Ein denkmalgeschütztes Haus zu erben, kann Fluch und Segen sein. Als die Stadt Erding vor zwölf Jahren das Wohnhaus des Tiermalers Franz Xaver Stahl vermacht bekam, machte sie das Beste draus – nämlich ein beliebtes Museum. Jetzt wurde ein moderner Anbau, das „Künstlerhaus am Stahlmuseum“, eingeweiht. Wie es scheint, hat Erding damit erneut ein glückliches Händchen bewiesen.
Das Museum Franz Xaver Stahl an der Landshuter Straße kennt in Erding jedes Kind. Der akademische Künstler (1901 bis 1977) malte hauptsächlich Tiere, am liebsten Kühe und Pferde. Seine Witwe Margarete Stahl vermachte der Stadt das um 1840 erbaute ehemalige Wohnhaus mitsamt den Werken Stahls und ihres ersten Ehemanns Johann Georg Schlech.
Nun trifft Biedermeier auf Moderne. Der Anbau, innen helles Holz und beige-graue Töne, besteht im Erdgeschoss aus einem großen, lichtdurchfluteten Raum mit Glasfront zum Garten. Rollschienen im Boden ermöglichen es, Ausstellungswände je nach Bedarf zu verschieben. Endlich sei Platz für Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Workshops, erklärte Museumsleiterin Heike Kronseder. Bewusst sollte „kein elitäres Kunstmuseum“ entstehen, sondern „ein Haus der Vielfalt“.
In dem komplett barrierefreien Anbau sollen sich Menschen jeden Alters, mit und ohne Behinderung und aus allen gesellschaftlichen Schichten inspirieren lassen, Veranstaltungen besuchen, sich selbst künstlerisch ausprobieren. Kurz: Ein sozialer Treffpunkt soll hier entstehen, „eine Kunst- und Erlebnisstätte für alle“.


Im Untergeschoss des Künstlerhauses befindet sich das lange avisierte Depot. Viele der Werke von Stahl und Schlech lagerten bislang nicht fachgerecht unter anderem im Obergeschoss der Stadtbücherei. Jetzt können die Kunstwerke, darunter auch Skizzen und Grafiken, in klimatisierten Räumen aufbewahrt und erforscht werden. Führungen werden künftig Einblick verschaffen, wie Kunstwerke gelagert und gepflegt werden. Heike Kronseder leitet mit Stellvertreterin Simone Lachmann Museum und Künstlerhaus. Zum Team gehören zusätzlich elf Teilzeitkräfte.
Den Bau habe die Stadt ohne Kreditaufnahme gestemmt, erklärte Erdings Oberbürgermeister Max Gotz bei der Einweihung. Etwa 5,3 Millionen Euro hat der Neubau gekostet, Zeit- und Kostenrahmen wurden eingehalten. Die Regierung von Oberbayern zum Beispiel unterstützte das Projekt mit rund 2,3 Millionen Euro. Insgesamt flossen gut 3,12 Millionen an Fördergeld.


Das Künstlerhaus runde als „Mosaikstein“ das kulturelle Angebot der Stadt ab, so Gotz. Das Erbe von Familie Stahl „sei eine unabdingbare Verpflichtung und eine Riesenchance“ – der Neubau solle zu einem „Ort der Ideen und des Zusammenkommens“ werden. Museum und Künstlerhaus besitzen zudem städtebaulich eine große Bedeutung, wie der OB weiter ausführte. Schließlich werde die Landshuter Straße einmal eine der zentralen Achsen von der Innenstadt zum neuen Erdinger Bahnhof am Fliegerhorst sein. Die Stadt hat sich laut OB bereits Grundstücke in der Nachbarschaft des Stahl-Areals gesichert.
Mit dem denkmalgeschützten Altbau ist der moderne Anbau durch eine Glasfuge verbunden, „wir wollten das Biedermeierhaus nicht verstecken, es sollte weiterhin von allen Seiten sichtbar sein“, erläuterte Architekt Karl Heinz Walbrunn. Die Fassade aus Kupferzinklegierung leuchtete an diesem sonnigen Frühsommertag golden. Doch das werde nicht so bleiben, betonte Walbrunn. Die Fassade werde mit der Zeit einen grünlich-gelben, dunkleren Bronzeton annehmen. Das ist natürlich gewollt. Bronze stehe per se für Kunst, so der Architekt.


Karl Heinz Walbrunn betonte, dass der Erhalt des Gartens mit dem alten Baumbestand essenziell gewesen sei. Hier sollen bei schönem Wetter wieder Workshops abgehalten werden. Tatsächlich blieben fast alle alten Obstbäume stehen. Ein morscher Birnbaum habe gefällt werden müssen, erfuhren die Gäste. Doch auch der hat seinen Platz im Garten in einer knallblauen Version gefunden. Den Stamm hat der Erdinger Künstler Harry Seeholzer alias Harry S. mit Epoxid-Harz ausgegossen und drei Figuren darauf gesetzt. „Die Birnenpflücker“ erinnern an eine alte Erdinger Legende.
Begeistert vom Künstlerhaus zeigten sich in den Reden die Erdinger Stadtbaumeisterin Elke Fischer, Landrat Martin Bayerstorfer sowie Professor Christian Schiebel von der Regierung von Oberbayern. Nach dem kirchlichen Segen spazierte plötzlich das Ehepaar Franz-Xaver und Margarete Stahl in den Saal. Reinhold Neugebauer als Tiermaler in weißem Kittel und mit Hut konnte sich nicht so recht mit dem modernen Ambiente anfreunden. Seine Frau (Karin Frei) versuchte zu vermitteln.
Blaue Bäume, blaue Pferde, abstrakte Motive oder gar eine an die Wand geklebte Banane – das soll Kunst sein? Gehört verboten, so Neugebauer alias Stahl. „Nein!“, widersprach Harry Seeholzer, der sich zu ihm gesellte. Er setzte zu einem flammenden Plädoyer für die Freiheit der Kunst an. „Kunst muss nicht jedem gefallen.“ Daher freue er sich, dass im Künstlerhaus künftig über Kunst „diskutiert und gerungen wird“.
Ab Dienstag, 21. April, sind sowohl das Museum Franz-Xaver Stahl als auch das Künstlerhaus an der Landshuter Straße 31 täglich außer Montag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos über Führungen und das Programm unter www.erding.de/museum-franz-xaver-stahl.

