InklusionDer Skiclub Erding hat den Bogen raus

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Gemeinsam auf der Piste:  Skilehrer Andreas Walter mit Goldmedaillen-Gewinner Florian Daimer (von links) und weiteren Teilnehmern beim Skilager des SC Erding 2024.
Gemeinsam auf der Piste:  Skilehrer Andreas Walter mit Goldmedaillen-Gewinner Florian Daimer (von links) und weiteren Teilnehmern beim Skilager des SC Erding 2024. (Foto: SC Erding)

In Kooperation mit der Sankt-Nikolaus-Schule trainieren Kinder und Jugendliche mit und ohne Einschränkung gemeinsam. Und das schon seit fast 30 Jahren und mit großem Erfolg.

Von Regina Bluhme, Erding

Es ist schon ungewöhnlich, wenn um diese Jahreszeit zwei Paar Ski ins Rathaus geschleppt werden. Doch in Florian Daimer und Samantha Hüttner werden an einem lauen Abend zwei der erfolgreichsten Wintersportler von Erding geehrt und die knallblauen Bretter sollen schließlich mit aufs Foto. Beide Athleten sind mit einer geistigen Einschränkung geboren und beide werden vom Skiclub Erding trainiert. Ein Beispiel, wie Inklusion gelingen kann – im Sport und darüberhinaus.

Florian Daimer, 24, und die 17-jährige Samantha Hüttner sitzen im großen Rathaussaal in der ersten Reihe, bevor Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) sie zu sich bittet, damit beide im Goldenen Buch der Stadt Erding unterschreiben. Sorgfältig setzen sie ihre Namen aufs Blatt. Eine Urkunde gibt es im Anschluss auch noch: Daimer erhält sie für seine Goldmedaille im Slalom bei den Weltwinterspielen für Menschen mit geistiger Behinderung in Turin, Hüttner hat dort Bronze im Riesenslalom gewonnen.

Die beiden sind sichtlich stolz, mindestens so stolz wie ihre Eltern, die Mitglieder vom Skiclub Erding sowie jene beiden Lehrkräfte von der Sankt-Nikolaus-Schule, die ebenfalls ins Rathaus gekommen sind. Mit der Förderschule für geistig und mehrfach behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hat alles begonnen.

Andreas Walter ist stellvertretender Skischulleiter beim SCE und von Anfang an dabei. Vor knapp 30 Jahren absolvierte seine Schwester ein Praktikum an der Schule. Sie stellte damals den Kontakt zu ihren im Skiclub Erding engagierten Brüdern her. Seither sind bei der Schulskiwoche im Dezember neben dem Schulpersonal immer Lehrer vom Skiclub Erding dabei. Längst gehören gemeinsame Skilager mit behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen zum Programm des SCE.

Unter den 900 Mitgliedern sind 20 Sportler mit einer Einschränkung

Viele Schüler von St. Nikolaus treten nach dem Abschluss dem Verein bei und nehmen weiter am gemeinsamen Skilager oder bei Special-Olympics-Aktivitäten teil oder bei Vereinsangeboten wie der Vereinsmeisterschaft, dem Jugendskilager, Tagesskifahrten, der Skigymnastik oder der Weihnachtsfeier des Skiclubs. Unter den circa 900 Mitgliedern des SCE sind laut Andreas Walter etwa 20 Sportler und Sportlerinnen mit einer Einschränkung.

Alexander Loipführer, der mit Lehrerkollegen von St. Nikolaus die Schul-Skikurse organisiert, ist zuweilen überrascht, welche Talente in den Schülern schlummern. Er erinnert sich gut an einen Jugendlichen, der nur schlecht gehen konnte, „aber der ist allen davongefahren“. Bei Samantha Hüttner „da wusste ich gleich: Die hat Talent“. Das Mädchen strahlt.

Gruppenbild mit Ski (von links):  Alexander Loipführer, Sankt-Nikolaus-Schule,  Martin Walter, Vorstand im Skiclub und heute federführend für Behindertenarbeit tätig, Oberbürgermeister Max Gotz sowie Tobi Wagner, Vorstand im Skiclub. Vorne die beiden Geehrten Samantha Hüttner und Florian Daimer.
Gruppenbild mit Ski (von links):  Alexander Loipführer, Sankt-Nikolaus-Schule,  Martin Walter, Vorstand im Skiclub und heute federführend für Behindertenarbeit tätig, Oberbürgermeister Max Gotz sowie Tobi Wagner, Vorstand im Skiclub. Vorne die beiden Geehrten Samantha Hüttner und Florian Daimer. (Foto: SC Erding)

Tatsächlich erweist sich die Kooperation von St. Nikolaus und dem SC als Erfolgsmodell: Seit Jahren stehen Schüler und Schülerinnen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen auf dem Siegerpodest, sie starteten schon in Japan, USA oder Südkorea. Bei den Weltspielen in Turin umfasste der deutsche Ski-Kader elf Sportler und Sportlerinnen. In Daimer und Hüttner kamen zwei davon aus Erding, sagt Andreas Walter nicht ohne Stolz.

