Der Landkreis Erding ist in diesem Kommunalwahlkampf offenkundig beliebtes Aufmarschgebiet rechter Politiker: Nach der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch, die vor vier Wochen in Eichenried auftrat, kam am Dienstagabend der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla nach Taufkirchen/Vils. Und hier wie da begleiteten Demonstranten lautstark die Wahlveranstaltung der in großen Teilen rechtsextremen Partei.
Weit vor Chrupallas Auftritt um 19 Uhr im Bürgerhaus warten vor dem Gebäude bereits die ersten Besucher und Besucherinnen auf Einlass. Ein paar Meter weiter, am Beginn des gesperrten Pfarrwegs, versammeln sich zur gleichen Zeit die ersten Gegendemonstranten hinter einer rot-weißen Absperrung. Zwischen den Gruppen stellt sich die Polizei auf.
Marvin Weber, Sprecher der Linken im Landkreis Erding, ist als einer der Ersten zur Stelle. Der Linken-Kreisverband Ebersberg-Erding hat wie schon vor vier Wochen in Eichenried die Demo angemeldet. Damals waren etwa 150 Menschen gekommen, dieses Mal sollen es – je nach Zählung – deutlich mehr werden. Gleich ist das Motto: „Für Demokratie! Gegen Rechtsextreme!“ Wie schon in Eichenried unterstützen auch dieses Mal die „Omas gegen Rechts“ und weitere Gruppen den Aufruf.
Hundert Teilnehmer seien zunächst für Taufkirchen angemeldet worden, erzählt Weber. Das Interesse sei aber so groß gewesen, dass die Zahl erhöht wurde. Der Leiter der Polizeiinspektion Dorfen, Johannes Onnich, schätzt die Teilnehmenden am Ende „Pi mal Daumen“ auf etwa 250. Es mag auch an der Lautstärke der Demo liegen, dass nicht wenige von 400 Teilnehmern ausgehen.
Es kommen immer mehr Demonstranten: Ältere Paare, Gruppen von Jugendlichen, eine Familie mit zwei Kindern. Auch ein Bauunternehmer aus dem nahen Velden im Landkreis Landshut ist dabei. Er sagt, er störe sich an den rechtsextremen Rändern der AfD – und vor allem am Thema Remigration. Trillerpfeifen sorgen für ohrenbetäubenden Lärm. Immer wieder skandieren die Demonstranten: „Nazis raus!“ Richtig laut wird es, als der AfD-Landtagsabgeordnete Martin Huber kurz vor der Menge anhält und den Daumen hoch hält.


Später kommt Peter Junker, AfD-Gemeinderat in Finsing, stellvertretender AfD-Kreisvorsitzender und 2023 wegen Volksverhetzung verurteilt, aus dem Saal. Er trägt wie immer ein Käppi mit Parteilogo und lässt sich von einem weiteren AfD-Anhänger vor der Menge ablichten. Sein Kommentar zu den Buh-Rufen in seine Richtung: Er könne „den plötzlichen Hass auf völlig Fremde nicht verstehen“.
Gegen 18.30 Uhr hat Chrupalla durch einen Hintereingang den Saal betreten. Zahlreiche AfD-Sympathisanten finden zu der Zeit schon keinen Platz mehr und stehen nun vor dem Eingang beieinander. Ein paar Meter entfernt halten ihnen die Demonstranten Schilder entgegen: „Null Toleranz für Intoleranz. Deutschland hat keine Alternative“, „Bayern ist bunt. AfD ist braun“, „Gegen Hass und Hetze“ oder „Nazis wählt man nicht“.
Die Reden, die hier auf Seiten der Protestierenden gehalten werden, sind akustisch nur schwer zu verstehen. Immer wieder werden sie unterbrochen durch „Nazis raus!“-Rufe. Doch die Botschaft der Redner ist klar: Es gelte die Demokratie zu verteidigen. „Nie wieder Faschismus“, sagt etwa Maria Brand von den Erdinger „Omas gegen Rechts“. Hin und wieder kommen Besucher der AfD-Veranstaltungen nach draußen. Einige filmen die Demonstranten, eine Frau zeigt den Stinkefinger, einige winken, andere lachen. Jeder, der nach der Veranstaltung nach Hause geht, wird lautstark mit Rufen wie „Schämt euch!“ oder „Haut ab!“ verabschiedet.


Aber nicht nur draußen ist es laut, auch drinnen. Denn nicht nur die Demonstranten sind zahlreich erschienen, auch im Bürgersaal drängen sich die Zuhörer, darunter viele junge Leute. Bereits im 18.20 Uhr muss das Sicherheitspersonal die Türen schließen, weil alle 250 Plätze besetzt sind. „Es geht nichts mehr“, sagt Martin Huber, der AfD-Landtagsabgeordnete. Draußen stünden noch weitere 200 Anhänger, die man aber aus Sicherheitsgründen nicht mehr einlassen dürfe.
Gastgeber Huber kandidiert bei den Kommunalwahlen sowohl als Gemeinderat in Taufkirchen als auch für den Erdinger Kreistag. Bei der Landtagswahl 2023 erzielte er im Stimmkreis Erding 14,5 Prozent, eines der stärksten AfD-Ergebnisse in Oberbayern. Huber ist seit 36 Jahren im Landkreis politisch aktiv, als Gemeinderat und Kreisrat, erst für die Republikaner, seit 2018 für die AfD. Er stehe rechts von der CSU, vertrete aber keine extremistischen Positionen, so eine verbreitete Einschätzung im Landkreis. Der gelernte Maurerpolier befasst sich vorwiegend mit regionalen Fragen etwa im Bereich Wohnen, Bauen und Verkehr.
„In den Kommunen gibt es keine Brandmauer“, sagt der AfD-Co-Vorsitzende
Als Vorredner Chrupallas beklagt er eine „Verschwendungspolitik“ der Bundesregierung und behauptet, dass im Landtag CSU-Abgeordnete bereits Kontakte zu ihm knüpfen würden. Das seien „Lichtblicke“ für eine schwarz-blaue Koalition. Chrupalla wird anschließend mit tosendem Beifall auf der Bühne empfangen. Der AfD-Bundesvorsitzende lobt Taufkirchen, weil hier die Welt noch in Ordnung sei. Anschließend rechnet er mit der Bundesregierung ab und bringt die bekannten Narrative gegen Migration und Asylbewerber, gegen Hilfe für die Ukraine und für Verhandlungen mit Putin. Für die Kommunalwahlen prognostiziert der AfD-Co-Vorsitzende, dass seine Partei in vielen Kommunen ihre Sitze verdoppeln werde. Darauf könne man dann aufbauen. „In den Kommunen gibt es keine Brandmauer.“
Chrupallas Rede wird immer wieder unterbrochen von Beifallsstürmen, auch der Schlussapplaus ist tosend. Veranstalter Huber wirkt wie berauscht. Er plane bereits eine „Massenkundgebung“ mit Chrupalla im Sommer, kündigt er an, im Festzelt des Taufkirchener Volksfestes. Dazu erwarte er 3000 Besucher, „nicht 150, wie bei der CSU“. Deren Gemeinderätin Anneliese Mayer, die unter den AfD-Anhängern im Saal sitzt, ruft er zu: „Unsere Brauerei wird es freuen.“

