Therme Erding:"So leer war die Therme die letzten 20 Jahre nicht mehr"

Lesezeit: 7 min

Therme Erding: Vorsorglich hat Jörg Wund für die Therme wieder Kurzarbeit angemeldet.

Vorsorglich hat Jörg Wund für die Therme wieder Kurzarbeit angemeldet.

(Foto: Gerhard Wilhelm/oh)

2 G plus und nur 25 Prozent Auslastung: Was für Gäste einen recht entspannten Besuch bedeutet, wirkt sich bei Thermen-Betreiber Jörg Wund als tägliches Minus aus. An Ideen feilt er trotzdem - neue Tauchbecken und die nächste Rutsche sind schon im Bau.

Von Gerhard Wilhelm

"Bisher haben wir es immer noch geschafft." Jörg Wund, Inhaber der Erdinger Therme, kann mittlerweile nur noch wenig schocken seit Beginn der Corona-Pandemie. Weder rund 300 Tage erzwungene Schließung noch ein Umsatzausfall von etwa 50 Millionen Euro oder ein Hochwasserschaden Ende August im Untergeschoss des Hotel Victory. Auch dass man seit Kurzem wieder nur ein Viertel der maximal möglichen Gäste in die Therme lassen darf - unter 2 G plus. Was ein tägliches Minus von 100 000 Euro laut Wund bedeutet.

Und trotzdem wird kräftig investiert, rund 7,8 Millionen Euro. Notwendige Sanierungsmaßnahmen wurden vorgezogen, neue Attraktionen sind fertig oder stehen kurz davor. Stillstand geht in der Branche nicht, sagt der Thermen-Chef. Die Konkurrenz schlafe nicht und es entstehen immer mehr Wellness-Anlagen.

Noch vor Weihnachten soll zum Beispiel auf der Saunaempore eine zweistöckige Sky Lounge mit 37 Himmelbetten und 40 Doppelliegen auf der darüberliegenden Panorama-Empore fertig werden. Wer mit Jörg Wund durch die Therme geht, merkt schnell, dass er der Dreh- und Angelpunkt ist. Sei es in der Frage, ob er lieber weiße oder dunkelbraune Kabelschächte mag oder wie man den Lava-Eingangsbereich zum Saunabereich gestalten soll.

Wund sprüht vor Ideen, sogar nachts, wie er sagt. Und dann kommen Ideen zustande, von denen die Experten erst Mal immer sagen würden: geht nicht. Aber geht nicht, ist eher ein Fremdwort für Jörg Wund. "Heute Nacht war ich vier Stunden wach und habe eine neue Empore entworfen, die ich meinen Handwerkern vorstellen will."

Aus so einer lang gehegten Idee entsteht die Sky-Lounge. "Der Statiker sagte damals, keine Chance. Deshalb wurde die Idee zu den Akten gelegt. Dann kam mir die Idee, die Last statt auf wenige Stützpfeiler auf ganz viele zu verteilen. Und dann hat das Gehirn noch ein paar Nächte gearbeitet, und die Idee geboren, die Pfosten der Himmelsbetten unter dem Skydeck zu nutzen." Jeder der vier Bettpfosten der 37 Betten hat jetzt zwölf Zentimeter Durchmesser, die laut Statiker nötig sind, um die Lasten zu tragen. Auf die noch in Arbeit befindliche Sky-Lounge kommen laut Wund 40 Doppelliegen - auf drei Ebenen, damit jeder auf den offenen Bereich mit Pool und Palmen sehen kann.

Wenn ihn schon die Statiker nicht bremsen können, dann der Holzmangel in der Pandemiezeit. "Im Januar haben wir die Holzdecke entworfen, im Februar das Holz bestellt und im September kam es erst." Der Baustoffmangel habe viele der Sanierungsarbeiten und neuen Ideen zeitlich verzögert.

Die Idee mit den Himmelsbetten, die eine gewisse Privatheit bieten, kommt aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Ein Trend habe sich laut Wund verfestigt: die Gäste wollen mehr Privatsphäre. Es gibt mittlerweile mehr Trennwände, einzelne Liegeinseln im Saunabereich. Und diese haben auch dazu geführt, dass der textillose Saunabereich ein kleines bisschen geschrumpft ist. "Vor allem die jungen Leute sind die, die sich wohler fühlen wenn sie nicht nackt sein müssen. Da hat sich ein ganz großer Wandel vollzogen. Wahrscheinlich auch dadurch verursacht, dass in den Medien ein Körperbild gezeigt wird, das als perfekt dargestellt wird." Aber wer sei das schon, sagt Wund. Deshalb habe man lieber noch was an.

