Gedenken:"Freiwillig flüchtet niemand"

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Gedenken: Die Mahnwache auf dem Schrannenplatz

Die Mahnwache auf dem Schrannenplatz

(Foto: Renate Schmidt)

300 Menschen gedenken in einem ökumenischen Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche allen auf der Flucht ums Leben gekommenen. Mit einer Mahnwache auf dem Schrannenplatz appellieren sie gegen das Vergessen

Von Jan-Hendrik Maier, Erding

Mehr als 50 Millionen Menschen befinden sich nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht, und es ist unklar, wie viele dabei ums Leben kommen. Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Erdinger Stadtpfarrkirche St. Johannes und einer Mahnwache am Schrannenplatz gedachten am Dienstagabend etwa 300 Menschen den Opfern und ihren Angehörigen und appellierten gegen das Vergessen. Dazu aufgerufen hatten die ehrenamtlichen Helfer der Aktionsgruppe Asyl im Landkreis Erding (AGA). 80 Asylsuchende aus Afghanistan, Syrien und Eritrea, die im Landkreis Zuflucht gefunden haben, lasen Erklärungen vor, warum sie ihr Heimatland verlassen haben. Ihre gemeinsame Botschaft: "Freiwillig flüchtet niemand."

Jeder Tag beginne mit Angst vor Selbstmordanschlägen, und es sei ungewiss, ob man am Abend wieder nach Hause komme, hieß es im Text der Afghanen. Die Taliban zerstören Tradition und Geschichte und "schlachten ethnische Minderheiten wie Tiere ab". Wenn der Vater sterbe, müsste die Familie auf der Straße "ums blanke Überleben kämpfen". Es gebe keine Zukunft in ihrem Land. Die syrische Gruppe machte auf die beschwerlichen Umstände der Flucht aufmerksam. In der Türkei angekommen, würden sich viele für den kürzeren, aber gefährlicheren Seeweg über die Ägäis entscheiden. Andere würden vom kalten Winter auf dem Balkan überrascht und in den Wäldern erfrieren. An der bulgarischen Grenze drohten Übergriffe von Banden, die Polizei zwinge Flüchtlinge zur Abgabe von Fingerabdrücken, um ihre Abschiebung zu erleichtern. "Wir werden auf der Flucht mitten in Europa zum zweiten Mal Opfer." In Eritrea ist die Freiheit stark eingeschränkt: Staatschef Isayas Afewerki verbiete jegliche Opposition. Selbst seinen eigenen Aufenthaltsort dürfe man nicht frei wählen. Willkürliche Verhaftungen seien alltäglich. Auch Frauen und Kinder müssten für unbestimmte Zeit Militärdienst leisten. "Wir riskieren unser Leben für ein menschenwürdiges Dasein."

"Mit Gastfreundschaft begegnen"

Der evangelische Pfarrer Daniel Tenberg stellte in den Mittelpunkt seiner Ansprache das gegenseitige Annehmen, das "scheinbar immer noch ein großes Problem für die Welt" sei. Alle Menschen sollten sich miteinander dafür einsetzen, dass es in allen Erdteilen lebenswert ist, und jenen, die ankommen, mit Gastfreundschaft begegnen. Am Beispiel seiner Familie erinnerte Tenberg an die Vertreibung in Viehwaggons nach dem Zweiten Weltkrieg und die "ständige Angst vor dem Tod". Er fragte: "Und wie ist es heute, wenn Flüchtlinge mit dubiosen Schleppern in überfüllten Schlauchbooten auf dem Mittelmeer sitzen, in der Hoffnung, das gelobte Land Europa zu erreichen?" Dekan Reinhold Föckersperger lobte den Einsatz der AGA: "Sie schaffen es, dass sich die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft geborgen fühlen." Als Ausdruck der Verbundenheit wurde das Vater Unser auf Arabisch, Farsi, Tigrinya - einer von neun eritreischen Landessprachen - und Deutsch gesprochen. Bei einem Stehempfang im Pfarrhaus kamen die Besucher anschließend ins Gespräch mit den Asylsuchenden. Maria Brand von der AGA sagte: "Es ist sicherlich für viele ein Anliegen, sich gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit einzusetzen."

Um 21 Uhr versammelten sich etwa 150 Menschen zu einer Mahnwache auf dem Schrannenplatz. Sie stellten rote und weiße Grablichter sowie auf Kohlepapier gezeichnete Kreuze auf den Boden. Auf einem Transparent stand: "Wir klagen das ständig wachsende Grab im Mittelmeer an." Dazu ein Kreuz, ein Davidstern sowie eine Mondsichel mit fünfzackigem Stern - Symbole der drei großen monotheistischen Religionen. Auf weiteren Plakaten vor dem Rathaus kamen Trauer und Solidarität mit denen zum Ausdruck, die Verwandte und Freunde durch eine Flucht verloren haben oder selbst umgekommen sind. Während der etwa halbstündigen Veranstaltung waren lediglich die Geräusche der vorbeifahrenden Autos sowie das Plätschern im Brunnen zu hören.

Am kommenden Freitag, 19. Juni, findet in der Schiaßn ein Benefizkonzert zu Gunsten der AGA mit regionalen Musikern statt. Darunter sind zwei Nachwuchskünstler, die selbst aus ihrer Heimat geflohen sind. Beginn ist um 19.30 Uhr. Weitere Informationen und Karten gibt es auf www.schiassn.com.

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