Die Erdinger Stadtmauer gab bislang Rätsel auf, wie die Statik angelegt wurde und wann man sie errichtet hat. Bei einer Lehrgrabung fanden zehn Archäologiestudenten der LMU die Antwort. Darüber hinaus stießen sie auf ein Feuersteinmesser aus der Jungsteinzeit, auf zahlreiche Münzen aus dem Mittelalter und auf einen der größten Keramikfunde in ganz Südbayern. Über die Herkunft dieser Scherben weiß man noch wenig, denn im Großraum München ist bislang nichts über eine Töpferei in der damaligen Zeit bekannt, sagte der Archäologieprofessor Bernd Päffgen, der die Grabung begleitete.
Es sei schade, dass nur noch Reste übrig seien, sagte Oberbürgermeister Max Gotz, als er die Grabungsarbeiten besuchte. Man vermutet, dass die Stadtmauer im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Nach dem Dreißigjährigen Krieg soll sie repariert worden sein und um das Jahr 1800 wurde sie, wie viele andere Wehranlagen in Bayern, weitgehend abgerissen, weil sie gegen Artillerie keinen Schutz mehr bieten konnte.
Bevor die Studenten mit den Arbeiten begannen, musste erst einmal der Kampfmittelräumdienst anrücken. Am 18. April 1945 bombardierte die US-Luftwaffe Erding, deshalb geht man bei Grabungen lieber auf Nummer sicher, bevor man auf Blindgänger stößt. Drei verdächtige Stellen gab es, die die Bombensucher aufgruben. Als sie fertig waren, hinterließen sie viel größere Löcher, als für die Grabung ursprünglich geplant waren. Aber die Gelegenheit wurde genutzt.
Drei Wochen arbeiteten dann die Studenten mit Kellen und Händen, eine Zeit, die Grabungsleiter Andreas Zauner wetterbedingt als „eine Woche Monsun und zwei Wochen Ägypten“ beschrieb. Und sie wurden fündig. Darauf, dass die Stadtmauer von Anfang des 15. Jahrhunderts stammt, deuten unter anderem die schlüsselförmigen Schießscharten hin, die für Hakenbüchsen angelegt wurden. Sie waren zu dieser Zeit Stand der Feuerwaffentechnik. Die Bauweise der Stadtmauer deckt sich zudem mit der des Schönen Turms, der auf 1408 datiert ist. Nun schließt man daraus, dass Mauer und Turm zeitgleich erbaut wurden.

Bei der Statik würden moderne Architekten schlaflose Nächte bekommen. Denn die Ziegelmauer reicht nur etwa 60 Zentimeter unter die Erde. Päffgen vermutet, die Erdinger waren sparsam mit den Ziegeln, die seinerzeit wohl nicht ganz billig waren. Allerdings befinden sich unterhalb des Ziegelfundaments mehrere gestampfte und verdichtete Erdschichten, die für Stabilität sorgen. Immerhin steht die Mauer bereits seit 500 Jahren, ohne einzustürzen.
Außerhalb der Stadtmauer befand sich eine Wallanlage, die als Schutzbefestigung der Vorläufer der Mauer gewesen ist. Sie wird auf die Zeit um das Jahr 1300 datiert. In der Anlage stieß das Grabungsteam auf die Keramikscherben. Allein auf einem kurzen Abschnitt kamen sie auf fast eine Schubkarre voll Scherben. Warum die Scherben im Wall verarbeitet wurden, ist unklar, ebenso ihre Herkunft, denn in der Region wurden bis dato noch keine Überreste einer Töpferei aus dieser Zeit gefunden. Vorerst geht man davon aus, dass die Keramik über Handelswege in das damalige Erding kamen.
Ferner fand man mehrere Münzen, die älteste geprägt um das Jahr 1300, mit einem Bildnis von Herzog Otto II. von Regensburg, zu dessen Reich damals Erding gehörte, sagte Archäologe Harald Krause. Weitere Münzen stammen aus der Zeit von König Heinrich IV. und von Herzog Maximilian von Bayern. Der älteste Fund datiert aus der Jungsteinzeit, ein kleines Messer aus Feuerstein. Es ist ein Hinweis darauf, wann erste Siedler die Region genutzt haben, in einer mittelalterlichen Schicht wird es als „Streufund“ eingestuft.
Das Grabungsteam hat die Arbeiten mit vielen Fotos dokumentiert, die zu 3D-Modellen zusammengesetzt werden. Die Spuren der Grabung verschwinden nun wieder, der Bauhof Erding hat bereits begonnen, die Löcher und Gräben wieder zu verfüllen.

