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Erding:Suchtfaktor Einsamkeit

Corona-Pandemie verstärkt Gefahr von Alkoholsucht

Die Corona-Pandemie erhöht Experten zufolge das Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch.

(Foto: Alexander Heinl/dpa)

Die soziale Isolation durch die Einschränkungen lässt auch im Landkreis Erding mehr Menschen zu Drogen greifen. Vor allem zu Alkohol und Cannabis. Vielen ist die Tagesstruktur abhandengekommen

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Die Corona-Pandemie hat den Alltag von vielen Menschen aus dem Tritt gebracht. Manche kommen damit ganz gut klar, andere flüchten sich in Drogen - sie greifen vor allem zu Alkohol und Marihuana. Die Einsamkeit durch die massiven Einschränkungen sozialer Begegnungen kann Suchtverhalten fördern, wie aus früheren Epidemien bekannt ist. Das belegt eine Studie zur Veränderung der Alkohol- und Tabakkonsumgewohnheiten während des Lockdowns, die vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim und der Universitätsklinik Nürnberg durchgeführt wurde. Demzufolge trinken 37,4 Prozent der Befragten seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen mehr Alkohol.

So drastisch hat sich Covid-19 noch nicht im Landkreis ausgewirkt, aber die Sozialtherapeuten und Drogenberater merken die Folgen täglich: "Bei uns merkt man, dass tagesstrukturierende Angebote für die Leute wahnsinnig wichtig sind. Viele haben im Moment damit zu kämpfen, dass sie aus eigener Motivation heraus eine Struktur im Tag haben. Das ist für sie sehr schwierig. Andererseits fehlen soziale Kontakte, da viele Leute aus dem Suchtbereich eh schon oft relativ einsam sind, weil sich Familie und Freunde irgendwann abgewendet haben. Wir von der Kontakt- und Begegnungsstätte sind für sie so etwas wie eine kleine Ersatzfamilie", sagt Thomas Schaller, der Leiter der Erdinger Einrichtung. In Zeiten der Schließung sei das ganz schwierig. Man telefoniere im Lockdown den ganzen Tag und höre meistens, dass die Einsamkeit das Problem sei. "Die Nachfrage an Beratungen hat 2020 spürbar zugenommen. Da sind wir im bayernweiten Trend", sagt Thomas Pölsterl, der Leiter der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle Erding. Die Diagnosen hätten sich aber nicht auffällig geändert. 60 Prozent trinken Alkohol, 20 Prozent konsumieren Cannabis, fünf Prozent leiden unter Spielsucht. Der Rest nehme Opiate, Amphetamine und Kokain. Cristal Meth spiele zum Glück eine geringere Rolle in Erding, sagt Pölsterl.

Trotz Corona-Einschränkungen versucht die Kontaktstelle ihr Angebot aufrechtzuerhalten, zum Beispiel durch Kochen mittags und die Essenausgabe, damit man wenigstens mit den Leuten einen kurzen Kontakt habe, das sei schon mal ein ganz gutes Mittel, um eine gewisse Struktur reinzubekommen, sagt Schaller. Die letzten Wochen habe man wenigsten ein wenig öffnen dürfen, aber jetzt dürfe man wieder nur eine Person hereinlassen, und selbst die brauche einen aktuellen Coronatest. Das sei für viele Betroffene nicht so einfach, sagt Schaller. "Da haben wir oft das Führerscheinproblem, weil viele ohne Führerschein gar nicht zur Teststation fahren können, und mit öffentlichen Verkehrmitteln ist es einfach totaler Wahnsinn. Bis man dann dort ist und zurück, brauchst man schon fast einen neuen Test. In Erding kommen zwar leichter an einen Schnelltest, aber auf dem Land . . .", sagt Schaller.

Das Problem sei, dass man keine Projekte planen könne. "Man schaut am Morgen erst einmal auf die Inzidenzzahl und sucht dann Lücken in den Gesetzestexten." Zum Beispiel dürfe man Gruppenangebote, die therapeutisch absolut notwendig sind, aufrechterhalten. Deshalb habe man jetzt dienstags eine Krisengruppe. Doch im Unterschied zur zweiten Welle, wo eine Maske und Abstand reichten, braucht man jetzt einen aktuellen Schnelltest. "Die fünf Teilnehmer muss man erst einmal motivieren, dass sie vorher oder am Tag vorher zum Testen kommen. Da bin ich gespannt, wie das wird", sagt Thomas Schaller.

Für viele sei es im Home-Office zu einer "blöden Gewohnheit" geworden, täglich zu trinken. Die Betroffenen würden sich irgendwann fragen, ob es nicht Zeit würde, auf die Bremse zu treten und dann zur Beratung kommen, sagt Pölsterl. Es gebe aber auch Klienten, die sagen, die Pandemie habe sie sogar stabilisiert, zum Beispiel Spielsüchtige, da die Spielhallen geschlossen seien. Nicht alle würden auf Onlinespielen umsteigen. "Und dann gibt es einige, die in der sozialen Isolation depressiv werden, aber auch Patienten, die sagen, jetzt würden es allen so gehen, wie es ihnen das ganze Jahr gehe. Die fühlen sich in die Mitte der Gesellschaft zurückgeholt." Einige seien leider wieder rückfällig geworden, da die Selbsthilfegruppen ausgefallen sind. Pölsterl ist sicher, dass erst in den nächsten Jahren Spätfolgen sichtbar werden.

© SZ vom 14.04.2021
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