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Erding im ersten Jahrtausend:Neue Erkenntnisse, neue Fragen

Wo Studenten und ehrenamtliche Helfer 2017 im Boden gegraben haben, wurde früher Textil verarbeitet. Die Forschungen haben aber noch ganz andere Erkenntnisse über die Vergangenheit Erdings erbracht.

(Foto: Renate Schmidt)

Der einstige Doktorand Marc Miltz hat seine Dissertation vorgelegt und darf nun einen Doktortitel führen. Seine Forschungen zum Königshof in Altenerding haben ganz neue Erkenntnisse zum Ursprung Erdings erbracht

Von Antonia Steiger, Erding

Eine große archäologische Aufgabe in Erding ist abgeschlossen, neue warten bereits: Am Montag hat der einstige Doktorand Marc Miltz im Museum Erding seine Dissertationsschrift "Der frühmittelalterliche Herren- und Königshof von Altenerding" vorgestellt, die ihn zum Tragen des Doktortitels berechtigt. Sie werfe einige weitere Fragen auf, sagte er. Zum Beispiel die Frage, warum die Stadt Erding einige Jahrhunderte später nicht dort entstanden ist, wo dieser Königshof lag, sondern 1500 Meter weiter nördlich. Man hofft, dass sich junge Studierende für solche und andere Themen begeistern werden. Weitere konkrete Einblicke in die Geschichte Erdings erhoffen sich die Archäologen von zwei weiteren Projekten, die schon in nächster Zukunft anstehen: zwei Grabungen in der Erdinger Innenstadt.

Gut 650 Seiten inklusive Quellenverzeichnis, Katalog, Tafeln und Pläne sind die beiden Bände dick, die Miltz mit nach Erding gebracht hatte. Wer das durchlesen müsse, der tue ihm selbst ein bisschen leid, sagte er. Manches sei nur für ein ganz kleines Publikum interessant. "Aber das muss so sein." Es gehört eben auch die Katalogisierung jedes einzelnen Fundes mit Beschreibung, Fundort und Beschriftung zu so einer Dissertation. Ob Pfosten, Keramikscherbe Knochenstück oder Lehmschicht: Die Arbeit von Miltz' Team ist so genau beschrieben, wie es erforderlich ist, damit die beiden Professoren Bernd Päffgen und Sebastian Sommer die Arbeit sehr ausführlich loben konnten. Päffgen umriss noch einmal die Besonderheit dieser Forschungen: Sie hatten nicht nur zutage gebracht, wo genau dieser karolingische Königshof lag, von dessen vergangener Existenz die Historiker überzeugt waren. Noch dazu entdeckten die Archäologen aber, dass an gleicher Stelle zuvor schon eine nicht unbedeutende Befestigungsanlage gelegen ist. Diese Anlage wurde um die Jahre 660 bis 670 errichtet und kann so den damals herrschenden bayerischen Herzögen, den Agilolfingern, zugerechnet werden, wie es in einer Zusammenfassung heißt. Sie verfügte über eine doppelte Wehranlage und dazu längliche Häuser. Das sei eine Anlage, sagte Miltz, die nicht jedem Bauer gestattet war. Sie wurde dann aber "plattgemacht", die Fläche wurde neu besiedelt, dann entstand der karolingische Königshof. Warum dieser Herzoghof dem Erdboden gleich gemacht wurde und warum dort nicht Erding entstanden sei, das seien Fragen, sagte Miltz, die es noch zu beantworten gelte. Die Verlagerung des einstigen alten Erdings auf den Standort des jetzigen Erdings sei ein "politscher Akt" gewesen, sagte Professor Sebastian Sommer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Nachgewiesen haben die Forscher zudem die Verbindung zwischen der herzoglichen Anlage am Gaugrafenweg und einem großen Friedhof mitsamt Kirche auf dem Petersbergerl auf der anderen Seite der Sempt. Auf dem Friedhof wurden zwischen der Mitte des 7. Jahrhundert und circa dem Jahr 900 beigabenlose Gräber bestattet. Die unerwartete Datierung des Kirchhofs und die "spektakuläre Befestigungsanlage" aus der Agilolfingerzeit werde "auch außerhalb Erdings in der frühmittelalterlichen Forschungslandschaft noch länger diskutiert" werden, heißt es in einem Pressetext zu der Veranstaltung. Zusammenfassend lasse sich sagen, dass der direkte Vorgänger der Stadt Erding zum ersten Mal lokalisiert, beschrieben und historisch eingeordnet werden konnte.

Die Fachleute hatten weiteres Lob zu verteilen: Es traf die Arbeit des Museums Erding unter seinem Leiter Harald Krause, die Arbeit des Stadtheimatpflegers Wilhelm Wagner und die des Archäologischen Vereins, Letztere beiden unterstützen die Forschungen auf ehrenamtlicher Basis. Und auch die Unterstützung durch die Stadt Erding. Das Beispiel Erdings werde herumgereicht auf Tagungen und Symposien, um zu erläutern, wie es gehen könne, sagte Sommer. Nicht nur mit einer finanziellen Förderung durch die Stadt für das Forschungsprojekt "Erding im ersten Jahrtausend", sondern auch weil es in Erding akzeptiert sei, dass vor dem Bauen erst einmal ausgegraben werde. Die insgesamt positive Stimmung mache das Arbeiten einfach, sagte Professor Sebastian Sommer, vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. OB Max Gotz gab das Lob zurück: Die Akteure hätten es geschafft, eine Atmosphäre in Erding zu schaffen, um die Geschichte wachzuhalten. Nicht nur bei den alteingesessenen Erdingern, sondern auch bei denjenigen, die nach Erding ziehen. Sie könnten nun auf eine "wissenschaftlich fundierte Lokalgeschichte" zurückblicken, wie es in dem Pressetext hieß.

Und es wird weitergehen mit dem Erkenntnisgewinn: Zwei große Ausgrabungen mitten in der Stadt stehen kurz bevor: eine am Friedberger-Eck, wo kürzlich das alte Friedberger-Haus abgerissen worden ist, und eine neben dem Eiscafé Krönauer am Ende der Langen Zeile, eine Baustelle, auf der nun schon seit langer Zeit nichts passiert ist. Nun werden sich erst einmal die Archäologen damit befassen. Und auch wenn Miltz die Archäologie als "Bodendenkmalpfleger" beruflich von der Verwaltungsseite her begleiten wird, wie Sommer sagte, ist er Feuer und Flamme: Gerade die Fläche neben dem Krönauer sei "eine ganz große Sache", sagte Miltz. Dort verläuft der Stadtwall. Die Archäologen verknüpfen mit dortigen Grabungen die Hoffnung auf neues Wissen über die Stadtgeschichte.

© SZ vom 11.05.2021
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