachstellung der Ankunft der Amerikaner zur 950-Jahrfeier der Erdinger Ortschaft Eichenkofen im Jahr 2002.
Es gibt in den örtlichen Archiven keine Fotos vom Anrücken der US Armee am 1. Mai in Erding. Hier eine Nachstellung der Ankunft der Amerikaner zur 950-Jahrfeier der Erdinger Ortschaft Eichenkofen im Jahr 2002. (Foto: Living History Society Germany)

Militärhistoriker Thorsten Blaschke erinnert an die amerikanische Einheit, die am 1. Mai 1945 im oberbayerischen Erding anrückte.  Wer waren die Männer der 86. Infanterie Division, die sich „Blackhawk“ nannte?

Von Regina Bluhme, Erding

Das Wetter beim Eintreffen der Amerikaner in Erding am 1. Mai 1945 war scheußlich. Die 86. Infanterie Division erreichte die Stadt am späten Vormittag bei Schneeschauern. Am nächsten Tag ging es bereits weiter Richtung Süden, wo die US-Soldaten wenig später aus dem österreichischen Mattsee den versenkten Kronschatz Ungarns bargen. Die Geschichte der 86. „Blackhawk“ Division ist eine besondere. Wer waren die Befreier? Militärhistoriker Thorsten Blaschke aus Forstern hat die Antworten.

Gleich zu Beginn des Vortrags über die 86th Infantry Division muss Thorsten Blaschke vor der Zuhörerschaft im Museum Erding einräumen, dass es von dem Eintreffen der „Blackhawks“ in Erding keine Fotos gibt. Zumindest hat sich kein Material in den örtlichen Archiven gefunden, auch nicht im Museum Erding, wie Leiter Harald Krause bestätigte. Drei Bilder gibt es von 2002, als bei der 950-Feier des Erdinger Stadtteils Eichenkofen das Anrücken der Amerikaner nachgestellt wurde.

Ungewöhnlich ist das fehlende Bildmaterial schon. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Männer der 86. Division recht schnell an der Stadt vorbeimarschiert sind. „Sie haben Erding rechts liegen lassen“, sagt Blaschke. Nach nur einer Nacht ging es bereits weiter. In der Stadt und auch am Fliegerhorst gab es wohl zu dem Zeitpunkt nichts mehr zu befreien.

Die 86. US Infanterie Division wurde 1917 aufgestellt und kämpfte bereits im Ersten Weltkrieg. Sie erhielt den zusätzlichen Namen  „Blackhawk“. Der Name stammt von dem Indigenen Black Hawk (1767 bis 1838), der als Kriegshäuptling des Stamms der Sauk einst mutig gegen die Vertreibung seines Volkes gekämpft hatte.

1942 wurde die 86. Division neu aufgestellt. Rekrutiert wurden ausschließlich weiße junge Männer.„Die Armee hatte damals ein großes Rassismusproblem“, so Blaschke. Die Soldaten stammten überwiegend aus Texas, Oklahoma, Pennsylvania, Missouri, Illinois, Wisconsin und Iowa. In einigen dieser Staaten gibt es eine besonders hohe Einwandererquote aus Deutschland, sodass die „Blackhaws“ mitunter Deutsch verstanden.

Militärhistoriker Thorsten Blaschke informierte im Museum Erding über die 86. US Infanterie Division, auch Blackhawk Division, benannt nach einem berühmten indigenen Anführer.
Militärhistoriker Thorsten Blaschke informierte im Museum Erding über die 86. US Infanterie Division, auch Blackhawk Division, benannt nach einem berühmten indigenen Anführer. (Foto: Renate Schmidt)
Weil Originalbilder vom 1. Mai 1945 in Erding nicht aufzufinden sind, zeigt auch dieses Foto die Nachstellung des Eintreffens der Amerikaner, aufgenommen zur 950-Jahrfeier der Erdinger Ortschaft Eichenkofen im Jahr 2002.
Weil Originalbilder vom 1. Mai 1945 in Erding nicht aufzufinden sind, zeigt auch dieses Foto die Nachstellung des Eintreffens der Amerikaner, aufgenommen zur 950-Jahrfeier der Erdinger Ortschaft Eichenkofen im Jahr 2002. (Foto: Living History Society Germany)

