Erding:Trostlose Zusammenkunft

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Die Polizei zählte insgesamt etwa 75 Demo-Teilnehmer, die am Samstagnachmittag auf den Parkplatz am Erding Schwimmbad erschienen waren. (Foto: Renate Schmidt)

Kaum mehr als 75 Menschen kommen zur "Querdenken"-Kundgebung. Mitorganisatoren der Demo sind die "Erdinger Patrioten", eine angeblich parteineutrale Gruppe, die allerdings ausschließlich durch AfD-Mitglieder repräsentiert wird

Von Michael Kienastl und Florian Tempel, Erding

Die "Querdenken"-Kundgebung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie am Samstag in Erding hat nur wenige Menschen angezogen. Auf dem Parkplatz am Schwimmbad fanden sich laut Polizeiangabe etwa 75 Personen zu einer trostlosen Demo bei nasskaltem Schmuddelwetter ein. Eine weißblau dekorierte Lastwagenfläche, auf der laut Aufschrift "Bayern steht auf" sowie "Liebe, Wahrheit, Einigkeit" versprochen wurde, diente als Bühne. An einem Stand wurde gefordert, den bayerischen Landtag abzuberufen. Anmelder der Kundgebung war Achim Müllerke, Mitglied im Kreisvorstand der AfD, der auch als Sprecher der "Erdinger Patrioten" auftritt, die Mitorganisatoren der Demo waren.

Eine Gegenveranstaltung wie in anderen Städten fand nicht statt. Lediglich ein einzelner Mann forderte mehrmals lautstark, "Querdenker sollen nach Hause gehen". Arthur Weingärtner, der Einsatzleiter der Polizei, war vorsorglich mit ungefähr 50 Kollegen angerückt. Die Polizeibeamten hatten wenig zu tun, die Veranstaltung verlief ruhig. Den regelmäßigen Aufrufen der Ordner, Mindestabstand einzuhalten und Masken zu tragen, folgten die meisten Teilnehmer, meistens.

Er sei etwas nervös so allein, sagte der einzige Gegendemonstrant. Aber weil er es wichtig finde, dass sich jemand dagegenstellt, sei er spontan zum Schwimmbadparkplatz gekommen. Er halte die Demonstration für "eine Unverschämtheit", denn "täglich sterben Menschen - und die protestieren hier". Und weiter: "Ich bin Großvater und will mich und meine Familie schützen, während hier so ein Unsinn verbreitet wird". Die ganze Demonstration sei offensichtlich "von der AfD unterwandert, die haben ihre eigene Agenda, die Menschen sind denen doch völlig egal".

Mit drastischer Symbolik wurde auf eingeschränkte Grundrechte hingewiesen. (Foto: Renate Schmidt)

Im Impressum der Internetseite der "Erdinger Patrioten" stehen die Namen von drei Männern, alle sind AfD-Mitglieder. Achim Müllerke gehört dem AfD-Kreisvorstand als Beisitzer ebenso an wie Frank Beughold, der als Schatzmeister fungiert. Klaus Gäßl hat bei den Kommunalwahlen auf der Kreistagsliste der AfD kandidiert. Die "Erdinger Patrioten" haben ihre Internetseite ganz im typischen AfD-Blau eingefärbt. Um sich von der AfD äußerlich abzugrenzen, tragen die "Erdinger Patrioten" bei der Demo keine blauen Jacken und Kappen, wie bei AfD-Veranstaltungen, sondern schwarze Jacken und schwarze Kappen. Auf diesen Kappen ist das selbst gewählte Symbol der "Erdinger Patrioten" zu sehen: ein Flügel. Während die Querdenker aus Landshut eine weiße Taube auf ihrer Internetseite eingebaut haben, haben sich die "Erdinger Patrioten" für einen Adlerflügel entschieden. Mit der Wahl ihres Symbols erinnern sie außerdem plump-penetrant an die völkisch-nationale AfD-Gruppierung "Der Flügel" um den AfD-Rechtsaußen Björn Höccke, die offiziell aufgelöst ist. Aufschlussreich ist auch ein Blick in die Rubrik "Gäste bei uns" auf der Internetseite der "Erdinger Patrioten". Auch die dort aufgeführten vier Gastredner, die bei früheren Demos gegen Corona-Maßnahmen in Erding auftraten, sind samt und sonders AfD-Mitglieder, der prominenteste ist der Bundestagsabgeordnete Petr Bystron. An der Kundgebung am Samstag haben auch die Erdinger AfD-Frontmänner, der Kreisvorsitzende Wolfgang Kellermann und sein Stellvertreter Peter Junker, teilgenommen.

Laut den Angaben des Landratsamts Erding wurden zuletzt 40 Covid-19-Patienten im Klinikum Erding behandelt. Der Ärztliche Direktor Lorenz Bott-Flügel hat unlängst mit eindringlichen Worten deutlich gemacht, wie ernst die Lage im Krankenhaus ist. Auf der weißblauen Lastwagenbühne der "Querdenker" gstanzlte jedoch am Samstag eine Frau unter dem Beifall ihrer Zuhörer, "obwohl's längst vorbei ist, schrein's jetzt a zweite Welle heraus". Kurz davor bezeichnete der Arzt Klaus Lang Menschen, die sich gegen Corona impfen lassen wollen, als "Versuchstiere" und verglich die Risiken einer schnelleren Impfstoffzulassungen mit dem Contergan-Skandal der 1960er-Jahre. Lang gehört der AfD-Fraktion im Mühldorfer Kreistag an. Ein anderer Teilnehmer nannte sich selbst einen "Corona-Leugner" und die Pandemie eine "Fake-Krankheit", die Maskenpflicht in Schulen sei "Kindesmisshandlung". Bernd Thomas, Sprecher der Querdenker aus Landshut, forderte "die Wiederherstellung der Grundrechte".

Etwas differenzierter äußerte sich eine Teilnehmerin, die sich als Grünen-Wählerin zu erkennen gab und ein Schild mit der Aufschrift "gegen Faschismus" bei sich hatte. Auch wenn sie sich gegen rechte Querdenker stellte, bezeichnete sie sich doch als Teil der Protestbewegung. Sie zog die Wirksamkeit eines möglichen Impfstoffs in Zweifel. Ihr Hauptanliegen sei aber eine gesellschaftliche Wiederversöhnung, sagte sie: "Wir brauchen mehr Sachlichkeit statt Emotionen und Aggressivität in der Diskussion. Unsere Gesellschaft bricht gerade auseinander, gleichzeitig haben immer mehr Menschen Sorgen wegen der ganzen Corona-Maßnahmen."

© SZ vom 14.12.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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