Erdinger Nordumfahrung:Ärger auf allen Seiten

Erdinger Nordumfahrung: Das "Bündnis für Klimaschutz und Flächensparen" bei einer Protestkundgebung im Jahr 2021. Am Donnerstag wollen Mitglieder vor der Stadthalle mit einer Plakataktion auf ihre Argumente aufmerksam machen.

Das "Bündnis für Klimaschutz und Flächensparen" bei einer Protestkundgebung im Jahr 2021. Am Donnerstag wollen Mitglieder vor der Stadthalle mit einer Plakataktion auf ihre Argumente aufmerksam machen.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Befürworter kritisieren die lange Planungszeit, die Gegner wollen das Projekt begraben. Jetzt tut sich wieder etwas. Am Donnerstag ist Erörterungstermin in Erding mit Naturschützern.

Von Regina Bluhme, Erding

Die Pläne für eine Nordumfahrung von Erding sorgen seit Jahren für Ärger: Die einen, allen voran Oberbürgermeister Max Gotz (CSU), ärgern sich, dass die 9,5-Kilometer-Strecke noch immer nicht gebaut ist. Die anderen, allen voran Umweltverbände, ärgern sich, dass das Projekt nicht längst begraben wurde. Jetzt tut sich wieder etwas. Der Stadtentwicklungsausschuss von Erding hat dafür gestimmt, Planungskosten in Höhe von 80 000 Euro zu übernehmen. Der Stadtrat wird dies am kommenden Donnerstag so beschließen. Am selben Tag findet in der Stadthalle ein nicht öffentlicher Erörterungstermin statt, bei dem die Einwendungen der Naturschützer gehört werden.

Mit der Nordumfahrung Erding (ED 99) "soll eine leistungsfähige straßenseitige Verkehrsanbindung des östlichen Landkreises Erding an den Flughafen München geschaffen werden". So steht es auf der Homepage des Staatlichen Bauamts Freising. Zudem werde die Stadt Erding vom Durchgangsverkehr in West-Ost-Richtung entlastet und der heute abseits vom Stadtgebiet zu Spitzenzeiten auf einzelnen Gemeindestraßen anzutreffende "Schleichverkehr" reduziert. Wenn Oberbürgermeister Max Gotz von der Nordumfahrung spricht - und das tut er bei zahlreichen Gelegenheiten - dann ist viel von der Entlastung der Anton-Bruckner-Straße die Rede, aber kaum mehr von einem Flughafenzubringer. Im Mittelpunkt steht jetzt eine Funktion: Die Nordumfahrung werde benötigt vor allem wegen des künftigen neuen Stadtteils am Fliegerhorst-Areal. Der erwartete zusätzliche Verkehr soll um die Stadt herumgeführt werden.

Mit zwei Gegenstimmen hat der Stadtentwicklungsausschuss nach längerer Diskussion vor zwei Wochen zugestimmt, die Planungskosten für das Bauprojekt in Höhe von 80 000 Euro zu übernehmen. Die Gegenstimmen kamen dabei nicht von den Grünen. Die beiden Grünen-Ausschussmitglieder Helga Stieglmeier und Gerhard Ippisch stimmten für die Kostenvereinbarung mit dem Landkreis. "Uns ist die Entscheidung sehr schwer gefallen", sagt Ippisch auf Nachfrage der SZ. Grundsätzlich sind die Grünen ja gegen das Straßenbauprojekt. Doch es gehe auch um die Konversion des Fliegerhorsts und da habe die Grünen-Fraktion im Stadtrat immer alle Beschlüsse mitgetragen, erklärt Ippisch. Deshalb hätten er und Stieglmeier "als Konsequenz" in diesem Fall dafür gestimmt. Die Beteiligung an den Kosten in Höhe von 80 000 Euro erfolge vorbehaltlich einer aktualisierten Kostenschätzung, die 2024 vorliegen soll. Die jüngste Kostenschätzung stammt von 2019 und beläuft sich auf 63,5 Millionen.

Der Planungen für die Nordumfahrung laufen seit über 20 Jahren, seit neun Jahren warte die Stadt Erding auf die Planfeststellung, hat OB Gotz erst jüngst wieder in der Bürgerversammlung kritisiert. Circa 800 Einwendungen sind laut Gotz eingegangen. Am kommenden Donnerstag findet im Rahmen der Planfeststellung in der Stadthalle Erding ein Erörterungstermin mit Naturschutzverbänden statt.

Vor dem Erörterungstermin plant das Bündnis für Klimaschutz eine Plakataktion

Vor Ort ist am Donnerstag auch das Erdinger "Bündnis für Klimaschutz und Flächensparen", das von 8.30 bis 10 Uhr mit einer Plakataktion auf sich aufmerksam machen will. Das Bündnis bestreitet die Notwendigkeit einer Nordumfahrung für Erding. Hauptargumente gegen den Bau werden in einer aktuellen Pressemitteilung so zusammengefasst: "Die mangelnde Planrechtfertigung und die negativen Auswirkungen auf Natur, Klima, Landwirtschaft und städtische Finanzen".

Nach den aktuellen Planunterlagen werde der Verkehr in der Anton-Bruckner-Straße von derzeit annähernd 20 000 Fahrzeugen nur um weniger als 3000 abnehmen, schreibt das Bündnis. Somit werde durch den Bau der neuen Straße eine Verkehrsentlastung für die Anton-Bruckner-Straße und der Freisinger Siedlung nicht eintreten. Der neue Stadtteil am Fliegerhorst müsse "anders funktionieren", heißt es weiter: "Die modernen Konzepte setzen auf Arbeit, Wohnen und Einkaufen vor Ort und optimale Anbindung an den ÖPNV, die hier ja mit dem S-Bahn-Ringschluss gegeben ist."

Es müsse damit gerechnet werden, dass neue Straßen mehr Verkehr generieren

Es bleibe das Problem der Lastwagen durch das Wohngebiet Freisinger Siedlung. Hier könnte man zum Beispiel entlang der künftigen S-Bahn-Ringschluss-Trasse bis zur Kreisstraße ED 19 eine Verbindung schaffen. Auch für die Nordanbindung (Bypass der Alten Römerstraße) durch das Fliegerhorst-Areal ließe sich ohne die Nordumfahrung ein Anschluss an das bestehende Straßennetz finden. "Der erhoffte Nutzen soll den gigantischen Flächenverbrauch, die riesigen Brücken- und Kreisverkehrsbauwerke, die den Naherholungsraum von der Stadt abschneiden und entwerten, und den immensen Schaden an einem der letzten Naturgebiete auf dem jetzigen Fliegerhorst-Gelände rechtfertigen."

Das Bündnis fordert "eine wahrhaftige Klimabilanz, welche die Freisetzung aus dem Boden, durch den Bau und durch die Nutzung der Straße berücksichtigt. Dabei muss natürlich damit gerechnet werden, dass das Verkehrsaufkommen durch die neue Straße wachsen wird", schreibt das Bündnis weiter. "Das war bisher noch bei jedem Straßenbauprojekt der Fall und es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum das hier nicht so sein sollte."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKlimaaktivismus
:"Ich bleibe so lange auf der Straße sitzen, bis die Bundesregierung handelt."

Luis Böhling ist 19 Jahre alt und Mitglied der "Letzten Generation". Er hat sich schon in München auf der Straße festgeklebt und im September beim großen Aktionsmonat der Gruppierung auch in Berlin. Ein Gespräch mit einem jungen Mann, der genau weiß, was er tut.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: