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Erding:Nicht in die eigene Tasche

Der Tagwerk Bioladen an der Dr.-Henkel-Straße in Erding. Geschäftsführer Reinhard Block gibt den Erlös aus der Steuerminderung weiter.

(Foto: Renate Schmidt)

Tagwerk gibt Senkung der Mehrwertsteuer an zwei Betriebe weiter, die wegen der Corona-Krise ums Überleben kämpfen

Von Antonia Steiger, Erding

Wer im Tagwerk-Bioladen einkauft, muss nicht auf jeden einzelnen Cent schauen. Weil das so ist, wird Geschäftsführer Reinhard Bloch die Senkung der Mehrwertsteuer, die am 1. Juli in Kraft getreten ist, nicht an seine Kunden weitergeben. Er will sich an der Mehrwertsteuersenkung von sieben auf fünf Prozent auf Lebensmittel aber auch nicht selbst bereichern, sondern das Geld weitergeben an solche, die es nötiger haben. Zwei Adressaten hat Bloch schon ausgemacht: das Restaurant Karins in Erding, das unter den Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus stark leidet, und Fichters Kulturladen in Ramsau, der noch im Gebiet der Tagwerk-Genossenschaft liegt, wie Bloch sagt.

Zwei Prozent weniger habe für seine Kunden "überhaupt keine Wirkung", sagt Bloch. "Für uns aber schon. Bei so vielen Kunden macht das schon was aus." Mit einem Betrag zwischen 2000 und 4000 Euro monatlich rechnet Bloch, die ihm rein theoretisch mehr übrig bleiben, wenn nun die Mehrwertsteuer gesenkt wird. Er wolle das aber nicht für sich selber einstecken, andere benötigen es dringender - "vorläufig zumindest". Wie sich die wirtschaftliche Lage weiter entwickelt und ob es in ein paar Monaten noch so einen zahlungskräftigen Mittelstand gibt, der im Tagwerk-Laden einkauft, dazu traut Bloch sich keine Prognose zu, wie er sagt. Vorläufig aber profitiert der Bioladen von dem Boom, den die Corona-Krise in der Biobranche ausgelöst hat. Während Kurzarbeit und Home-Office kochen die Menschen wieder zuhause, wie Bloch sagt. Jetzt wurde auch noch offenbar, unter welchen Bedingungen die Firma Tönnies Fleisch produzieren lässt - das sind alles gute Voraussetzungen für die Herstellung und den Vertrieb hochwertiger Lebensmittel.

Im März lag ein richtiges Umsatzhoch - "Wie Weihnachten!" -, doch auch wenn die Kurve seitdem abgeflacht ist, sei der Umsatz im Juni noch über dem des Vorjahres gelegen. Andere wurden härter getroffen, zum Beispiel Karin Leidenberger, die lange im Bistro des Tagwerk-Ladens gekocht hat und vor acht Jahren Karins Restaurant in der Freisinger Straße 1 in Erding eröffnet hat. Es war lange ein Kampf ums wirtschaftliche Überleben, wie sie sagt. Im Herbst vergangenen Jahres habe sie erstmals gedacht, sie sei über den Berg. Dann kam Corona, und jetzt kämpft sie wieder. Die Öffnungszeiten wurden vorübergehend reduziert, und langsam füllt sich das Restaurant auch wieder, wie sie sagt. Im Sommer kann man dort auch draußen essen.

Wer im Tagwerk-Laden einkauft, unterstützt von jetzt an mit ein paar Cent gleichzeitig das Bio-Restaurant, das auf Nachhaltigkeit so viel Wert legt wie Tagwerk selber. Wer nur so viel Kartoffeln und Zwiebeln im ökologischem Handel einkauft, wie er für das Abendessen oder die nächsten Tage braucht, gibt unter dem Strich nicht mehr aus als derjenige, der Großpackungen im Supermarkt kauft und einen Teil wegwerfen muss. Diese Rechnung habe ihm einmal eine Kundin präsentiert, sagt Bloch. Ein Rechnung, die neuerdings auch junge Leute aufmachen. Dass mehr Frauen und Männer zwischen 20 und 30 Jahren zum Einkaufen kommen, freut Bloch besonders. "Auch das ist Nachhaltigkeit."

© SZ vom 03.07.2020

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