Sie sind Ärztinnen, Auszubildende oder Rentnerinnen und sie sorgen als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Erdinger Frauenhauses und des Frauennotrufs dafür, dass diese Stellen rund um die Uhr erreichbar sind. Die Aufgabe erfordert Einfühlungsvermögen und Nervenstärke, denn wenn es klingelt, ist klar: Am anderen Ende der Leitung befindet sich ein Mensch in höchster Not.
„Das Wichtigste ist vor allem Empathie und die Fähigkeit, zuzuhören“, sagt Steffi Irmscher-Grothen, die Leiterin der Frauenbereiche des BRK-Kreisverbands Erding. Sie ist zuständig fürs Frauenhaus, den Frauennotruf und die Interventionsstelle im Landkreis. Zuhören, beraten, Kontakt zu Hilfsstellen herstellen – im Fall des Falles einen Platz im Frauenhaus organisieren und trotz aller Empathie einen kühlen Kopf bewahren, so lautet die Jobbeschreibung. Zu den Aufgaben gehört die Übernahme der Rufbereitschaft außerhalb der regulären Arbeitszeiten abends und an den Wochenenden.
Alle Ehrenamtlichen werden umfangreich geschult, zum Beispiel über die unterschiedlichen Formen der Gewalt – der physischen mit sichtbaren Spuren sowie der psychischen, sexualisierten und wirtschaftlich-ökonomischen Gewalt. Es gibt einen regelmäßigen Austausch zwischen Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen, eine fortlaufende fachliche Begleitung, interne Schulungen sowie Supervisionen. Denn die Aufgabe ist herausfordernd, kein Zweifel.
Gelegentlich meldeten sich Frauen mit dem Hinweis, sie würden gerne mitarbeiten, denn sie hätten selbst schon Gewalt erfahren. „Das ist ungünstig, denn mitunter werden diese Frauen dann neu getriggert“, warnt Irmscher-Grothen.


Aktuell sind elf Ehrenamtliche engagiert, darunter Anwältinnen, Krankenschwestern, Auszubildende, Rentnerinnen und eine Architektin. „14 könnten wir gut brauchen“, sagt Irmscher-Grothen. Das unentgeltliche Engagement wird dringend benötigt. Das Geld ist knapp. Zehn Prozent der Kosten übernimmt das BRK. Das Gros zahlt der bayerische Staat, doch die Zuwendungen sind nicht kostendeckend.
Sie sei daher dankbar, sagt Steffi Irmscher-Grothen, dass das Defizit jedes Jahr durch den Landkreis aufgefangen werde. So hatte der Kreisausschuss Ende 2024 die Übernahme des Defizits für Frauenhaus, Frauennotruf und Interventionsstelle gebilligt. Fürs Frauenhaus ergaben sich für das Jahr ungedeckte Betriebsaufwendungen in Höhe von 174 000 Euro. Zum Glück interessierten sich der Landkreis, Kreistag und Landrat, „sehr für unsere Belange“. Das gelte auch für die Stadt Erding selbst. Auf Initiative engagierter Stadträtinnen organisiert das BRK auch heuer wieder einen Safe Point für Frauen auf dem Erdinger Herbstfest.
Das Frauenhaus ist voll belegt. Zieht eine Frau aus, wartet schon die nächste auf den Platz
Fünf Plätze hat das Frauenhaus Erding. Es gibt ein Einzel- und vier Familienzimmer. „Wir sind voll belegt. Zieht eine Frau aus, steht die nächste in der Tür“, erklärt Irmscher-Grothen. Im Schnitt bleiben die Frauen zwischen drei und sechs Monaten. Bis Ende Juni wurden 19 Frauen und 15 Kinder betreut – so viel wie im ganzen Jahr 2024 „und wir haben noch ein halbes Jahr vor uns“. Acht Festangestellte kümmern sich um die Frauen. Neben Diplom Reha-Psychologin Irmscher-Grothen gibt es Sozialpädagoginnen und -arbeiterinnen, eine Erzieherin und neuerdings eine Werkstudentin.
Der Frauennotruf verzeichnet heuer bisher 173 Beratungen. Einen deutlichen Anstieg verzeichnet die Interventionsstelle – ein Beratungsangebot, bei denen ein Polizeieinsatz stattgefunden hat. Nur wenn die betroffene Frau zugestimmt hat, findet eine Kontaktaufnahme statt. „73 Mal wurden wir bis jetzt kontaktiert“ – so oft wie noch nie.

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Das Frauenhaus stelle Opfern von Gewalt und deren Kindern einen Schutzraum zur Verfügung, in dem sie sich stabilisieren könnten, sagt Irmscher-Grothen. Für Kinder versuche das Haus, eine Reittherapie zu organisieren. Für die Mütter hätten sich die beiden Therapiehunde von BRK-Pressesprecherin Danuta Pfanzelt als Glücksfall erwiesen. Im Umgang mit den Hunden lernten die Frauen, wieder Verantwortung und Führung zu übernehmen.
Als „nächsten idealen Schritt“ nennt Irmscher-Grothen Second Stage. Das Projekt, 2019 als Modell im Landkreis begonnen und seit 2023 in der Regelförderung, soll Frauen beim Übergang vom Frauenhaus in den Wohnungsmarkt ein sicheres Umfeld bieten. In einem ehemaligen Bed-and-Breakfast-Haus, das dem BRK von einem Ehepaar zu einem guten Mietpreis überlassen worden ist, sind drei eigenständige Wohnungen eingerichtet. Zwölf Monate können die Frauen dort bleiben und sich auf ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden vorbereiten.
Allerdings sei es nahezu unmöglich, im Anschluss eine erschwingliche Wohnung in Erding zu finden, weiß Irmscher-Grothen. Eine Klientin habe sich 501 Mal um Wohnungen beworben, bis es dann klappte. Die schwierige Suche vergrößere die Gefahr, dass Frauen wieder nach Hause zum Täter ziehen. Im vergangenen Jahr seien von 24 betreuten Frauen vier zum gewalttätigen Partner zurückgegangen.
Wenn sie ein paar Wünsche freihätte, dann würde sich Steffi Irmscher-Grothen mehr Verständnis für das Thema „Häusliche Gewalt“ wünschen und „dass die Frauen aus dem Frauenhaus nicht stigmatisiert werden“. Zudem wünsche sie sich mehr Anerkennung für die Mitarbeiterinnen und weniger Bürokratie, ausreichende finanzielle Mittel – und erschwingliche Wohnungen.
Frauen, die sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit oder weitere Informationen interessieren, können sich bei Steffi Irmscher-Grothen melden unter Telefon 08122/5537791 oder per E-Mail unter frauennotruf@kverding.brk.de.

