Erding/Ottenhofen:Eine neue Heimat nach 400 Jahren

Das zerlegte älteste Profangebäude im Landkreis wird in Handarbeit bei der Zimmerei Lippacher rekonstruiert

Von Gerhard Wilhelm, Erding/Ottenhofen

Als vor 399 Jahren der Zimmermann die letzten Holznägel in die Balken des neuern Bauernhauses im Ort Pesenlern geschlagen hat, hatte er bestimmt nicht gedacht, dass das Gebäude 400 Jahre später, 2021, an einem ganz anderen Ort einmal stehen wird, nämlich im Bauernhausmuseum Erding - als ältestes Profangebäude im Landkreis. Bisher war man davon ausgegangen, dass das Haus aus dem Jahr 1672 stammt, auf einem Balken ist aber 1621 zu lesen. Derzeit werden die Teile des früheren Bauernhauses, das Stück für Stück zerlegt wurde, in Handarbeit bei der Zimmerei Lippacher in Ottenhofen zusammengesetzt. Fehlende oder nicht mehr verwertbare Balken werden durch neue ersetzt. Die Translozierung und ein dazugehöriger Neubau für den Bauernmarkt im Museum lässt sich der Landkreis 2,5 Millionen Euro kosten.

Laut Denkmalschutzliste des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege handelt es sich bei dem Gebäude um den "ehemaligen Wohnteil eines Bauernhauses mit einem zweigeschossigen Walmdachbau mit übertünchtem Blockbau-Obergeschoss, Traufschrot, Balkenköpfen und altem Türgerüst, bez. 1672". Letzteres muss jetzt korrigiert werden. Das Erdgeschoss wurde im 19. Jahrhundert vollständig ausgemauert, ist also nicht mehr original. Ein ähnliches Bauernhaus gibt es in der Nähe nur noch bei Landshut. Während in einem Neubau am Bauernhausmuseum künftig der Bauernmarkt einziehen soll, sollen im Profangebäude die Kasse, ein Informationsstand und eine Dauerausstellung untergebracht werden. Das Gebäude soll zudem Toiletten erhalten und behindertengerecht werden.

Der Plan, dass Mitte 2021 alles fertig sein wird, gefällt Landrat Martin Bayerstorfer: "Dass wir nächstes Jahr 400-jähriges Jubiläum feiern können, freut mich sehr". Doch bis dahin steht noch viel Arbeit an. Alle zwischengelagerten Hölzer wurden zur Zimmerei gefahren, gewaschen, gebürstet und entnagelt, wie Zimmermeister Georg Lippacher sagt. Anschließen habe man zusammen mit den Architekten und Statikern alles sortiert, geschaut, was noch verwendbar sei. Danach habe der Zusammenbau begonnen, was nicht einfach sei, da jeder Balken ein wenig konisch sei. Die alten Balken seien früher so bearbeitet worden, wie der Baum gewachsen sei. Das sehe man daran, dass die Balken im Querschnitt auf einer Seite kleiner seien. Das sei eine Herausforderung gewesen, da es keinerlei rechte Winkel gebe, manche Balken zudem verdreht seien. Damit das Holz schädlingsfrei wird, wurde es mit 65 Grad heißer Luft behandelt. Oft haben er und sein Team beim Zusammenbau improvisieren müssen mit neuem Holz, sagt Georg Lippacher. Der Zimmermann hat sich im Vorfeld Bücher über die damaligen Techniken besorgt. "Es ist Wahnsinn, was die früheren Baumeister alles konnten. Von der Auswahl der Bäume bis zum fertigen Haus. Man lernt nie aus."

Auch Architekt Frieder Lohmann von Rieger Lohmann Architekten lernt jeden Tag bei dem Projekt dazu. "Eine Translozierung ist schon eine ganz spezielle Sache. Manche Sachen können erst gelöst werden vor Ort. Nur so kann man sicherstellen, dass man adäquate Lösungen findet, die dem handwerklichen Charakter des Gebäudes gerecht werden. Diese Zeit müssen wir uns jetzt nehmen, dann steht es später auch so da, wie es früher dastand".

Das sieht auch Georg Lippacher so, auch wenn er zugibt: "Für uns wird das Trum schon langsam lästig. Eigentlich müsste es aus der Halle, weil die andere Arbeit auch nicht wartet. Aber ich verstehe natürlich, dass alles richtig gemacht werden muss."

"Vor sieben, acht Jahren waren wir soweit, dass wird alles schon aufgeben wollten. Wir wollte dann mal im Markt Wartenberg aufbauen. Aber an dem Platz hätten wir es spiegelverkehrt aufbauen müssen," sagt Landrat Bayerstorfer. Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass man aus Hygienegründen sowieso beim Bauernmarkt Veränderungen vornehmen hat müssen. Deshalb kam man auf die Idee, das älteste Profangebäude im Landkreis als Basis zu verwenden - mit allen historischen Teilen, die man erhalten kann. "Dass es nicht genau so wieder aussehen wird wie früher, das war uns klar. Aber für das nicht denkmalschutzgeschützte Gebäude ist das Museum der ideale Standort. Ich bin sicher, das wird ein traumhaft schönes Objekt und es hat für die nächsten 400 Jahre dann eine neue Heimat. Wie wollen mit ihm auch das Bewusstsein dafür stärken, was man damals für eine Baukunst beherrschte, mit einfachsten Mitteln", sagt Bayerstorfer.

© SZ vom 07.05.2020
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