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Erding:Treffpunkt rechter Esoteriker

In der Stadthalle findet die "1. Für den Frieden Konferenz zur Wintersonnenwende" statt. Kritiker befürchten, dass sich dort "ein antisemitisches und rechtsradikales Milieu" versammelt

Von Florian Tempel, Erding

"Das ist eine externe Veranstaltung" - die Erdinger Stadthalle ist nur gebucht worden und hat sonst nichts damit zu tun, teilt Stadthallen-Geschäftsführerin Jutta Kistner mit.

(Foto: Renate Schmidt)

Im vorweihnachtlich-besinnlichen Programm fällt es erst mal gar nicht so sehr auf: Binnen einer Woche findet in der Stadthalle Erding die 30. Bairische Weihnacht des Kulturvereins statt, es gibt ein "Karneval der Tiere"-Kinderkonzert und ein Theatergastspiel mit Ödön von Horvaths Drama "Glaube, Liebe, Hoffnung", dann kommt "Der kleine Lord" als Musical für die ganze Familie und ein "Heilige Nacht"-Abend mit Stofferl Well, den Wellküren und Monika Baumgartner - und schließlich am Samstag, 21. Dezember, die "1. Für den Frieden Konferenz zur Wintersonnenwende". Bei genauerem Hinsehen wird aber schnell klar, dass diese Veranstaltung völlig aus dem Rahmen fällt. Das ganztägige Ereignis ist eine krude Mischung aus "Friedensbotschaften", esoterischer Musik und Vorträgen von Rednern, die sonst vor allem abstruse Verschwörungstheorien propagieren.

Für Jutta Kistner, die Geschäftsführerin der Stadthalle Erding, ist wichtig, eines mitzuteilen: "Das ist eine externe Veranstaltung. Wir sind verpflichtet, diskriminierungsfrei zu vermieten, wir können so was nicht ablehnen." Die Stadthalle ist für einen Tag gebucht worden, aber schon mit dem Ticketverkauf hat man nichts mehr zu tun. Der Vorverkauf ist allein über eine Internetseite des Veranstalters Erich Hambach möglich. Der größte Teil der Eintrittskarten, die es in zwei Preiskategorien zu 63 und 72 Euro gibt, ist offenbar schon an die Frau und den Mann gebracht. Hambach rechnet damit, dass "rund 800 Gäste, Künstler, Aktivisten, Aussteller und am Frieden interessierte Menschen da sein werden", ist auf seiner Seite www.friedensweg.org zu lesen. Als "Schirmfrau" fungiert die 92-jährige Schauspielerin und ehemalige Grünen-Politikerin Barbara Rütting. Noch bekannter ist eine andere Frau, die angekündigt wurde: die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall. Die 85-Jährige ist UNO-Friedensbotschafterin und soll laut der Ankündigung der Veranstalter angeblich per Videostream live nach Erding zugeschaltet werden. Davon allerdings könne keine Rede sein, ließ das Jane Goodall Institut Deutschland am Donnerstagabend wissen. Goodall lege Wert darauf, mit der Veranstaltung nicht in Verbindung gebracht zu werden. Der Veranstalter sei aufgefordert worden, sie sofort aus der Ankündigung zu entfernen. In dieser wird auch reichlich Musik versprochen: Säuselndes mit Textzeilen wie "Komm mit uns, geh den Friedensweg", poppige "Love Mother Earth"-Songs, eine italienische Pianistin werde klassische Klaviermusik spielen und alle Besucher zusammen sollen eine halbe Stunde lang ein Friedensmantra chanten.

Gegen all das haben die Unterstützer eines offenen Briefs nichts. Es sind vielmehr die Redner, die nach Ansicht des Linken Bündnis gegen Antisemitismus München, der Erdinger Orts- und Kreisverbänden der Grünen, der Linken und der Partei sowie weiterer Gruppen wie dem offenen antifaschistischen Treffen Dorfen untragbar sind. Die Kritiker sehen "hinter dem Organisator und den geladenen Gästen ein zutiefst antisemitisches und rechtsradikales Milieu, das von Frieden spricht, aber Hetze meint". Ihre Forderung ist einfach: Die Verantwortlichen der Stadthalle sollten "die Veranstaltung absagen".

Organisator Erich Hambach vertritt die Ansicht, dass im Hintergrund agierende Finanzeliten verschwörerisch das Bargeld abschaffen wollen. Sein diesbezügliches Buch ist in einem Verlag erschienen, der auch explizit rechtsextreme Bücher herausgebracht hat. Ein anderer Redner ist Armin Risi, der offenbar an außerirdische Verschwörer und die absichtlich schädliche Wirkung von Strichcodes glaubt. Peter Herrmann, der mit einem Friedensmantra angekündigt wird, hat früher einen Verlag und Buchversand für braune Esoterik betrieben. Der Stargast in Erding ist jedoch Daniele Ganser, der unter anderem behauptet, die USA hätten bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 selbst mitgemischt.

© SZ vom 13.12.2019
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