Der Spangenbarrenfund von Oberding geht aktuell zum dritten Mal auf Reisen: Nach der Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau und prominenter Platzierung neben der Himmelsscheibe von Nebra im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle sind diesmal 200 der 800 Spangen unterwegs nach Chemnitz ins Staatliche Museum für Archäologie. Dort wird eine Ausstellung zum Thema Bergbau vorbereitet. Chemnitz ist 2025 Kulturhauptstadt Europas und die Ausstellung ist ein Beitrag dazu.
Der Fund im Jahr 2014 erhellt nach einer Dekade Forschung nicht nur die frühe Bronzezeit, sondern wirft auch ein Licht auf das damalige Zählsystem: Denn die 82 Kilogramm Kupfer waren in Form gegossen und jeweils zu Zehnerbündeln verschnürt. Diese Zählweise ist in Mitteleuropa noch nie auch nur annähernd so früh nachgewiesen worden. Es wäre der erste Nachweis des Dezimalsystems bereits um das Jahr 1700 bis 1650 vor unserer Zeitrechnung. Nach zehn Jahren Forschung ist die Interpretation als bewusste Dezimalstruktur in der Fachwelt allgemein akzeptiert, allerdings ist die Annahme, dass das Dezimalsystem in vollem Umfang verstanden und angewendet wurde, noch umstritten. „Das war exklusives Wissen, nicht in jedem Bauernhof war die Verwendung gang und gäbe“, sagt Harald Krause, Archäologe und Leiter des Museums Erding, wo die Spangenbarren ausgestellt werden. „Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft hatte damit pragmatischen Umgang, man geht nicht davon aus, dass es die Gesellschaft bereits durchdrungen hatte.“
Unser Alltag ist geprägt vom binären Code der Computersysteme. Dagegen wirkt das Dezimalsystem alt. Aber so alt ist es eigentlich nicht: Erst im 15. und 16. Jahrhundert wurde es im deutschsprachigen Raum dominant, auch in Italien erst in der Renaissance. Gezählt wurde vorher in Zwölfereinheiten wie bei Sumerern und Babyloniern, in 20ern bei den Kelten, wie es sich im Französischen erhalten hat, oder die Fünfer-Zählweise, die lange Zeit in Afrika und Amerika verwendet wurde.
Das Dezimalsystem und die Entdeckung der Null begann erst im fünften Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung auf dem indischen Subkontinent und überzeugte vom achten Jahrhundert an auch den arabischen Raum. Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Fachwelt anfangs skeptisch war, ob bereits vor 3700 Jahren Menschen dieses System verwendet haben. Archäologen und Autoren schrieben 2014 noch „Spangenbarrenfund in Oberding – erster Nachweis des Dezimalsystems in Mitteleuropa“ mit einem Fragezeichen am Satzende. Nach zehn Jahren Forschung ist das Fragezeichen nun weg und durch einen Punkt ersetzt.
Verwunderlich sind die verwendeten Gewichtseinheiten, weil sie sehr modern anmuten. Im statistischen Mittel wiegen die Spangen 103 Gramm, im Zehnerbündel somit ein Kilogramm. Krause kann es sich nur so erklären, dass es sich dabei um ein handliches Gewicht handelt und vergleicht es mit einem Tetrapack. Man geht davon aus, dass es sich um ein prämonetäres Zahlungsmittel gehandelt hat. Die Menschen mussten aufgrund des zunehmenden Handels über große Entfernungen leicht transportierbare Tauschobjekte etablieren. Die Umstände waren reif, um eine Art Währung zu entwickeln. Es war, salopp formuliert, von einem „Euro der Bronzezeit“ die Rede. Die Barrenbündel könnten ein entscheidender Schritt hin zum Münzgeld gewesen sein.
Später kamen die Spangen wieder aus der Mode
Doch dieser Schritt ist nicht erfolgt, im Gegenteil, denn auch die Produktion der gleichmäßig gegossenen Spangen wurde wieder eingestellt. Man goss stattdessen grobe, handtellergroße „Kuchen“, wie Archäologe Krause sie bezeichnet. Sie wurden dann in Stücke gebrochen und als Tauschmittel verwendet. Das hing mit der Verbreitung der Balkenwaage zusammen, die etwa 100 Jahre nach der Datierung der Oberdinger Spangen erfolgte. Wenn man jedes Stückchen wiegen konnte, war eine standardisierte Produktion nicht mehr erforderlich. „Ich möchte es keinen Rückschritt nennen“, sagte Krause. „Das benötigte weniger Aufwand, weniger Mühe und war einfach pragmatischer.“
Abschließend stellt sich noch die Frage, warum ausgerechnet die Funde in Oberding so vielfältige Erkenntnisse mit sich brachten, denn Spangenbarren wurden bereits früher gefunden, beispielsweise der „Schatz im Luitpoldpark“ in München, wo man im Jahr 1928 Spangen mit einem Gesamtgewicht von 85 Kilogramm bergen konnte. „Das ist tatsächlich dem Forschungsstand geschuldet“, sagte Krause. Im Luitpoldpark habe man seinerzeit Spange um Spange einzeln ausgegraben. Es sei nicht auszuschließen, dass dabei ursprünglich auch das Dezimalsystem Anwendung fand. In Oberding habe man eine moderne Blockbergung vorgenommen und dabei die vorgefundene Lage erhalten. Mit Computertomografie konnte man Einblicke gewinnen und eine 3D-Visualisierung vornehmen. „Die Forschung ist hochdynamisch“, sagte Krause. „Und es war die Gunst der Stunde.“
Die Spangenbarren sind übrigens weiterhin im Museum Erding zu sehen. Auf Reisen ist nur etwa ein Viertel.

