bedeckt München 17°

Anonyme Bestattungen in Erding:Namenlos von dieser Welt gehen

Auf goldenen Tafeln stehen die Namen jener Toten, die sich auf dem städtischen Friedhof teilanonym bestatten lassen.

(Foto: Renate Schmidt)

Anonyme oder teilanonyme Bestattungen werden häufiger. Eine Art der Beisetzung, die auch Kritik erntet.

Still ist es in der Abteilung III des städtischen Friedhofs an der Itzlinger Straße. Stiller als auf einem Friedhof ohnehin schon. Niemand läuft zwischen den Gräbern herum, niemand trägt eine Gießkanne bei sich, aus der Wasser schwappt, niemand jätet Unkraut oder pflanzt Blumen. Grabpflege ist in der Abteilung III nicht vorgesehen. Denn seit Juli gibt es hier die Möglichkeit, sich anonym oder teilanonym bestatten zu lassen. Menschen erhalten kein eigenes Grab. Ihre Urnen werden stattdessen in der Wiese vergraben. Wo genau, das ist bei der anonymen Bestattung nur der Friedhofsverwaltung bekannt. Gräber werden nicht gekennzeichnet, Hinweise auf Verstorbene gibt es nicht. Die Urnen sind aus biologisch abbaubarem Material, und nach einer Ruhefrist von 15 Jahren werden die Gräber neu vergeben. Nur wer möchte, kann seinen Namen auf einer kleinen Tafel hinterlassen - teilanonym nennt sich das dann. Doch auch diese Namen stehen dort nicht für die Ewigkeit. Nach 15 Jahren werden auch sie entfernt. Allerdings wissen die Angehörigen bei der teilanonymen Bestattung zumindest, wo genau der Tote begraben liegt, und dürfen der Beisetzung beiwohnen.

Es ist eine neue Möglichkeit der Bestattung, die Erding aufgrund der hohen Nachfrage geschaffen hat. Mussten Menschen, die sich bestatten lassen wollten, ohne ihren Angehörigen ein Grab zu hinterlassen, bisher auf Naturfriedhöfe ausweichen, können sie nun auch mitten in Erding begraben werden. "Viele Menschen haben heute nicht mehr die familiäre Situation, dass Leute sich vor Ort kümmern können", erklärt Bestattermeister Karl Albert Denk den Wunsch nach einer solchen Form der Beisetzung. "Entweder weil die Familie nicht an einem Ort wohnt oder aber weil manche Menschen gar nicht mehr so vernetzt sind. Die Grabpflege ist aufwendig, und manche möchten ihren Hinterbliebenen keine Arbeit machen." Auch die Kosten für einen Grabstein, ein Grab an sich und eine mögliche Grabpflege fallen hier weg. Eine teilanonyme Bestattung kostet einmalig 716 Euro, eine anonyme Bestattung 599 Euro.

In dem Urnenhain liegen die Toten begraben. Wo genau, das ist bei der anonymen Bestattung nur der Friedhofsverwaltung bekannt

(Foto: Renate Schmidt)

Mit der neuen Abteilung III auf dem Friedhof an der Itzlinger Straße scheint es so, als hätte sich auch das Sterben dem Geist der Zeit angepasst und wäre moderner, schlichter und kühler geworden. In der Mitte der Wiese, auf der sorgfältig ein paar Bäume gepflanzt wurden, steht ein Rund mit Bänken. Der Blick jener Menschen, die sich dort niederlassen, ist auf die Wiese, auf die Gräber gerichtet. Und auf die Stelen für die teilanonymen Bestattungen. Hohe Steine, in die goldene Tafeln eingelassen sind. Ein Name. Ein Geburtsdatum. Mehr Platz wird der Erinnerung an einen Menschen nicht eingeräumt.

Oder doch? Am Rand der Rasenfläche schaut ein Stückchen freie Erde hervor. Dort müssen die ersten Menschen, die sich in Erding teilanonym begraben ließen, liegen. Sieben waren es im ersten Monat Juli laut Standesamt. Und irgendjemand hat gleich die Regeln gebrochen: Auf einem Stück frisch aufgeschütteter Erde steht eine kleine Schale mit Blumen. Aus dem Gedeck schaut ein Vogel heraus. Ganz so, als wollten sich manche Menschen dieser neuen, modernen Art der Bestattung doch noch nicht anpassen.

Platz für eine solche Form der Individualität ist hier jedoch nicht vorgesehen. "Widerrechtlich angebrachte Grabmale oder sonstige Ausstattungen sowie Blumen werden von der Stadt entfernt", heißt es bei der Friedhofsverwaltung. Das Grabfeld besteht aus einer einheitlichen Rasenfläche, die die Friedhofsverwaltung gärtnerisch betreut. Eine Kennzeichnung der Grabstätten gibt es nicht, und auch sonst weist nichts auf die Verstorbenen hin, außer der Namenstafeln jener Toten, die sich teilanonym bestatten ließen.