Es gibt nicht viele Vereine, in denen inklusiver Skisport angeboten wird. „Am Anfang war ich schon ein wenig unsicher, wie ich mich den Kindern gegenüber verhalten soll“, räumt Andreas Walter ein. Der SCE hatte jedoch den Vorteil, dass immer Lehrer mit dabei sind, die die Schüler und ihre Handicaps genau kennen.

Der Betreuungsaufwand ist naturgemäß sehr hoch, dennoch will Walter anderen Mut machen, sich der Inklusion zu öffnen. Alleine die Begeisterung fürs Skifahren, die die Nikolaus-Schüler ausstrahlten, sei immens wertvoll: „Das steckt uns alle an.“ Zudem seien sie außerordentlich fürsorglich und sozial, „sie passen gegenseitig aufeinander auf“.

Familien mit beeinträchtigten Kindern seien in der Welt des Sports nur punktuell integriert

Vor fast genau einem Jahr hat die in Erding gegründete Hochschule für Angewandtes Management (HAM)  mit heutigem Sitz in Ismaning das Forschungsprojekt „Familiensport inklusiv“ im Landratsamt Erding vorgestellt. 1459 Familien mit beeinträchtigen Kindern wurden in der Studie befragt.  Mehr als 70 Prozent gaben an, sich inklusive „Familiengruppen-Aktivitäten mit sportlich-musischer Orientierung“ zu wünschen, so die Hochschule.

Die spezielle Zielgruppe „Familien mit körperlich, geistig, emotional und sozial beeinträchtigten Kindern“ sei in der Welt des Sports noch immer nur punktuell integriert, so Projektleiterin Sandra Müller. Die Studie solle laut der Professorin als Grundlage und Anleitung dienen, um eine inklusive Sportlandschaft, speziell für Familien, weiter auszubauen. Ende September werden die Ergebnisse der fünfjährigen Forschungsarbeit in Ismaning öffentlich vorgestellt.

Im Waldbad Taufkirchen steigt am 5. Juli ein inklusiver Familientag

Mit an Bord im Forschungsteam der HAM ist Peter Kapustin aus Taufkirchen/Vils, Sportpädagoge, Gründungspräsident von „Special Olympics Deutschland“ und Kämpfer für Inklusion. Der Professor war lange Jahre Präsident des Bayerischen Landessportverbandes (BLSV) und organisiert seit Jahren Projekte für gemeinsame Sport- und auch Freizeitaktivitäten. Das neueste: Am 5. Juli steigt im Waldbad Taufkirchen/Vils ein inklusiver Familien-Erlebnistag. Veranstalter ist das Projektteam der HAM in Kooperation mit dem dortigen „Forum Inklusion“.

Peter Kapustin wünscht sich noch mehr inklusive Aktivitäten. Wichtig sei, dass sich auf lokaler Ebene Akteure zusammentun, Bürgermeister, Behinderteneinrichtungen, Schulen und Sportvereine. „Man muss sich trauen“, sagt Andreas Walter. Das gelte auch für die Eltern: Sie müssten dem Verein vertrauen, aber auch ihren Kindern etwas zutrauen. Was dann alles gehen kann, das beweist der Weg von Florian Daimer. Als er noch klein war, habe ihr ein Arzt gesagt, ihr Sohn werde „niemals Radfahren können, niemals Skifahren können“, erinnert sich Mutter Sabine. Und jetzt? Steht ihr Sohn lachend und scherzend mit den Mitgliedern vom Skiclub beisammen, mit denen er nicht nur im Winter Skifahren geht, sondern im Sommer auch auf Radtouren.

Inklusiver Familienerlebnistag, Samstag, 5. Juli, 10 bis 16 Uhr, Waldbad Taufkirchen Vils, Eintritt: 5 Euro pro Familie, Anmeldung bis spätestens Freitag, 27. Juni, unter dem Link https://www.eventbrite.de/e/inklusiver-familien-erlebnistag-im-waldbad-taufkirchen-vils-tickets-1289562579389?aff=oddtdtcreator, weitere Infos unter www.waldbad-taufkirchen.de

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