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Befreiung im Landkreis:Ausgebeutet und vergessen

Am 1. Mai geht eine Datenbank online, die den vielen tausend Zwangsarbeitern im Landkreis während der NS-Zeit ein Denkmal setzt. Das Portal informiert, bietet Anhaltspunkte, um Familiengeschichte zu erforschen, und zeigt, welche wirtschaftliche Rolle Zwangsarbeit spielte

Von Florian Tempel, Erding

Der Tag ist mit Bedacht gewählt. An diesem Freitag jährt sich zum 75. Mal die Befreiung Erdings durch US-Truppen, die am 1. Mai 1945 in die Stadt und den Landkreis kamen, den Zweiten Weltkrieg und damit auch das lokale NS-Regime beendeten. Eine Befreiung "war es vor allem für die Ausländer", sagt der Erdinger Historiker Giulio Salvati. Und es gab sehr, sehr viele von ihnen damals in der Stadt und dem Landkreis.

Salvati, der schon seit Jahren über Zwangsarbeiter in der NS-Zeit forscht, hat mit neun Freiwilligen eine Datenbank aufgebaut, die Auskunft über circa 4000 Frauen, Männer und Kinder gibt, die unter Zwang ihre Heimat verlassen musste, um hier in Fabriken und in der Landwirtschaft zu schuften. Ihr Schicksal ist tausendfach, aber die Ausgebeuteten sind bislang weitgehend ignoriert worden. Die Datenbank mit ihren Namen, Arbeitgebern und Einsatzorten, die nun freigeschaltet wird, gibt den Vergessenen ein digitales Denkmal.

In Kooperation mit dem Museum Erding haben Salvati und seine freiwilligen Helfer - Brigitte Limbrunner, Christine Schreindorfer, Franz Weber, Georg Winkens, Helmut Bungart, Herta Brydon, Peter Willim, Schorsch Wiesmaier und Thorsten Emmert - alle auffindbaren "Arbeitskarten" des damaligen Arbeitsamts Freisings, Außenstelle Erding, erfasst. Die Karteikarten enthalten in erster Linie knappe Informationen zur Biografie der Zwangsarbeiter. Nicht alle, aber mehr als die Hälfte sind mit einem Foto versehen. Manche zeigen akkurat gescheitelte Männer in Anzug und Krawatte und frisch frisierte Frauen im Sonntagskleid. Auf anderen hat man ärmlich gekleideten Menschen ein Nummernschild auf die Brust gehängt. Diese Fotos waren eben auch erkennungsdienstliche Maßnahmen wie bei Kriminellen, amtlich abgestempelt mit einem Reichsadler, der in seinen Klauen einen Eichelaubkranz mit Hakenkreuz trägt. "Ein Name ist ein Anfang", sagt Salvati, "ein Bild zu sehen ist schon mehr, etwas über die Lebensgeschichte zu erfahren, das Ziel."

Die Datenbank mit freiwilligen Helfern zu erstellen, war bereits ein wichtiger Teil des Projekts. Im Umgang mit den Karteikarten tritt man nach mehr als 75 Jahren in einen erstaunlich nahen Bezug zu Personen und Schicksalen, die einem zuvor sehr fern waren. Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Menschen im Landkreis Erding, die aus ihren eigenen Familiengeschichten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern meistens nur wenige unscharfe Dinge wissen.

Während der Arbeit an der Datenbank bekam Salvati zum Beispiel eine Anfrage einer Frau aus Taufkirchen. Ihr Vater habe in den letzten Jahren vor seinem Tod immer wieder von einer Zwangsarbeiterin auf dem heimischen Hof erzählt. Die Taufkirchenerin wusste den Namen nur noch ungefähr. In der Datenbank war die junge Frau, die Eindruck hinterlassen hatte, dann aber leicht zu finden: Maria Tscheneschenko aus einem kleinen Ort im Kreis Kiew in der Ukraine, geboren am 22. März 1922. Die Taufkirchenerin hat nun ein Bild von ihr. "Darum geht es", sagt Salvati, "dass man eine Verbindungslinie, die man oft schon halb vergessen hatte, wieder herstellen kann." Nachkommen können so Anhaltspunkte finden, um sich mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen, ganz gleich, ob sie aus dem Landkreis oder aus dem Ausland stammen.

4000 Dokumente

zur Zwangsarbeit im Landkreis Erding warten noch im Staatsarchiv München darauf, erfasst und ausgewertet zu werden. Das Datenbankprojekt kann aber erst ausgebaut werden, wenn die Finanzierung gesichert ist. Alleine die etwas mehr als 2000 Fotos von den Karteikarten der Zwangsarbeiter in die Datenbank zu implementieren, kostet schon ungefähr 1000 Euro.

In der Datenbank lässt sich auf verschiedene Weise suchen. Man kann auch die Namen der Arbeitgeber eingeben und nach Einsatzorten suchen. In der ersten Kriegsjahren waren viele ausländische Arbeitskräfte noch mit richtigen Verträgen und Anspruch auf Urlaub in westeuropäischen Staaten angeworben worden. Von 1942 an wurden zunehmend Polen, Ukrainer und Russen aus ihrer Heimat verschleppt. Eine Fahrt des damaligen Leiters des Freisinger und Erdinger Arbeitsamts in die Ukraine zum Zweck der Beschaffung von Landarbeitern ist dokumentiert.

Viele Bauern und Unternehmer im Landkreis Erding - Salvati und sein Team haben etwa 1200 Betriebe und Höfe als Einsatzorte herausgefunden - haben von Zwangsarbeitern profitiert. Sie taten das unabhängig davon, ob sie der verbrecherischen Ideologie der Nationalsozialisten freundlich oder feindlich eingestellt waren, und unabhängig davon, ob sie nur die Produktion aufrecht erhalten wollten oder aus Überzeugung gehandelt haben. Das ist ein weiterer Aspekt der Datenbank: die Rolle der Zwangsarbeit für die lokale Wirtschaft erkennbar zu machen.

Giulio Salvati forschte zur Zwangsarbeit für die - verschobene - Ausstellung im Museum Erding "Erding 1945 - wessen Heimat?"

(Foto: Claudio Salvati/oh)

Im Landkreis Erding ist nun erstmals das Kapitel Zwangsarbeit während der NS-Zeit sichtbar gemacht. Was auch eine "offene Diskussionskultur fördern soll", wünscht sich Salvati. Nicht zuletzt vernetzt das Projekt die historische Forschung auf lokaler, landesweiter und internationaler Ebene. Auf dem Internetportal erding-geschichte.de gibt es auch Links zu anderen Initiativen und Projekten.

Zur Datenbank zu den im Landkreis Erding eingesetzten Zwangsarbeitern gelangt man über www.erding-geschichte.de. Dort gibt es auch eine Videoeinführung, in der Giulio Salvati das Projekt, die Datenbank und die Suchmöglichkeiten erklärt.

© SZ vom 30.04.2020

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