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Erding:Im sicheren Hafen

Das Flüchtlingsrettungsschiff Alan Kurdi im Hafen von Olbia.

(Foto: Dietmar Enderlein/OH)

Dietmar Enderlein aus Erding hat auf dem Rettungsschiff Alan Kurdi angeheuert und mitgeholfen, 133 Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten

Von Regina Bluhme, Erding

Die Küstenstadt Olbia auf Sardinien liegt gut 1000 Kilometer von Erding entfernt. Das ist weit weg und doch nah: Der Erdinger Dietmar Enderlein hat Anfang September als technischer Offizier auf der Alan Kurdi , dem Rettungsschiff der Organisation Sea Eye, angeheuert und geholfen, 133 Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten und sie sicher in den Hafen von Olbia zu bringen. Aus der geplanten dreiwöchigen Mission sind mittlerweile gut fünf Wochen geworden. Der 52-Jährige wartet darauf, dass die italienischen Behörden die Quarantäne aufheben. An diesem Samstag sollte es mit der Rückkehr nach Erding klappen.

"Was hat Erding mit 133 beinahe im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlingen zu tun?", so beginnt die E-Mail, die Dietmar Enderlein von Olbia aus an die SZ Erding geschickt hat. Er wolle auf das Drama, das sich täglich im Mittelmeer abspielt aufmerksam machen, sagt er beim Rückruf am Handy. Zum Zeitpunkt des Gesprächs befindet er sich noch auf der Alan Kurdi, ab und zu saust der Wind durch die Verbindung. "Ich musste einfach was tun", erklärt Dietmar Enderlein seine Entscheidung, ehrenamtlich einige Wochen bei einer Rettungsmission der Hilfsorganisation Sea Eye mitzumachen. Seine Töchter seien schon groß und die Voraussetzungen für eine Seemission hat der IT-Manager auch. Er besitzt ein Nautikpatent und ein kleines Maschinenpatent. Anfang September stach er mit dem 38 Meter langen und 69 Jahre alten ehemaligen DDR-Forschungsschiff in Spanien in See. An Bord war Enderlein für die Wache im Maschinenraum und Wartungsarbeiten zuständig. Benannt ist das Schiff nach dem ertrunkenen, zwei Jahre alten syrischen Jungen, dessen Leichnam an der türkischen Mittelmeerküste 2015 angeschwemmt wurde. Das Foto ging damals um die Welt.

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An Bord war Dietmar Enderlein für die Wache im Maschinenraum und Wartungsarbeiten zuständig.

(Foto: Dietmar Enderlein/Sea Eye/OH)

Ziel der Alan Kurdi war die libysche Küste. Den 18. September wird Dietmar Enderlein nicht mehr vergessen. Die Crew sichtete ein völlig überfülltes Schlauchboot. 90 Menschen dicht an dicht, manche mit einem Bein im Wasser. "Die Insassen waren durchnässt und die Leute hatten nichts außer ihrer Kleidung, eine Jogginghose, ein zerrissenes Jäckchen oder T-Shirt", sagt Enderlein. "Dieses Menschen haben nichts, nichts, nichts."

Es folgten noch zwei weitere Boote. Insgesamt wurden 133 Menschen aus 17 Nationen aufgenommen, darunter ein Baby, viele Kinder, eine schwangere Frau. Er sei sich vorgekommen "fast wie in einem schlechten Hollywood-Katastrophenfilm". Ohne die Hilfe der Alan Kurdi wären sicher viele ertrunken oder von libyschen Milizen aufgegriffen worden, sagt Enderlein. Die Milizen würden Menschen in Arbeitslager verkaufen, manche seien von dort geflohen. Was diese Menschen mitgemacht hätten, sei fürchterlich. Erst nach einer achttägigen Odyssee durften alle Geretteten in Olbia von Bord, "unter einem riesigen Aufgebot von Offiziellen und Demonstranten". Die 133 Geretteten werden nun in der EU verteilt. "Ich wünsche ihnen wirklich alles Gute."

In seinem Bekanntenkreis habe es durchaus kritische Stimmen zu der Rettungsmission gegeben, sagt Enderlein. Es sei ihm unterstellt worden, dass nicht staatliche Hilfsorganisationen wie Sea Eye oder Sea Watch, als Schlepper fungieren würden. Aus den Gesprächen mit den Geretteten wisse er eins: "Sie fliehen aus ihrer Heimat mit oder ohne uns über das Mittelmeer." Man müsse davon ausgehen, dass derzeit jeder sechste die Flucht nicht überlebe, das bewege ihn sehr.

Inzwischen dauert die Mission länger als gedacht. Aus den geplanten drei Wochen sind wegen der Quarantäne im Hafen von Olbia fünf Wochen geworden. Enderlein macht sich inzwischen schon Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Italien habe die 20-köpfige Crew auf dem Schiff unter Corona-Quarantäne gestellt, "ein Vorwand", sagt der 52-Jährige am Telefon, "politische Schikane, um die Besatzungen der Schiffe von NGOs zu zermürben" - und um zu verhindern, dass sie weitere Rettungseinsätze fahren. "Während ich auf dem Schiff festsitze, ertrinken jeden Tag Flüchtlinge", das sei ein schlimmer Gedanke.

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Einer der Geretteten, der nur das dabei hatte, was er am Leib trug: eine kurze Hose und einen zerrissenen Sweater mit dem Logo von Enderleins Arbeitgeber.

(Foto: Dietmar Enderlein/Sea Eye/OH)

Dietmar Enderlein verweist dennoch auf den sicheren Hafen, den das Schiff im sardinischen Olbia gefunden habe. Hier sieht er eine direkte Verbindung zu dem Antrag, den die Grünen erst vor einer Woche im Erdinger Kreistag eingebracht haben. Sie wollen, dass sich auch der Landkreis zum "sicheren Hafen" erklärt und sich damit bereit zeigt, aus Seenot gerettet Geflüchtete aufzunehmen.

Eine Begegnung an Bord der Alan Kurdi hat den Erdinger besonders berührt. Der klatschnasse Mann, den sie soeben aus dem Meer gerettet hatten, trug nichts weiter am Leib als eine kurze Hose und einen zerrissenen Sweater mit dem Logo von Enderleins Münchner Arbeitgeber.

© SZ vom 10.10.2020

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