85 Prozent der jungen Paare seien zwischen 17 und 28, die junge Generation, die es sich einen Tag in der Therme gut gehen lasse. Das sehe man auch in der Gastronomie, die zurzeit die höchsten Umsätze seit Eröffnung der Therme tätige. Man könne weniger weggehen und wenn man in die Therme gehe, dann wolle man sich dort einen schönen Tag machen.

Die Verweildauer habe sich deutlich verlängert und die Tageskarte sei mittlerweile der gängige Tarif. Auch die Kommunikation unter den Gästen habe zugenommen im Textilbereich, da die Schamgrenze nackt nicht vorhanden sei.

"Wir haben sehr viel in der Pandemiezeit angestoßen, vielleicht war das eine oder andere zuviel, aber wir wissen ja nicht wie es weiter geht." Vorsorglich hat Wund für die Therme wieder Kurzarbeit angemeldet, denn wenn die Inzidenz 1000 überschreite, komme es zu einem regionalen Lockdown, sagt Wund. In diesem Fall müsse auch die Therme Erding sowie das Hotel Victory und das Victory Gästehaus wieder schließen. "Vor zwei, drei Wochen dachte ich, dass das passieren kann. Wer weiß, was uns Omikron bringt. Wir können nur hoffen, dass das neue Virus nicht ganz so viele schwere Verläufe verursacht. Dann haben wir eine Chance."

Eine seiner "verrückten Ideen" wird gerade gebaut: eine Rutsche in der der Gast wie ein Skater in einer Halfpipe mehrmals hin und her pendelt, ehe es weiter geht. Zunächst habe es geheißen, es passt gar keine weitere Rutsche rein, aber Wunds Meinung: "Wir finden eine Lösung". Die vergangenen zwei Monate habe man daran gearbeitet. Derzeit sind die Arbeiten dazu aber gestoppt, da die letzte Kurve der Röhre aus dem Dach ein Stück heraus führt. Und dazu muss das Dach geöffnet werden, was über Weihnachten aber nicht gehe.

Therme Erding: Thermen-Inhaber Jörg Wund ist ein großer Fan von Rutschen. In der neuen soll der Gast wie ein Skater in einer Halfpipe hin und her pendeln, ehe es weiter geht.

Thermen-Inhaber Jörg Wund ist ein großer Fan von Rutschen. In der neuen soll der Gast wie ein Skater in einer Halfpipe hin und her pendeln, ehe es weiter geht.

(Foto: Gerhard Wilhelm/oh)

Im neuen Jahr geht's weiter, wenn die Schwimmbad- und Steuerungstechnik steht. "Das wird irre", sagt Rutschenfan Wund. Man schieße aus der Röhre und pendle im offenen Bereich von einer Seite zur anderen, ehe man soweit abgebremst sei, dass man aus dem Bereich weiter rutsche. "Das ist die einzige Rutsche weltweit, bei der man ein Schwerelosigkeitsgefühl bekommt. Das ist wie Achterbahnfahren." Mit Schanze kurz vor dem Auslauf, einem "Überraschungshopser".

Die Liste der Neuerungen ist aber noch länger: Vor dem Kelo-Haus entstehen gerade zwei neue Tauchbecken, am Hotel Victory und dem Wellenbad neue Liegeflächen in rund vier Meter Höhe, der Eingang zum textilfreien Saunabereich wurde verlegt, im Textilbereich haben sieben Mitarbeiter selber Hand angelegt und in drei Tagen eine Decke neu gestrichen. Überhaupt lobt Wund seine Mitarbeiter. Nach der Überschwemmung hätten sie sogar "gezaubert" und 90 Prozent der Wasserpumpen wieder selber instandgesetzt. Auf neue hätten sie sonst sechs Monate warten müssen. Nach nur vier Tagen habe man wieder in Betrieb gehen können.

Stolz ist der Thermenbetreiber auch auf einen neuen Ruheraum. Bei der Eröffnung 1999 sei sozusagen ein Raum übriggeblieben, der zum Blauen Salon wurde. "Die Mädels wollten zunächst daraus einen Wald machen. Aber ich sagte, das ist der kleinste, dunkle Raum, lasst uns daraus ein Schatzkästchen machen." Geholfen habe ihm die Künstlerin Sabine König, die vor über 22 Jahren den Raum blau gefärbt habe und zu der der Kontakt nie abgerissen sei.

