Süddeutsche Zeitung

Erding:Handstand im Wohnzimmer

Viele Sportarten fallen Corona-bedingt ins Wasser. Die Trainer versuchen, Kinder und Jugendliche mit Online-Training bei der Stange zu halten. Doch die Austrittsquote ist so hoch wie nie

Von Julian Illig, Erding

Was haben Turnen, Schwimmen, Eiskunstlauf und Karate gemeinsam? Nicht viel eigentlich, aber seit November hatten es Kinder und Jugendliche schwer, diese Sportarten auszuüben. Den Turnern fehlen die Geräte, den Schwimmern das Wasser, den Eisläufern das Eis und den Karatekas fehlen die Matten und Trainingspartner. Tatsächlich versuchen die Vereine im Landkreis, das ausgefallene Training bestmöglich zu ersetzen und bieten Online-Training an. Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen nehmen dieses Training gut an und sind regelmäßig dabei, schätzen die Vereine.

Also stehen die Mädchen und Jungs in ihren Kinderzimmern und schauen auf ihre Bildschirme. Die Sportarten dürften sich auch inhaltlich noch nie so ähnlich gewesen sein. Viermal die Woche eine Stunde lang, schildert Ralf Alscher, Trainer bei den TSV Delphinen in Erding, macht er mit seinen Schwimmern online Krafttraining. "So fit waren die noch nie", sagt er, aber das Wasser vermissen sie natürlich schon, Technik trainieren können sie nicht. Ein paar seien den ganzen Winter über mit Neopren-Anzug im Kronthaler Weiher geschwommen, so sehr hätte ihnen das Wasser gefehlt. Beim ESC Dorfen machen die Eiskunstläufer dreimal in der Woche Übungen zu Athletik, Kraft und Beweglichkeit und üben die Sprünge trocken. Das sei "eigentlich eine Übergangslösung", sagt Trainerin Jennifer König, "jetzt ist das die Dauerlösung." Und auch die Turner beim TSV Dorfen 1869 und beim TSV Erding absolvieren Kraftübungen, Dehnübungen und ein paar turnerische Grundlagen zu Hause. "Dass ich im Wohnzimmer Handstand übe, okay, aber das wird irgendwann langweilig", sagt Petra Djermester, Trainerin in Dorfen. Einige haben einen Boxsack daheim, sagt Heinz Kulse, Karatetrainer in Taufkirchen, ansonsten machen sie Übungen und schicken sich gegenseitig Videos. "Man muss mit jeder Situation klarkommen, also auch mit Corona."

Sorgen machen sich die Trainer vor allem um diejenigen, die nicht beim Online-Training dabei sind. Einige sind in andere Sportarten abgewandert, die sie draußen machen können, Laufen, Radfahren, Leichtathletik, auch Fußball. "Wir haben eine Austrittsquote von 30 Prozent gehabt zum Ende des Jahres", schildert Brigitte Biener, Turntrainerin in Erding, es gebe einfach keine Perspektive. Und auch Nachwuchs meldet sich im Moment eher nicht für einen Sportverein an, bei dem er dann den Sport noch nicht einmal ausüben darf. Aber auch bei denen, die schon dabei sind, hat nicht jeder Lust auf das Online-Training. Bei manchen fehlen die technischen Voraussetzungen, andere wollen einfach nicht noch eine Online-Veranstaltung haben, zusätzlich zur Schule. "Die sitzen eh schon den ganzen Tag zu Hause, und dann ist das Training auch noch online", sagt König. Wenn die Kinder im Wohnzimmer Handstand machen, ist das auch nicht von allen Eltern erwünscht. Manche würden "nur noch Fingergymnastik machen", meint Klaus Kellner, der die Turnbuben in Dorfen trainiert. Einige seien einfach auch deprimiert, "die Freunde gehen ab".

"Je länger das Ganze andauert, umso schwieriger ist es, an die Kinder ranzukommen", sagt seine Kollegin Djermester. "Die zeigen es nicht so, aber ich glaube, denen geht es nicht so gut", schildert König ihren Eindruck von den Eisläufern, die sie betreut. "Unter dem Strich betrachtet leiden alle, manche waren schon still, jetzt sind sie noch stiller", stellt Simone Blumoser von Triathlonverein Trisport Erding fest. "Uns Trainern blutet das Herz." Die Trainer sorgen sich auch darum, dass manche gar nicht mehr kommen und sie den Halt, den der Sport ihnen vor Corona geben konnte, verloren haben.

Die, die das Online-Training mitmachen, schalten sich dafür sehr regelmäßig mit dazu. "Die sind super motiviert, viel fleißiger und öfter dabei als in der Halle", sagt zum Beispiel Turntrainerin Biener. Die Basics, die sie jetzt trainieren, seien sicher auch eine gute Voraussetzung, um dann wieder einsteigen zu können. Und die Trainer bemühen sich, den Sport so spannend zu machen, wie das im Moment geht. Sie machen kleine, interne Wettkämpfe - "Wer kann länger im Handstand stehen?" - und geben den Kindern und Jugendlichen auch mal ein paar Minuten vor oder nach dem Training, damit diese sich austauschen können. Für viele geht es ja beim Sportmachen auch darum, Kontakt zu haben und Zusammenhalt zu spüren. Das versuchen die Trainer so gut es eben geht, online zu ersetzen, auch wenn das schwierig ist, wenn die persönliche Geste und Körperhaltung fehlen.

Wie wichtig Sport und Bewegung für die Kinder und Jugendlichen sind, betonen alle gleichermaßen. Viele Kinder bewegen sich sowieso schon zu wenig, dabei ist das auch als Ausgleich zur Schule wichtig. Der Sport "gibt Halt und Ziele, fördert die jungen Menschen geistig und körperlich, fördert Gemeinschaft und Freundschaft, Disziplin, ist Schule fürs Leben, und hält sie davon ab ,auf dumme Gedanken' zu kommen", fasst Maren Traut, Abteilungsleiterin für Eiskunstlauf in Dorfen, zusammen. Und so sehnen sich alle danach, die Geräte wieder zu spüren, das Eis unter den Kufen zu fühlen, das Wasser zu genießen und miteinander wieder Sport machen zu können. "Wenn ich übermorgen sage, jetzt ist Training, stehen alle auf der Matte", ist Karatetrainer Kulse überzeugt. Nur wann dieses "Übermorgen" sein wird, das weiß niemand im Moment.

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SZ vom 04.05.2021
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