Süddeutsche Zeitung

Verzögerungen bei der zweiten Stammstrecke:Das große Bangen

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Die Verzögerung und Verteuerung bei der zweiten Stammstrecke hat auch Auswirkungen auf Erding. Vom Geld und Zeitplan dieses Projektes hängen mehrere Bauvorhaben ab: die Flughafenanbindung, der Ringschluss von der S2 über Erding und die Konversion des Fliegerhorstes.

Von Gerhard Wilhelm, Erding

"Wenn die zweite Stammstrecke nicht wie geplant kommt, hat das auch Auswirkungen auf Erding." Und zwar zeitlich und finanziell, sagte die Erdinger Landtagsabgeordnete Ulrike Scharf jüngst beim CSU-Jahrespressegespräch. Vom Geld und Zeitplan bei der zweiten Stammstrecke hängen in der Stadt Erding mehrere Bauvorhaben ab: zum einen die Flughafenanbindung, der Ringschluss von der S2 über Erding zum Airport, zum anderen der neue Stadtteil für bis zu 6500 Menschen und Gewerbe auf dem derzeitigen Fliegerhorstgelände. Er soll auch den neuen Erdinger Bahnhof beheimaten, der verlegt werden soll. Auf jeden Fall sei der Ringschluss wieder weiter weg, sagt Petra Bauernfeind (FW), die Zweite Bürgermeisterin der Kreisstadt. "Ich bin echt enttäuscht." Von der Bahn.

Statt 2028 soll die zweite Stammstrecke 2037 erst fertig werden

Der zweite, parallele S-Bahn-Tunnel sollte eigentlich 2028 fertig werden, jetzt ist die Rede von 2037. Um wie viel teurer das Projekt werden wird, will die Bahn erst im Herbst verkünden. Der Freistaat kalkuliert inzwischen mit 7,2 Milliarden Euro statt der bis vor wenigen Wochen genannten 3,8 Milliarden Euro. Für die Stadt Erding sind beides schlechte Nachrichten, denn 2024 wird die Bundeswehr ihren Fliegerhorst im Stadtgebiet aufgeben und die Stadt bereitet derzeit alles vor, dass die Konversion danach zügig voran geht. Ein entscheidender Faktor ist der S-Bahn-Ringschluss, sagte vor einem Jahr Alain Thierstein, Professor für Raumplanung an der TU München. Die S-Bahn bringe für Erding nicht nur eine extreme Verbesserung der Erreichbarkeit, sondern auch eine deutliche Verbesserung der Attraktivität - wenn der Ringschluss realisiert werde. Bauernfeind befürchtet Schlimmes wegen der Kostensteigerung. Derzeit werde der Schwarze Peter zwischen Freistaat und Bahn hin und her geschoben. Sie vermutet, dass man schon länger gewusst habe, dass alles teurer wird und sich verzögert.

Die Konversion muss aus finanziellen Gründen schnell vollzogen werden

Der Bahnhof sei ein wichtiger Faktor beim Erschließungskonzept, betont die Zweite Bürgermeisterin. "Wir müssen die Konversion, wenn wir denn die Grundstücke bekommen, auch aus finanziellen Gründen schnell umsetzen, um Kapital zurück zu bekommen." 20, 30 Jahre alles auf Eis zu legen, gehe nicht. Im Stadtrat habe man bisher nicht darüber geredet, aber sie ist sich sicher, dass die Konversion aus Sicht aller weiter laufen muss.

Für die Erschließung über das Gleis und Verlegung des Bahnhofs wird viel Geld benötigt. Alleine dafür, dass der Bahnübergang Haager Straße durch einen Tunnel ersetzt wird, muss die Stadt vertraglich festgelegt maximal 35 Millionen Euro bezahlen, "die wir schon bezahlt haben", so Bauernfeind. Insgesamt soll diese Verlängerung 68 Millionen Euro kosten. Wird sie teurer, trägt die Kostensteigerung der Freistaat -der jetzt mit immensen Kostensteigerungen bei der zweiten Stammstrecke zu kämpfen hat, was wiederum Bauernfeind Auswirkungen auf die Erdinger Pläne befürchten lässt.

OB Gotz fordert, den Ringschluss von der Stammstrecke zu entkoppeln

Der Flughafen ist auch nach drei Jahrzehnten immer noch nicht von allen Seiten mit dem Zug zu erreichen. Von Erding gibt es keinen Anschluss an die Strecke München - Mühldorf, über die sogenannte Walpertskirchener Spange. Idealerweise einhergehend mit dem Ausbau und der Elektrifizierung der Strecke München - Mühldorf - Freilassing. Doch dieses 2,3 Milliarden Euro teure Projekt verzögert sich ebenfalls um etliche Jahre. Hinzu kommen mehrere hundert Millionen Euro für die Flughafenanbindung. Erdings Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) forderte jüngst, den Schienen-Ringschluss um den Flughafen nicht vom Bau der zweiten Stammstrecke abhängig zu machen.

360 Millionen Euro soll der Erdinger Ringschluss - einige Stückchen sind schon gebaut, zum Beispiel der Tunnel in den Flughafen hinein - am Schluss kosten. So zumindest hat es die Deutsche Bahn (DB) zuletzt 2020 erklärt. Wobei sich die DB fein zurückhielt und darauf hinwies, dass dieser Betrag auf einer "Kostenkalkulation auf Basis der Planung des Freistaat Bayern" beruhe. Die Verlängerung der S-Bahn innerhalb der Stadt Erding, der Teil des Ringschlusses ist, soll nach dem letztem Stand 68 Millionen Euro kosten. Davon zahlt die Stadt Erding 35 Millionen.

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