Die 86th Infantry Division war eigentlich für den Einsatz im Pazifik vorgesehen und speziell für „amphibische Operationen“ ausgebildet. Es kam anders. Am 19. Februar 1945 wurde die 86. Division Richtung Deutschland eingeschifft. Am 2. März 45 landeten die Soldaten in La Havre, im April waren die „Blackhawks“ in Würzburg angekommen, weiter ging es über Ingolstadt bis in den Landkreis Erding. Statt pazifische Strände galt es jetzt den Isar-Kanal einzunehmen. In Eitting, nur ein paar Kilometer von Erding entfernt, und in Berglern stießen die Amerikaner auf Widerstand und mussten große Verluste hinnehmen, so Blaschke.

Für Erding habe sich die Division „nicht so interessiert“, berichtete der Militärhistoriker. Um 11 Uhr waren die Soldaten laut Aktenlage vor Ort, der Großteil marschierte in einem Bogen um die Stadt herum. In der Münchner Straße wurde am 1. Mai für einen Tag das Hauptquartier errichtet, dann zog die Infanterie Division auch schon weiter. Die Versorgungseinheiten blieben noch weitere ein, zwei Tage, so Blaschke.

Über den Todesmarsch von Freising nach Steinhöring wird weiter recherchiert

Warum hatten die „Blackhawks“ so wenig Interesse an Erding? „Sie sagten sich wohl, hier ist eh alles kaputt“, vermutet Blaschke. Am 18. April 1945 hatten US-Flieger Teile der Nachbarstadt Freising in Schutt und Asche gelegt, und Stunden später – aufgrund einer fatalen Verwechslung – auch Erding bombardiert. Es gibt laut Blaschke Berichte über einen Zug aus dem KZ Flossenbürg, der in Freising liegen geblieben ist.

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Der Zug konnte, Tage nach der Bombardierung Freisings, nicht weiter nach München und so wurden die Häftlinge in Freising ausgeladen. Wie Blaschke herausgefunden hat, wurden die KZ Häftlinge von der SS nach Steinhöring im Landkreis Ebersberg getrieben, wo sie von der 20. US Panzer Division befreit wurden. Über dieses Thema wollen Thorsten Blaschke und Harald Krause weiterforschen, in den USA und in Flossenbürg.

Womöglich haben die amerikanischen Soldaten Erding auch „rechts liegen gelassen“ in der Annahme, sie hätten dort keine feindlichen Kräfte mehr zu fürchten, erklärte Thorsten Blaschke. Am Stadtturm sei ein weißes Bettlaken gehisst worden, SS-Männer hätten noch versucht, die Aktion zu verhindern, dann aber „Fersengeld gegeben“, so Blaschke. Die Tage vor der Ankunft der Amerikaner sei der Ebersberger Forst „voll gesteckt gewesen mit Deutschen Einheiten“.

Der nächste Einsatz für die US-Soldaten war auf den Philippinen, denn gegen Japan war der Krieg nicht vorbei

Nach der einen Nacht in Erding erhielt die 86. Division Marschbefehl Richtung Süden. „Die Amerikaner hatten einen Riesenbammel vor der Alpenfestung, die war ein richtiger Mythos“, weiß Blaschke. In Österreich am Mattsee stießen sie auf eine ungarische Division, und den Amerikanern gelang es, die versenkte ungarische Krone samt Zepter und Reichsapfel zu bergen. Das wertvolle Kronschatz wurde in die USA verschifft und erst 1978 unter Präsident Jimmy Carter zurückgegeben.

Bereits im September 1945 waren die „Blackhawks“ zurück in den USA, wo sie für einen neuen Einsatz vorbereitet wurden. Diesmal ging es gegen Japan auf die Philippinen. Die Kämpfe gegen Japan dauerten noch einige Monate an, während Deutschland am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht den Tag Befreiung feiern konnte.

Das Museum Erding sucht Fotos: In den Archiven konnte bislang kein Bildmaterial vom 1. Mai 1945 in Erding gefunden werden. Museumsleiter Harald Krause bittet daher alle Erdinger und Erdingerinnen, doch einmal in alten Alben oder Unterlagen zu stöbern. Wer Bilder oder sogar Filmmaterial über den 1. Mai 1945 und die 86. Infanterie Division in Erding besitzt, soll sich an das Museum Erding wenden: museum@erding.de

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