"So tickt der Mensch. Er braucht einen Ort, wo er sich an einen geliebten Menschen erinnern kann"

Karl Albert Denk empfindet es als wichtig, dass es diese Stelen gibt. Anonymen Bestattungen steht er kritisch gegenüber und plädiert für die teilanonyme Beisetzung. Sollte bei Menschen der Wunsch nach einer anonymen Bestattung aufkommen, würde er sie erst einmal über die Alternativen aufklären. Wenn den Menschen dann klar würde, dass eine teilanonyme Bestattung nicht mehr Aufwand für die Hinterbliebenen bedeutet, sei der Wunsch nach der anonymen Bestattung auch gar nicht mehr da, so Denk. Dass Menschen sich für die teilanonyme Bestattung entscheiden, "forcieren wir ganz stark", sagt er. "Es ist wichtig, dass Angehörigen ermöglicht wird, an das Grab zu gehen. Es ist wichtig, dass Hinterbliebene einen Platz haben, an dem sie dem Verstorbenen gedenken können. Man wird Angehörigen und Verstorbenen gerecht, wenn man ihnen ermöglicht, nicht namenlos von dieser Welt zu gehen."

Ähnlich sieht das auch Christoph Vogler, Pfarrer der katholischen Kirche Mariä Verkündigung in Altenerding. "Wir legen sehr viel Wert auf das Gedenken", sagt er. Dafür sei es wichtig zu wissen, wo ein Mensch begraben liegt. "Uns geht es darum, dass ein Ort des Gedenkens erhalten bleibt. Denn so tickt der Mensch. Er braucht einen Ort, wo er sich an einen geliebten Menschen erinnern kann." Zudem erscheine ihm eine anonyme Bestattung als würdelos. "Jeder ist von Gott gerufen", sagt Vogler. "Jeder hat vor Gott einen Namen, bei dem Gott uns ruft." So sollte der Name des Verstorbenen auch irgendwo stehen. Generell spricht man bei der katholischen Kirche von der "Tendenz zum schnellen Entsorgen, bei dem die Würde des Verstorbenen keine Rolle mehr spielt."

Kultur in München Weltentrückt im Diesseits
200 Jahre städtische Friedhöfe

Weltentrückt im Diesseits

In München gibt es 260 000 Grabstätten. Als kulturelle Orte sind die Friedhöfe kaum weniger bedeutsam als Schlösser und Museen. Ein Rundgang.

Laut Standesamt werden auch größtenteils teilanonyme Bestattungen gewählt und in Erding wurden bisher ausschließlich solche durchgeführt. Anonyme Bestattungen gab es noch keine im Urnenhain des städtischen Friedhofs.

Feierlichkeiten schließt diese Form der Bestattung allerdings nicht aus. Trauerfeiern kann es ebenso geben wie bei anderen Beisetzungen. Doch nur bei den teilanonymen Bestattungen können Angehörige an der Beisetzung teilnehmen und wissen somit auch wo die Urne begraben liegt. Bei der anonymen Bestattung erfolgt die Beisetzung nicht im Beisein der Angehörigen.

Dies bestätigt auch Andrea Oechslen, Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Erding. Sie selbst hat bereits einmal außerhalb von Erding eine Trauerfeier zu einer anonymen Bestattung gehalten. Alles habe einer ganz normalen Trauerfeier geglichen, sagt sie. Der Unterschied habe darin bestanden, dass man nicht mit zum Grab gegangen sei.

"Grundsätzlich ist es richtig, dass diese Möglichkeit geschaffen wird", sagt Oechslen. "Es kann nicht sinnvoll sein, dass ein Mensch, der anonym begraben werden will, weit weg fahren muss, um diese Möglichkeit zu haben. Das ist nun mal eine Realität, dass es diesen Wunsch gibt." Dennoch unterscheidet auch Andrea Oechslen zwischen der anonymen und der teilanonymen Bestattung. "Der Wunsch der anonymen Bestattung an sich ist etwas Trauriges", sagt sie. "Weil der Mensch davon ausgeht, dass niemand um ihn trauert. Das ist ein Zeichen der Vereinsamung." Dies unterscheide sich aber von dem Wunsch, mit einem Grab den Angehörigen nicht zur Last fallen zu wollen, ein Grab als Zumutung zu empfinden und Rücksicht nehmen zu wollen. "Tatsächlich ist das zunehmend ein Problem", sagt die Pfarrerin. "In der heutigen Zeit wohnen Eltern oft woanders als ihre Kinder und dass Angehörige sich dann nur schwer um das Grab kümmern können, muss man ehrlich anerkennen." Sich teilanonym bestatten zu lassen "ist eine bewusste Entscheidung, niemanden zu belasten."

Kinder und Familie in München "Der Tod eines Babys ist noch immer ein Tabuthema"

Sternenmütter in München

"Der Tod eines Babys ist noch immer ein Tabuthema"

Vor sieben Jahre hat Daniela Nuber-Fischer ihre Tochter verloren. Heute will sie anderen Eltern, deren Babys vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, Kraft und Zuversicht geben.   Von Kathrin Aldenhoff