"Mach mir ein Schatzkästchen war ihre Aufgabe". Daher die goldene Farbe. Mit Wasserbetten. "Es gibt Gäste, die liegen Abends hier und schlafen." Der Name des neuen Raums "Aureum" - lateinisch für "golden". Und es wurde kräftig saniert: Die Kuppel und die umliegenden Dachflächen im ältesten Teil der Therme wurde komplett neu eingedeckt. Zudem wurde unter anderem die Badewasser- und Steuerungstechnik sowie die Lüftungsanlage auf den neuesten Stand gebracht.

Und selbst bei Kleinigkeiten sehe man, wie das Covid-19-Virus Einfluss nehme, sagt Jörg Wund. Bei vielen alten Liegen habe man deshalb selber Hand anlegen müssen. "Wir mussten die alten recyceln, da die Lieferzeit für neue sieben Monate ist. Ein Container kostet zudem nicht mehr 2000 sondern 22 000 Dollar. Der Preis der Liegen hat sich deshalb nahezu verdoppelt". Das treffe die Therme sehr, da die Liegen aus Asien kommen.

Auf 2 G plus ist der Thermenchef nicht so gut zu sprechen - und darauf, dass man nur maximal 25 Prozent der Gäste rein lassen darf. Wund hofft, dass die dreifach Geimpften wenigstens keinen weiteren negativen Coronatest mehr vorlegen müssen, was in anderen Bundesländern schon der Fall sei.

An Weihnachten habe man normalerweise bis zu 11 000 Gäste. Angesichts der Corona-Situation und der neuen Mutation Omikron, hofft Wund, dass die noch zugelassenen 25 Prozent, 3000, kommen dürfen. Geld verdienen sei bei der Belegung nicht möglich, da der Betriebsaufwand immer gleich hoch sei. Erst bei rund 80 Prozent komme man in die Gewinnzone. Des einen Leid, des anderen Freud: "Wer jetzt kommt, der hat die schönste Zeit. So leer war die Therme die letzten 20 Jahre nicht mehr. Selbst die eigenen Mitarbeiter genießen es", sagt Wund.

Ohne Onlinereservierungssystem geht aber gar nichts mehr in der Therme bei nur maximal 3000 Gästen. "Nur dadurch haben wir eine Chance, die Leute zu lenken, dass keiner enttäuscht wird, wenn er nicht in die Therme kommt." Aktuell würden viele sehr kurzfristig entscheiden, da sich die Regeln sehr schnell ändern könnten, oder weil man in Quarantäne muss. Zurzeit würden sich die Slots, die offenen Zeitfenster für einen Besuch, zwischen 21 und 22 Uhr am Vorabend füllen. Deshalb bitte man Gäste, sich spät am Abend noch mal zu überzeugen, ob noch was frei ist. "Den Erdingern muss man empfehlen: nutzt die stade Zeit vor Weihnachten bis zum 24. Dezember. Danach wird alles gebucht sein. Wenn wir dann aufhaben dürfen", sagt Wund.

"Wir müssen weiter vorsichtig sein 2022. Ich denke, wir werden mit weiteren Kontaktbeschränkungen leben müssen. Das Virus wird uns nicht im Mai/Juni verlassen. Wir werden nächstes Jahr nicht nach Corona sein, sondern in einer Zwischenphase." Nächstes Jahr beschränke man sich auf Fertigstellen, Feinschliff und ein bisschen Durchschnaufen sei geplant.

Immerhin ist inzwischen ein wenig Geld in die leeren Kassen gewandert. Allerdings bei weitem nicht so viel, wie die Therme Minus gemacht hat. Die Novemberhilfe 2020 habe man im Oktober 2021 erhalten. Was Wund ärgert: 22 Jahre habe er in einer Betriebsunterbrechungsversicherung einbezahlt, nur um dann zu hören, man mag schon unverschuldet schließen haben müssen, aber von Corona stehe nichts in den Verträgen.

Nach einem Jahr sei er dann eingeknickt und habe von 300 Tagen Schließung von der Versicherung vier Tage erhalten und ungefähr ein Achtel des Umsatzverlustes als Staatshilfe. Die Alternative sei gewesen, zu klagen. In der Hoffnung, dass man 100 Prozent bekomme - oder null. "Dann waren mir die 15 Prozent lieber." Mit OB Max Gotz habe er ein gutes Gespräch wegen der Rückzahlung der Gewerbesteuervorauszahlung 2020 gehabt. "20 Jahre haben wir gute Steuern bezahlt. Bei der Rückerstattung war die Stadt sehr korrekt und fair." Bis alles wieder laufe, wird es Wund zufolge länger dauern, als man denkt.

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